Germanisiert

Kritische Bemerkung zu einer Sondermarke der deutschen Post AG zum Gedenken an Heinrich Heine

Horst Hartmann

ohne Datum (wahrscheinlich 1996) - gefunden im Internet

Die Ehrung für Heine erweist sich als Verhöhnung. Denn am Rande des Zehnerblocks sind die Runenzeichen Madr und Yr deutlich zu sehen, die im Tausendjährigen Reich beliebt waren, besonders in SS-Kreisen. Ahnungslose Gemüter könnten auf die Idee kommen, dass der deutsche Dichter jüdischer Herkunft nachträglich germanisiert werden soll. Diese Auffassung ist keineswegs abwegig. Beide Runenzeichen tauchen in neonazistischen Publikationen ständig auf. Es gab schon einmal eine Briefmarke mit diesen Runen. Sie wurde im März 1943 im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren verbreitet und zwar anlässlich des ersten Todesjahres von Reinhard Heidrick. Der SS-Oberführer, Chef des Reichssicherheitshauptamtes und stellvertretender Reichsprotektor, war nach einem Attentat tschechischer Patrioten gestorben. Wäre Heinrich Heine noch am Leben, könnte er diesen Vorfall mit seinem Brief vom 15. April 1854 an den Fürsten Hermann von Pücker-Muskai beantworten: «Das ehrliche Deutschland ist der fruchtbarste Boden für alle Bübereyen, und dieser Gedanke verstimmt mich sehr. Diese Halbcivilisation ist schlimmer als russische Barbarey. So viele herrliche Menschen leben dort, und doch passieren dort so viele schändliche Dinge!».

Horst Hartmann