Die romantische Schule

Zweites Buch

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Text by Heinrich Heine (1797-1856)

I

Mit der Gewissenhaftigkeit, die ich mir streng vor-
geschrieben, muß ich hier erwähnen, daß mehrere 
Franzosen sich bei mir beklagt, ich behandelte die 
Schlegel, namentlich Herrn August Wilhelm, mit 
allzu herben Worten. Ich glaube aber, solche Beklag-
nis würde nicht stattfinden, wenn man hier mit der 
deutschen Literaturgeschichte genauer bekannt wäre. 
Viele Franzosen kennen Herrn A. W. Schlegel nur 
aus dem Werke der Frau v. Staël, seiner edlen Be-
schützerin. Die meisten kennen ihn nur dem Namen 
nach; dieser Name klingt ihnen nun im Gedächtnis als
etwas verehrlich Berühmtes, wie etwa der Name Osi-
ris, wovon sie auch nur wissen, daß es ein wunderli-
cher Kauz von Gott ist, der in Ägypten verehrt wurde.
Welche sonstige Ähnlichkeit zwischen Herrn A. W. 
Schlegel und dem Osiris stattfindet, ist ihnen am al-
lerwenigsten bekannt.
Da ich einst zu den akademischen Schülern des äl-
tern Schlegel gehört habe, so dürfte man mich viel-
leicht in betreff desselben zu einiger Schonung ver-
pflichtet glauben. Aber hat Herr A. W. Schlegel den 
alten Bürger geschont, seinen literarischen Vater? 
Nein, und er handelte nach Brauch und Herkommen. 
Denn in der Literatur wie in den Wäldern der nord-
amerikanischen Wilden werden die Väter von den 
Söhnen totgeschlagen, sobald sie alt und schwach ge-
worden.
Ich habe schon in dem vorigen Abschnitt bemerkt, 
daß Friedrich Schlegel bedeutender war als Herr Au-
gust Wilhelm; und in der Tat, letzterer zehrte nur von 
den Ideen seines Bruders und verstand nur die Kunst, 
sie auszuarbeiten. Fr. Schlegel war ein tiefsinniger 
Mann. Er erkannte alle Herrlichkeiten der Vergangen-
heit, und er fühlte alle Schmerzen der Gegenwart. 
Aber er begriff nicht die Heiligkeit dieser Schmerzen 
und ihre Notwendigkeit für das künftige Heil der 
Welt. Er sah die Sonne untergehn und blickte wehmü-
tig nach der Stelle dieses Untergangs und klagte über 
das nächtliche Dunkel, das er heranziehen sah; und er 
merkte nicht, daß schon ein neues Morgenrot an der 
entgegengesetzten Seite leuchtete. Fr. Schlegel nannte
einst den Geschichtsforscher »einen umgekehrten Pro-
pheten«. Dieses Wort ist die beste Bezeichnung für 
ihn selbst. Die Gegenwart war ihm verhaßt, die Zu-
kunft erschreckte ihn, und nur in die Vergangenheit, 
die er liebte, drangen seine offenbarenden Seher-
blicke.
Der arme Fr. Schlegel, in den Schmerzen unserer 
Zeit sah er nicht die Schmerzen der Wiedergeburt, 
sondern die Agonie des Sterbens, und aus Todesangst
flüchtete er sich in die zitternden Ruinen der katholi-
schen Kirche. Diese war jedenfalls der geeignetste Zu-
fluchtsort für seine Gemütsstimmung. Er hatte viel 
heiteren Übermut im Leben ausgeübt; aber er betrach-
tete solches als sündhaft, als Sünde, die späterer Ab-
buße bedurfte, und der Verfasser der »Lucinde« 
mußte notwendigerweise katholisch werden.
Die »Lucinde« ist ein Roman, und außer seinen 
Gedichten und einem dem Spanischen nachgebildeten 
Drama, »Alarkos« geheißen, ist jener Roman die ein-
zige Originalschöpfung, die Fr. Schlegel hinterlassen.
Es hat seinerzeit nicht an Lobpreisern dieses Romans 
gefehlt. Der jetzige hochehrwürdige Herr Schleierma-
cher hat damals enthusiastische Briefe über die 
»Lucinde« herausgegeben. Es fehlte sogar nicht an 
Kritikern, die dieses Produkt als ein Meisterstück 
priesen und die bestimmt prophezeiten, daß es einst 
für das beste Buch in der deutschen Literatur gelten 
werde. Man hätte diese Leute von Obrigkeits wegen 
festsetzen sollen, wie man in Rußland die Propheten, 
die ein öffentliches Unglück prophezeien, vorläufig so
lange einsperrt, bis ihre Weissagung in Erfüllung ge-
gangen. Nein, die Götter haben unsere Literatur vor 
jenem Unglück bewahrt; der Schlegelsche Roman 
wurde bald, wegen seiner unzüchtigen Nichtigkeit, 
allgemein verworfen und ist jetzt verschollen. Lucinde
ist der Name der Heldin dieses Romans, und sie ist 
ein sinnlich witziges Weib oder vielmehr eine Mi-
schung von Sinnlichkeit und Witz. Ihr Gebrechen ist 
eben, daß sie kein Weib ist, sondern eine unerquickli-
che Zusammensetzung von zwei Abstraktionen, Witz 
und Sinnlichkeit. Die Muttergottes mag es dem Ver-
fasser verzeihen, daß er dieses Buch geschrieben; 
nimmermehr verzeihen es ihm die Musen.
Ein ähnlicher Roman, »Florentin« geheißen, wird 
dem seligen Schlegel irrtümlich zugeschrieben. Die-
ses Buch ist, wie man sagt, von seiner Gattin, einer 
Tochter des berühmten Moses Mendelssohn, die er 
ihrem ersten Gemahl entführt und welche mit ihm zur 
römisch-katholischen Kirche übertrat.
Ich glaube, daß es Fr. Schlegeln mit dem Katholi-
zismus Ernst war. Von vielen seiner Freunde glaube 
ich es nicht. Es ist hier sehr schwer, die Wahrheit zu 
ermitteln. Religion und Heuchelei sind Zwillings-
schwestern, und beide sehen sich so ähnlich, daß sie 
zuweilen nicht voneinander zu unterscheiden sind. 
Dieselbe Gestalt, Kleidung und Sprache. Nur dehnt 
die letztere von beiden Schwestern etwas weicher die 
Worte und wiederholt öfter das Wörtchen »Liebe«. - 
Ich rede von Deutschland; in Frankreich ist die eine 
Schwester gestorben, und wir sehen die andere noch 
in tiefster Trauer.
Seit dem Erscheinen der Frau v. Staëlschen »De 
l'Allemagne« hat Fr. Schlegel das Publikum noch mit 
zwei großen Werken beschenkt, die vielleicht seine 
besten sind und jedenfalls die rühmlichste Erwähnung
verdienen. Es sind seine »Weisheit und Sprache der 
Indier« und seine »Vorlesungen über die Geschichte 
der Literatur«. Durch das erstgenannte Buch hat er bei
uns das Studium des Sanskrit nicht bloß eingeleitet, 
sondern auch begründet. Er wurde für Deutschland, 
was William Jones für England war. In der genialsten
Weise hatte er das Sanskrit erlernt, und die wenigen 
Bruchstücke, die er in jenem Buche mitteilt, sind mei-
sterhaft übersetzt. Durch sein tiefes Anschauungsver-
mögen erkannte er ganz die Bedeutung der epischen 
Versart der Indier, der Sloka, die so breit dahinflutet 
wie der Ganges, der heilig klare Fluß. Wie kleinlich 
zeigte sich dagegen Herr A. W. Schlegel, welcher ei-
nige Fragmente aus dem Sanskrit in Hexametern 
übersetzte und sich dabei nicht genug zu rühmen 
wußte, daß er in seiner Übersetzung keine Trochäen 
einschlüpfen lassen und so manches metrische Kunst-
stückchen der Alexandriner nachgeschnitzelt hat. Fr. 
Schlegels Werk über Indien ist gewiß ins Französi-
sche übersetzt, und ich kann mir das weitere Lob er-
sparen. Zu tadeln habe ich nur den Hintergedanken 
des Buches. Es ist im Interesse des Katholizismus ge-
schrieben. Nicht bloß die Mysterien desselben, son-
dern auch die ganze katholische Hierarchie und ihre 
Kämpfe mit der weltlichen Macht hatten diese Leute 
in den indischen Gedichten wiedergefunden. Im »Ma-
habharata« und im »Ramayana« sahen sie gleichsam 
ein Elefantenmittelalter. In der Tat, wenn, in letzter-
wähntem Epos, der König Wiswamitra mit dem Prie-
ster Wasischta hadert, so betrifft solcher Hader diesel-
ben Interessen, um die bei uns der Kaiser mit dem 
Papste stritt, obgleich der Streitpunkt hier in Europa 
die Investitur und dort in Indien die Kuh Sabala ge-
nannt ward.
In betreff der Schlegelschen Vorlesungen über Lite-
ratur läßt sich Ähnliches rügen. Friedrich Schlegel 
übersieht hier die ganze Literatur von einem hohen 
Standpunkte aus, aber dieser hohe Standpunkt ist 
doch immer der Glockenturm einer katholischen Kir-
che. Und bei allem, was Schlegel sagt, hört man diese
Glocken läuten; manchmal hört man sogar die Turm-
raben krächzen, die ihn umflattern. Mir ist, als dufte 
der Weihrauch des Hochamts aus diesem Buche und 
als sähe ich aus den schönsten Stellen desselben lau-
ter tonsurierte Gedanken hervorlauschen. Indessen, 
trotz dieser Gebrechen, wüßte ich kein besseres Buch 
dieses Fachs. Nur durch Zusammenstellung der Her-
derschen Arbeiten solcher Art könnte man sich eine 
bessere Übersicht der Literatur aller Völker verschaf-
fen. Denn Herder saß nicht wie ein literarischer Groß-
inquisitor zu Gericht über die verschiedenen Nationen
und verdammte oder absolvierte sie nach dem Grade 
ihres Glaubens. Nein, Herder betrachtete die ganze 
Menschheit als eine große Harfe in der Hand des gro-
ßen Meisters, jedes Volk dünkte ihm eine besonders 
gestimmte Saite dieser Riesenharfe, und er begriff die 
Universalharmonie ihrer verschiedenen Klänge.
Fr. Schlegel starb im Sommer 1829, wie man 
sagte, infolge einer gastronomischen Unmäßigkeit. Er
wurde siebenundfünfzig Jahr alt. Sein Tod veranlaßte 
einen der widerwärtigsten literarischen Skandale. 
Seine Freunde, die Pfaffenpartei, deren Hauptquartier 
in München, waren ungehalten über die inoffiziose 
Weise, womit die liberale Presse diesen Todesfall be-
sprochen; sie verlästerten und schimpften und 
schmähten daher die deutschen Liberalen. Jedoch von 
keinem derselben konnten sie sagen, »daß er das 
Weib seines Gastfreundes verführt und noch lange 
Zeit nachher von den Almosen des beleidigten Gatten 
gelebt habe«.
Ich muß jetzt, weil man es doch verlangt, von dem 
älteren Bruder, Herrn A. W. Schlegel, sprechen. 
Wollte ich in Deutschland noch von ihm reden, so 
würde man mich dort mit Verwunderung ansehen.
Wer spricht jetzt noch in Paris von der Giraffe?
Herr A. W. Schlegel ist geboren zu Hannover, den 
5. September 1767. Ich weiß das nicht von ihm sel-
ber. Ich war nie so ungalant, ihn über sein Alter zu 
befragen. Jenes Datum fand ich, wenn ich nicht irre, 
in Spindlers Lexikon der deutschen Schriftstellerin-
nen. Herr A. W. Schlegel ist daher jetzt vierundsech-
zig Jahr alt. Herr Alexander v. Humboldt und andere 
Naturforscher behaupten, er sei älter. Auch Champol-
lion war dieser Meinung. Wenn ich von seinen litera-
rischen Verdiensten reden soll, so muß ich ihn wieder 
zunächst als Übersetzer rühmen. Hier hat er unbe-
streitbar das Außerordentliche geleistet. Namentlich 
seine Übertragung des Shakespeare in die deutsche 
Sprache ist meisterhaft, unübertreffbar. Vielleicht mit 
Ausnahme des Herren Gries und des Herren Grafen 
Platen ist Herr A. W. Schlegel überhaupt der größte 
Metriker Deutschlands. In allen übrigen Tätigkeiten 
gebührt ihm nur der zweite, wo nicht gar der dritte 
Rang. In der ästhetischen Kritik fehlt ihm, wie ich 
schon gesagt, der Boden einer Philosophie, und weit 
überragen ihn andere Zeitgenossen, namentlich Sol-
ger. Im Studium des Altdeutschen steht turmhoch 
über ihn erhaben Herr Jakob Grimm, der uns durch 
seine »Deutsche Grammatik« von jener Oberfläch-
lichkeit befreite, womit man, nach dem Beispiel der 
Schlegel, die altdeutschen Sprachdenkmale erklärt 
hatte. Herr Schlegel konnte es vielleicht im Studium 
des Altdeutschen weit bringen, wenn er nicht ins 
Sanskrit hinübergesprungen wäre. Aber das Altdeut-
sche war außer Mode gekommen, und mit dem 
Sanskrit konnte man frisches Aufsehen erregen. Auch 
hier blieb er gewissermaßen Dilettant, die Initiative 
seiner Gedanken gehört noch seinem Bruder Fried-
rich, und das Wissenschaftliche, das Reelle in seinen 
sanskritischen Leistungen gehört, wie jeder weiß, dem
Herren Lassen, seinem gelehrten Kollaborator. Herr 
Franz Bopp zu Berlin ist in Deutschland der eigentli-
che Sanskritgelehrte, er ist der Erste in seinem Fache. 
In der Geschichtskunde hat sich Herr Schlegel einmal 
an dem Ruhme Niebuhrs, den er angriff, festkrämpen 
wollen; aber vergleicht man ihn mit diesem großen 
Forscher oder vergleicht man ihn mit einem Johannes 
v. Müller, einem Heeren, einem Schlosser und ähnli-
chen Historikern, so muß man über ihn die Achsel 
zucken. Wie weit hat er es aber als Dichter gebracht? 
Dies ist schwer zu bestimmen.
Der Violinspieler Solomons, welcher dem König 
von England, Georg III., Unterricht gab, sagte einst 
zu seinem erhabenen Schüler »Die Violinspieler wer-
den eingeteilt in drei Klassen; zur ersten Klasse gehö-
ren die, welche gar nicht spielen können, zur zweiten 
Klasse gehören die, welche sehr schlecht spielen, und 
zur dritten Klasse gehören endlich die, welche gut 
spielen; Ew. Majestät hat sich schon bis zur zweiten 
Klasse emporgeschwungen.«
Gehört nun Herr A. W. Schlegel zur ersten Klasse 
oder zur zweiten Klasse? Die einen sagen, er sei gar 
kein Dichter; die anderen sagen, er sei ein sehr 
schlechter Dichter. Soviel weiß ich, er ist kein Paga-
nini.
Seine Berühmtheit erlangte Herr A. W. Schlegel 
eigentlich nur durch die unerhörte Keckheit, womit er 
die vorhandenen literarischen Autoritäten angriff. Er 
riß die Lorbeerkränze von den alten Perücken und er-
regte bei dieser Gelegenheit viel Puderstaub. Sein 
Ruhm ist eine natürliche Tochter des Skandals.
Wie ich schon mehrmals erwähnt, die Kritik, 
womit Herr Schlegel die vorhandenen Autoritäten an-
griff, beruhte durchaus auf keiner Philosophie. Nach-
dem wir von jenem Erstaunen, worin jede Vermessen-
heit uns versetzt, zurückgekommen, erkennen wir 
ganz und gar die innere Leerheit der sogenannten 
Schlegelschen Kritik. Zum Beispiel wenn er den 
Dichter Bürger herabsetzen will, so vergleicht er des-
sen Balladen mit den altenglischen Balladen, die 
Percy gesammelt, und er zeigt, wie diese viel einfa-
cher, naiver, altertümlicher und folglich poetischer ge-
dichtet seien. Hinlänglich begriffen hat Herr Schlegel 
den Geist der Vergangenheit, besonders des Mittelal-
ters, und es gelingt ihm daher, diesen Geist auch in 
den Kunstdenkmälern der Vergangenheit nachzuwei-
sen und ihre Schönheiten aus diesem Gesichtspunkte 
zu demonstrieren. Aber alles, was Gegenwart ist, be-
greift er nicht; höchstens erlauscht er nur etwas von 
der Physiognomie, einige äußerliche Züge der Gegen-
wart, und das sind gewöhnlich die minder schönen 
Züge; indem er nicht den Geist begreift, der sie be-
lebt, so sieht er in unserm ganzen modernen Leben 
nur eine prosaische Fratze. Oberhaupt, nur ein großer 
Dichter vermag die Poesie seiner eignen Zeit zu er-
kennen; die Poesie einer Vergangenheit offenbart sich
uns weit leichter, und ihre Erkenntnis ist leichter mit-
zuteilen. Daher gelang es Herrn Schlegel, beim gro-
ßen Haufen die Dichtungen, worin die Vergangenheit 
eingesargt liegt, auf Kosten der Dichtungen, worin 
unsere moderne Gegenwart atmet und lebt, emporzu-
preisen. Aber der Tod ist nicht poetischer als das 
Leben. Die altenglischen Gedichte, die Percy gesam-
melt, geben den Geist ihrer Zeit, und Bürgers Gedich-
te geben den Geist der unsrigen. Diesen Geist begriff 
Herr Schlegel nicht; sonst würde er in dem Ungestüm,
womit dieser Geist zuweilen aus den Bürgerschen Ge-
dichten hervorbricht, keineswegs den rohen Schrei 
eines ungebildeten Magisters gehört haben, sondern 
vielmehr die gewaltigen Schmerzlaute eines Titanen, 
welchen eine Aristokratie von hannövrischen Junkern 
und Schulpedanten zu Tode quälten. Dieses war näm-
lich die Lage des Verfassers der »Leonore« und die 
Lage so mancher anderen genialen Menschen, die als 
arme Dozenten in Göttingen darbten, verkümmerten 
und in Elend starben. Wie konnte der vornehme, von 
vornehmen Gönnern beschützte, renovierte, baroni-
sierte, bebänderte Ritter August Wilhelm von Schle-
gel jene Verse begreifen, worin Bürger laut ausruft, 
daß ein Ehrenmann, ehe er die Gnade der Großen er-
bettle, sich lieber aus der Welt heraushungern solle!
Der Name »Bürger« ist im Deutschen gleichbedeu-
tend mit dem Worte citoyen.
Was den Ruhm des Herrn Schlegel noch gesteigert,
war das Aufsehen, welches er später hier in Frank-
reich erregte, als er auch die literarischen Autoritäten 
der Franzosen angriff. Wir sahen mit stolzer Freude, 
wie unser kampflustiger Landsmann den Franzosen 
zeigte, daß ihre ganze klassische Literatur nichts wert 
sei, daß Molière ein Possenreißer und kein Dichter 
sei, daß Racine ebenfalls nichts tauge, daß man uns 
Deutschen hingegen als die Könige des Parnassus be-
trachten müsse. Sein Refrain war immer, daß die 
Franzosen das prosaischste Volk der Welt seien und 
daß es in Frankreich gar keine Poesie gäbe. Dieses 
sagte der Mann zu einer Zeit, als vor seinen Augen 
noch so mancher Chorführer der Konvention, der gro-
ßen Titanentragödie, leibhaftig umherwandelte; zu 
einer Zeit, als Napoleon jeden Tag ein gutes Epos im-
provisierte, als Paris wimmelte von Helden, Königen 
und Göttern... Herr Schlegel hat jedoch von dem 
allem nichts gesehen; wenn er hier war, sah er sich 
selber beständig im Spiegel, und da ist es wohl 
erklärlich, daß er in Frankreich gar keine Poesie sah.
Aber Herr Schlegel, wie ich schon oben gesagt, 
vermochte immer nur die Poesie der Vergangenheit 
und nicht der Gegenwart zu begreifen. Alles, was mo-
dernes Leben ist, mußte ihm prosaisch erscheinen, 
und unzugänglich blieb ihm die Poesie Frankreichs, 
des Mutterbodens der modernen Gesellschaft. Racine 
mußte gleich der erste sein, den er nicht begreifen 
konnte. Denn dieser große Dichter steht schon als He-
rold der modernen Zeit neben dem großen Könige, 
mit welchem die moderne Zeit beginnt. Racine war 
der erste moderne Dichter, wie Ludwig XIV. der erste
moderne König war. In Corneille atmet noch das Mit-
telalter. In ihm und in der Fronde röchelt noch das 
alte Rittertum. Man nennt ihn auch deshalb manchmal
romantisch. In Racine ist aber die Denkweise des 
Mittelalters ganz erloschen; in ihm erwachen lauter 
neue Gefühle; er ist das Organ einer neuen Gesell-
schaft; in seiner Brust dufteten die ersten Veilchen un-
seres modernen Lebens; ja wir könnten sogar schon 
die Lorbeeren darin knospen sehen, die erst später, in 
der jüngsten Zeit, so gewaltig emporgeschossen. Wer 
weiß, wieviel Taten aus Racines zärtlichen Versen er-
blüht sind! Die französischen Helden, die bei den Py-
ramiden, bei Marengo, bei Austerlitz, bei Moskau 
und bei Waterloo begraben liegen, sie hatten alle einst
Racines Verse gehört, und ihr Kaiser hatte sie gehört 
aus dem Munde Talmas. Wer weiß, wieviel Zentner 
Ruhm von der Vendômesäule eigentlich dem Racine 
gebührt. Ob Euripides ein größerer Dichter ist als Ra-
cine, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß letzterer 
eine lebendige Quelle von Liebe und Ehrgefühl war 
und mit seinem Tranke ein ganzes Volk berauscht und
entzückt und begeistert hat. Was verlangt ihr mehr 
von einem Dichter? Wir sind alle Menschen, wir stei-
gen ins Grab und lassen zurück unser Wort, und wenn
dieses seine Mission erfüllt hat, dann kehrt es zurück 
in die Brust Gottes, den Sammelplatz der Dichterwor-
te, die Heimat aller Harmonie.
Hätte sich nun Herr Schlegel darauf beschränkt, zu 
behaupten, daß die Mission des Racinischen Wortes 
vollendet sei und daß die fortgerückte Zeit ganz ande-
rer Dichter bedürfe, so hätten seine Angriffe einigen 
Grund. Aber grundlos waren sie, wenn er Racines 
Schwäche durch eine Vergleichung mit älteren Dich-
tern erweisen wollte. Nicht bloß ahnte er nichts von 
der unendlichen Anmut, dem süßen Scherz, dem tie-
fen Reiz, welcher darin lag, daß Racine seine neuen 
französischen Helden mit antiken Gewändern kostü-
mierte und zu dem Interesse einer modernen Leiden-
schaft noch das Interessante einer geistreichen Maske-
rade mischte: Herr Schlegel war sogar tölpelhaft 
genug, jene Vermummung für bare Münze zu neh-
men, die Griechen von Versailles nach den Griechen 
von Athen zu beurteilen und die »Phädra« des Racine 
mit der »Phädra« des Euripides zu vergleichen! Diese 
Manier, die Gegenwart mit dem Maßstabe der Ver-
gangenheit zu messen, war bei Herrn Schlegel so ein-
gewurzelt, daß er immer mit dem Lorbeerzweig eines 
älteren Dichters den Rücken der jüngeren Dichter zu 
geißeln pflegte und daß er, um wieder den Euripides 
selber herabzusetzen, nichts Besseres wußte, als daß 
er ihn mit dem älteren Sophokles oder gar mit dem 
Äschylus verglich.
Es würde zu weit führen, wollte ich hier ent-
wickeln, wie Herr Schlegel gegen den Euripides, den 
er in jener Manier herabzuwürdigen gesucht, ebenso 
wie einst Aristophanes, das größte Unrecht verübt. 
Letzterer, der Aristophanes, befand sich, in dieser 
Hinsicht, auf einem Standpunkte, welcher mit dem 
Standpunkte der romantischen Schule die größte Ähn-
lichkeit darbietet; seiner Polemik liegen ähnliche Ge-
fühle und Tendenzen zum Grunde, und wenn man 
Herrn Tieck einen romantischen Aristophanes nannte,
so könnte man mit Fug den Parodisten des Euripides 
und des Sokrates einen klassischen Tieck nennen. 
Wie Herr Tieck und die Schlegel trotz der eignen Un-
gläubigkeit dennoch den Untergang des Katholizis-
mus bedauerten; wie sie diesen Glauben bei der 
Menge zu restaurieren wünschten; wie sie in dieser 
Absicht die protestantischen Rationalisten, die 
Aufklärer, die echten noch mehr als die falschen, mit 
Spott und Verlästerung befehdeten; wie sie gegen 
Männer, die im Leben und in der Literatur eine ehrsa-
me Bürgerlichkeit beförderten, die grimmigste Abnei-
gung hegten; wie sie diese Bürgerlichkeit als phili-
sterhafte Kleinmisere persiflierten und dagegen be-
ständig das große Heldenleben des feudalistischen 
Mittelalters gerühmt und gefeiert: so hat auch Aristo-
phanes, welcher selber die Götter verspöttelte, den-
noch die Philosophen gehaßt, die dem ganzen Olymp 
den Untergang bereiteten; er haßte den rationalisti-
schen Sokrates, welcher eine bessere Moral predigte; 
er haßte die Dichter, die gleichsam schon ein moder-
nes Leben aussprachen, welches sich von der früheren
griechischen Götter-, Helden- und Königsperiode 
ebenso unterschied wie unsere jetzige Zeit von den 
mittelalterlichen Feudalzeiten; er haßte den Euripides,
welcher nicht mehr wie Äschylus und Sophokles von 
dem griechischen Mittelalter trunken war, sondern 
sich schon der bürgerlichen Tragödie näherte. Ich 
zweifle, ob sich Herr Schlegel der wahren Beweg-
gründe bewußt war, warum er den Euripides so sehr 
herabsetzte, in Vergleichung mit Äschylus und So-
phokles: ich glaube, ein unbewußtes Gefühl leitete 
ihn, in dem alten Tragiker roch er das modern demo-
kratische und protestantische Element, welches schon 
dem ritterschaftlichen und olympisch-katholischen 
Aristophanes so sehr verhaßt war.
Vielleicht aber erzeige ich Herren A. W. Schlegel 
eine unverdiente Ehre, indem ich ihm bestimmte Sym-
pathien und Antipathien beimesse. Es ist möglich, 
daß er gar keine hatte. Er war in seiner Jugend ein 
Hellenist und wurde erst später ein Romantiker. Er 
wurde Chorführer der neuen Schule, diese wurde nach
ihm und seinem Bruder benamset, und er selber war 
vielleicht derjenige, dem es mit der Schlegelschen 
Schule am wenigsten Ernst war. Er unterstützte sie 
mit seinen Talenten, er studierte sich in sie hinein, er 
freute sich damit, solang es gut ging, und als es mit 
der Schule ein schlechtes Ende nahm, hat er sich wie-
der in ein neues Fach hineinstudiert.
Obgleich nun die Schule zugrunde ging, so haben 
doch die Anstrengungen des Herren Schlegel gute 
Früchte getragen für unsere Literatur. Namentlich 
hatte er gezeigt, wie man wissenschaftliche Gegen-
stände in eleganter Sprache behandeln kann. Früher-
hin wagten wenige deutsche Gelehrte, ein wissen-
schaftliches Buch in einem klaren und anziehenden 
Stile zu schreiben. Man schrieb ein verworrenes, 
trockenes Deutsch, welches nach Talglichtern und 
Tabak roch. Herr Schlegel gehörte zu den wenigen 
Deutschen, die keinen Tabak rauchen, eine Tugend, 
welche er der Gesellschaft der Frau von Staël ver-
dankte. Überhaupt verdankt er jener Dame die äußere 
Politur, welche er in Deutschland mit so vielem Vor-
teil geltend machen konnte. In dieser Hinsicht war der
Tod der vortrefflichen Frau v. Staël ein großer Verlust
für diesen deutschen Gelehrten, der in ihrem Salon so 
viele Gelegenheit fand, die neuesten Moden kennen-
zulernen, und als ihr Begleiter in allen Hauptstädten 
Europas die schöne Welt sehen und sich die schön-
sten Weltsitten aneignen konnte. Solche bildende 
Verhältnisse waren ihm so sehr zum heiteren Lebens-
bedürfnis geworden, daß er, nach dem Tode seiner 
edlen Beschützerin, nicht abgeneigt war, der berühm-
ten Catalani seine Begleitung auf ihren Reisen anzu-
bieten.
Wie gesagt, die Beförderung der Eleganz ist ein 
Hauptverdienst des Herren Schlegel, und durch ihn 
kam auch in das Leben der deutschen Dichter mehr 
Zivilisation. Schon Goethe hatte das einflußreichste 
Beispiel gegeben, wie man ein deutscher Dichter sein 
kann und dennoch den äußerlichen Anstand zu be-
wahren vermag. In früheren Zeiten verachteten die 
deutschen Dichter alle konventionellen Formen, und 
der Name »deutscher Dichter« oder gar der Name 
»poetisches Genie« erlangte die unerfreulichste Be-
deutung. Ein deutscher Dichter war ehemals ein 
Mensch, der einen abgeschabten, zerrissenen Rock 
trug, Kindtauf- und Hochzeitgedichte für einen Taler 
das Stück verfertigte, statt der guten Gesellschaft, die 
ihn abwies, desto bessere Getränke genoß, auch wohl 
des Abends betrunken in der Gosse lag, zärtlich ge-
küßt von Lunas gefühlvollen Strahlen. Wenn sie alt 
geworden, pflegten diese Menschen noch tiefer in ihr 
Elend zu versinken, und es war freilich ein Elend 
ohne Sorge, oder dessen einzige Sorge darin besteht, 
wo man den meisten Schnaps für das wenigste Geld 
haben kann.
So hatte auch ich mir einen deutschen Dichter vor-
gestellt. Wie angenehm verwundert war ich daher 
Anno 1819, als ich, ein ganz junger Mensch, die Uni-
versität Bonn besuchte und dort die Ehre hatte, den 
Herrn Dichter A. W. Schlegel, das poetische Genie, 
von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Es war, mit 
Ausnahme des Napoleon, der erste große Mann, den 
ich damals gesehen, und ich werde nie diesen erhabe-
nen Anblick vergessen. Noch heute fühle ich den hei-
ligen Schauer, der durch meine Seele zog, wenn ich 
vor seinem Katheder stand und ihn sprechen hörte. 
Ich trug damals einen weißen Flauschrock, eine rote 
Mütze, lange blonde Haare und keine Handschuhe. 
Herr A. W. Schlegel trug aber Glacéhandschuh' und 
war noch ganz nach der neuesten Pariser Mode ge-
kleidet; er war noch ganz parfümiert von guter Gesell-
schaft und eau de mille fleurs; er war die Zierlichkeit 
und die Eleganz selbst, und wenn er vom Großkanzler
von England sprach, setzte er hinzu »mein Freund«, 
und neben ihm stand sein Bedienter in der freiherr-
lichst Schlegelschen Hauslivree und putzte die 
Wachslichter, die auf silbernen Armleuchtern brann-
ten und nebst einem Glase Zuckerwasser vor dem 
Wundermanne auf dem Katheder standen. Livreebe-
dienter! Wachslichter! Silberne Armleuchter! mein 
Freund, der Großkanzler von England! Glacéhand-
schuh'! Zuckerwasser! welche unerhörte Dinge im 
Kollegium eines deutschen Professors! Dieser Glanz 
blendete uns junge Leute nicht wenig und mich be-
sonders, und ich machte auf Herrn Schlegel damals 
drei Oden, wovon jede anfing mit den Worten: »O du,
der du« usw. Aber nur in der Poesie hätte ich es ge-
wagt, einen so vornehmen Mann zu duzen. Sein Äu-
ßeres gab ihm wirklich eine gewisse Vornehmheit. 
Auf seinem dünnen Köpfchen glänzten nur noch we-
nige silberne Härchen, und sein Leib war so dünn, so 
abgezehrt, so durchsichtig, daß er ganz Geist zu sein 
schien, daß er fast aussah wie ein Sinnbild des Spiri-
tualismus.
Trotzdem hatte er damals geheuratet, und er, der 
Chef der Romantiker, heuratete die Tochter des Kir-
chenrat Paulus zu Heidelberg, des Chefs der deut-
schen Rationalisten. Es war eine symbolische Ehe, die
Romantik vermählte sich gleichsam mit dem Rationa-
lismus; sie blieb aber ohne Früchte. Im Gegenteil, die 
Trennung zwischen der Romantik und dem 
Rationalismus wurde dadurch noch größer, und schon
gleich am andern Morgen nach der Hochzeitnacht lief 
der Rationalismus wieder nach Hause und wollte 
nichts mehr mit der Romantik zu schaffen haben. 
Denn der Rationalismus, wie er denn immer vernünf-
tig ist, wollte nicht bloß symbolisch vermählt sein, 
und sobald er die hölzerne Nichtigkeit der romanti-
schen Kunst erkannt, lief er davon. Ich weiß, ich rede 
hier dunkel und will mich daher so klar als möglich 
ausdrücken:
Typhon, der böse Typhon, haßte den Osiris (wel-
cher, wie ihr wißt, ein ägyptischer Gott ist), und als er
ihn in seine Gewalt bekam, riß er ihn in Stücken. Isis,
die arme Isis, die Gattin des Osiris, suchte diese 
Stücke mühsam zusammen, flickte sie aneinander, 
und es gelang ihr, den zerrissenen Gatten wieder ganz
herzustellen; ganz? ach nein, es fehlte ein Hauptstück,
welches die arme Göttin nicht wiederfinden konnte, 
arme Isis! Sie mußte sich daher begnügen mit einer 
Ergänzung von Holz, aber Holz ist nur Holz, arme 
Isis! Hierdurch entstand nun in Ägypten ein skandalö-
ser Mythos und in Heidelberg ein mystischer Skandal.
Herrn A. W. Schlegel verlor man seitdem ganz 
außer Augen. Er war verschollen. Mißmut über sol-
ches Vergessenwerden trieb ihn endlich, nach lang-
jähriger Abwesenheit, wieder einmal nach Berlin, der 
ehemaligen Hauptstadt seines literarischen Glanzes, 
und er hielt dort wieder einige Vorlesungen über Äs-
thetik. Aber er hatte unterdessen nichts Neues gelernt,
und er sprach jetzt zu einem Publikum, welches von 
Hegel eine Philosophie der Kunst, eine Wissenschaft 
der Ästhetik, erhalten hatte. Man spottete und zuckte 
die Achsel. Es ging ihm wie einer alten Komödiantin, 
die nach zwanzigjähriger Abwesenheit den Schau-
platz ihres ehemaligen Sukzeß wieder betritt und 
nicht begreift, warum die Leute lachen, statt zu ap-
plaudieren. Der Mann hatte sich entsetzlich verändert,
und er ergötzte Berlin vier Wochen lang durch die 
Etalage seiner Lächerlichkeiten. Er war ein alter eitler
Geck geworden, der sich überall zum Narren halten 
ließ. Man erzählt darüber die unglaublichsten Dinge.
Hier in Paris hatte ich die Betrübnis, Herrn A. W. 
Schlegel persönlich wiederzusehen. Wahrlich, von 
dieser Veränderung hatte ich doch keine Vorstellung, 
bis ich mich mit eigenen Augen davon überzeugte. Es
war vor einem Jahre, kurz nach meiner Ankunft in der
Hauptstadt. Ich ging eben, das Haus zu sehen, worin 
Molière gewohnt hat; denn ich ehre große Dichter und
suche überall mit religiöser Andacht die Spuren ihres 
irdischen Wandels. Das ist ein Kultus. Auf meinem 
Wege, unfern von jenem geheiligten Flause, erblickte 
ich ein Wesen, in dessen verwebten Zügen sich eine 
Ähnlichkeit mit dem ehemaligen A. W. Schlegel 
kundgab. Ich glaubte seinen Geist zu sehen. Aber es 
war nur sein Leib. Der Geist ist tot, und der Leib 
spukt noch auf der Erde, und er ist unterdessen ziem-
lich fett geworden; an den dünnen spiritualistischen 
Beinen hatte sich wieder Fleisch angesetzt; es war 
sogar ein Bauch zu sehen, und oben drüber hingen 
eine Menge Ordensbänder. Das sonst so feine greise 
Köpfchen trug eine goldgelbe Perücke. Er war geklei-
det nach der neuesten Mode jenes Jahrs, in welchem 
Frau von Staël gestorben. Dabei lächelte er so veraltet
süß wie eine bejahrte Dame, die ein Stück Zucker im 
Munde hat, und bewegte sich so jugendlich wie ein 
kokettes Kind. Es war wirklich eine sonderbare Ver-
jüngung mit ihm vorgegangen; er hatte gleichsam eine
spaßhafte zweite Auflage seiner Jugend erlebt; er 
schien ganz wieder in die Blüte gekommen zu sein, 
und die Röte seiner Wangen habe ich sogar in Ver-
dacht, daß sie keine Schminke war, sondern eine ge-
sunde Ironie der Natur.
Mir war in diesem Augenblick, als sähe ich den se-
ligen Molière am Fenster stehen und als lächelte er zu
mir herab, hindeutend auf jene melancholisch heitere 
Erscheinung. Alle Lächerlichkeit derselben ward mir 
auf einmal so ganz einleuchtend; ich begriff die ganze
Tiefe und Fülle des Spaßes, der darin enthalten war; 
ich begriff ganz den Lustspielcharakter jener fabelhaft
ridikülen Personnage, die leider keinen großen Komi-
ker gefunden hat, um sie gehörig für die Bühne zu 
benutzen. Molière allein wäre der Mann gewesen, der 
eine solche Figur für das Théâtre Français bearbeiten 
konnte, er allein hatte das dazu nötige Talent; - und 
das ahnte Herr A. W. Schlegel schon frühzeitig, und 
er haßte den Moliére aus demselben Grunde, weshalb 
Napoleon den Tacitus gehaßt hat. Wie Napoleon Bo-
naparte, der französische Cäsar, wohl fühlte, daß ihn 
der republikanische Geschichtschreiber ebenfalls 
nicht mit Rosenfarben geschildert hätte, so hatte auch 
Herr A. W. Schlegel, der deutsche Osiris, längst ge-
ahnt, daß er dem Molière, dem großen Komiker, wenn
dieser jetzt lebte, nimmermehr entgangen wäre. Und 
Napoleon sagte von Tacitus, er sei der Verleumder 
des Tiberius, und Herr August Wilhelm Schlegel 
sagte von Molière, daß er gar kein Dichter, sondern 
nur ein Possenreißer gewesen sei.
Herr A. W. Schlegel verließ bald darauf Paris, 
nachdem er vorher von Sr. Majestät, Ludwig Philipp 
I., König der Franzosen, mit dem Orden der Ehrenle-
gion dekoriert worden. Der »Moniteur« hat bis jetzt 
noch gezögert, diese Begebenheit gehörig zu berich-
ten; aber Thalia, die Muse der Komödie, hat sie ha-
stig aufgezeichnet in ihr lachendes Notizenbuch.

II

Nach den Schlegeln war Herr Ludwig Tieck einer 
der tätigsten Schriftsteller der romantischen Schule. 
Für diese kämpfte und dichtete er. Er war Poet, ein 
Name, den keiner von den beiden Schlegeln verdient. 
Er war der wirkliche Sohn des Phöbus Apollo, und 
wie sein ewig jugendlicher Vater führte er nicht bloß 
die Leier, sondern auch den Bogen mit dem Köcher 
voll klingender Pfeile. Er war trunken von lyrischer 
Lust und kritischer Grausamkeit, wie der delphische 
Gott. Hatte er, gleich diesem, irgendeinen literari-
schen Marsyas erbärmlichst geschunden, dann griff 
er, mit den blutigen Fingern, wieder lustig in die gol-
denen Saiten seiner Leier und sang ein freudiges Min-
nelied.
Die poetische Polemik, die Herr Tieck, in dramati-
scher Form, gegen die Gegner der Schule führte, ge-
hört zu den außerordentlichsten Erscheinungen unse-
rer Literatur. Es sind satirische Dramen, die man ge-
wöhnlich mit den Lustspielen des Aristophanes ver-
gleicht Aber sie unterscheiden sich von diesen fast 
ebenso, wie eine Sophokleische Tragödie sich von 
einer Shakespeareschen unterscheidet. Hatte nämlich 
die antike Komödie ganz den einheitlichen Zuschnitt, 
den strengen Gang und die zierlichst ausgebildete 
metrische Sprache der antiken Tragödie, als deren 
Parodie sie gelten konnte, so sind die dramatischen 
Satiren des Herrn Tieck ganz so abenteuerlich zuge-
schnitten, ganz so englisch unregelmäßig und so me-
trisch willkürlich wie die Tragödien des Shakespeare. 
War diese Form eine neue Erfindung des Herrn 
Tieck? Nein, sie existierte bereits unter dem Volke, 
namentlich unter dem Volke in Italien. Wer Italie-
nisch versteht, kann sich einen ziemlich richtigen Be-
griff jener Tieckschen Dramen verschaffen, wenn er 
sich in die buntscheckig bizarren, venezianisch phan-
tastischen Märchenkomödien des Gozzi noch etwas 
deutschen Mondschein hineinträumt. Sogar die mei-
sten seiner Masken hat Herr Tieck diesem heiteren 
Kinde der Lagunen entlehnt. Nach seinem Beispiel 
haben viele deutsche Dichter sich ebenfalls dieser 
Form bemächtigt, und wir erhielten Lustspiele, deren 
komische Wirkung nicht durch einen launigen Cha-
rakter oder durch eine spaßhafte Intrige herbeigeführt 
wird, sondern die uns gleich unmittelbar in eine komi-
sche Welt versetzen, in eine Welt, wo die Tiere wie 
Menschen sprechen und handeln und wo Zufall und 
Willkür an die Stelle der natürlichen Ordnung der 
Dinge getreten ist. Dieses finden wir auch bei Aristo-
phanes. Nur daß letzterer diese Form gewählt, um uns
seine tiefsinnigsten Weltanschauungen zu offenbaren, 
wie z.B. in den »Vögeln«, wo das wahnwitzigste 
Treiben der Menschen, ihre Sucht, in der leeren Luft 
die herrlichsten Schlösser zu bauen, ihr Trotz gegen 
die ewigen Götter und ihre eingebildete Siegesfreude 
in den possierlichsten Fratzen dargestellt ist. Darum 
eben ist Aristophanes so groß, weil seine Weltansicht 
so groß war, weil sie größer, ja tragischer war als die 
der Tragiker selbst, weil seine Komödien wirklich 
»scherzende Tragödien« waren; denn z.B. Paisteteros 
wird nicht am Ende des Stückes, wie etwa ein moder-
ner Dichter tun würde, in seiner lächerlichen Nichtig-
keit dargestellt, sondern vielmehr er gewinnt die Basi-
lea, die schöne, wundermächtige Basilea, er steigt mit
dieser himmlischen Gemahlin empor in seine Luft-
stadt, die Götter sind gezwungen, sich seinem Willen 
zu fügen, die Narrheit feiert ihre Vermählung mit der 
Macht, und das Stück schließt mit jubelnden Hy-
menäen. Gibt es für einen vernünftigen Menschen 
etwas grauenhaft Tragischeres als dieser Narrensieg 
und Narrentriumph! So hoch aber verstiegen sich 
nicht unsere deutschen Aristophanesse; sie enthielten 
sich jeder höheren Weltanschauung; über die zwei 
wichtigsten Verhältnisse des Menschen, das politi-
sche und das religiöse, schwiegen sie mit großer Be-
scheidenheit; nur das Thema, das Aristophanes in den
»Fröschen« besprochen, wagten sie zu behandeln: 
zum Hauptgegenstand ihrer dramatischen Satire wähl-
ten sie das Theater selbst, und sie satirisierten, mit 
mehr oder minderer Laune, die Mängel unserer 
Bühne.
Aber man muß auch den politisch unfreien Zustand
Deutschlands berücksichtigen. Unsere Witzlinge 
müssen sich, in betreff wirklicher Fürsten, aller An-
züglichkeiten enthalten, und für diese Beschränkung 
wollen sie daher an den Theaterkönigen und Kulis-
senprinzen sich entschädigen. Wir, die wir fast gar 
keine räsonierende politische Journale besaßen, waren
immer desto gesegneter mit einer Unzahl ästhetischer 
Blätter, die nichts als müßige Märchen und Theater-
kritiken enthielten, so daß, wer unsere Blätter sah, 
beinahe glauben mußte, das ganze deutsche Volk be-
stände aus lauter schwatzenden Ammen und Theater-
rezensenten. Aber man hätte uns doch unrecht getan. 
Wie wenig solches klägliche Geschreibsel uns genüg-
te, zeigte sich nach der Juliusrevolution, als es den 
Anschein gewann, daß ein freies Wort auch in unse-
rem teuren Vaterland gesprochen werden dürfte. Es 
entstanden plötzlich Blätter, welche das gute oder 
schlechte Spiel der wirklichen Könige rezensierten, 
und mancher derselben, der seine Rolle vergessen, 
wurde in der eigenen Hauptstadt ausgepfiffen. Unsere 
literarischen Scheherezaden, welche das Publikum, 
den plumpen Sultan, mit ihren kleinen Novellen ein-
zuschläfern pflegten, mußten jetzt verstummen, und 
die Komödianten sahen mit Verwunderung, wie leer 
das Parterre war, wenn sie noch so göttlich spielten, 
und wie sogar der Sperrsitz des furchtbaren Stadtkriti-
kers sehr oft unbesetzt blieb. Früherhin hatten sich die
guten Bretterhelden immer beklagt, daß nur sie und 
wieder sie zum öffentlichen Gegenstand der Bespre-
chung dienen müßten und daß sogar ihre häuslichen 
Tugenden in den Zeitungen enthüllt würden. Wie er-
schraken sie, als es den Anschein gewann, daß am 
Ende gar nicht mehr von ihnen die Rede sein möchte!
In der Tat, wenn in Deutschland die Revolution 
ausbrach, so hatte es ein Ende mit Theater und Thea-
terkritik, und die erschreckten Novellendichter, Ko-
mödianten und Theaterrezensenten fürchteten mit 
Recht, »daß die Kunst zugrunde ginge«. Aber das 
Entsetzliche ist von unserem Vaterlande, durch die 
Weisheit und Kraft des Frankfurter Bundestages, 
glücklich abgewendet worden; es wird hoffentlich 
keine Revolution in Deutschland ausbrechen, vor der 
Guillotine und allen Schrecknissen der Preßfreiheit 
sind wir bewahrt, sogar die Deputiertenkammern, 
deren Konkurrenz den früher konzessionierten Thea-
tern soviel geschadet, werden abgeschafft, und die 
Kunst ist gerettet. Für die Kunst wird jetzt in 
Deutschland alles mögliche getan, namentlich in 
Preußen. Die Museen strahlen in sinnreicher Farben-
lust, die Orchester rauschen, die Tänzerinnen springen
ihre süßesten Entrechats, mit tausendundeine Novelle 
wird das Publikum ergötzt, und es blüht wieder die 
Theaterkritik.
Justin erzählt in seinen Geschichten: Als Cyrus die 
Revolte der Lydier gestillt hatte, wußte er den störri-
gen, freiheitsüchtigen Geist derselben nur dadurch zu 
bezähmen, daß er ihnen befahl, schöne Künste und 
sonstige lustige Dinge zu treiben. Von lydischen 
Emeuten war seitdem nicht mehr die Rede, desto be-
rühmter aber wurden lydische Restaurateure, Kuppler 
und Artisten.
Wir haben jetzt Ruhe in Deutschland, die Theater-
kritik und die Novelle wird wieder Hauptsache; und 
da Herr Tieck in diesen beiden Leistungen exzelliert, 
so wird ihm von allen Freunden der Kunst die gebüh-
rende Bewunderung gezollt. Er ist, in der Tat, der 
beste Novellist in Deutschland. Jedoch alle seine er-
zählenden Erzeugnisse sind weder von derselben Gat-
tung noch von demselben Werte. Wie bei den Malern 
kann man auch bei Herrn Tieck mehrere Manieren un-
terscheiden. Seine erste Manier gehört noch ganz der 
früheren alten Schule. Er schrieb damals nur auf An-
trieb und Bestellung eines Buchhändlers, welcher 
eben kein anderer war als der selige Nicolai selbst, 
der eigensinnigste Champion der Aufklärung und Hu-
manität, der große Feind des Aberglaubens, des My-
stizismus und der Romantik. Nicolai war ein schlech-
ter Schriftsteller, eine prosaische Perücke, und er hat 
sich mit seiner Jesuitenriecherei oft sehr lächerlich ge-
macht. Aber wir Spätergeborenen, wir müssen doch 
eingestehn, daß der alte Nicolai ein grundehrlicher 
Mann war, der es redlich mit dem deutschen Volke 
meinte und der aus Liebe für die heilige Sache der 
Wahrheit sogar das schlimmste Martyrtum, das Lä-
cherlichwerden, nicht scheute. Wie man mir zu Berlin
erzählt, lebte Herr Tieck früherhin in dem Hause die-
ses Mannes, er wohnte eine Etage höher als Nicolai, 
und die neue Zeit trampelte schon über dem Kopfe der
alten Zeit.
Die Werke, die Herr Tieck in seiner ersten Manier 
schrieb, meistens Erzählungen und große, lange Ro-
mane, worunter »William Lovell« der beste, sind sehr
unbedeutend, ja sogar ohne Poesie. Es ist, als ob 
diese poetisch reiche Natur in der Jugend geizig ge-
wesen sei und alle ihre geistigen Reichtümer für eine 
spätere Zeit aufbewahrt habe. Oder kannte Herr Tieck
selber nicht die Reichtümer seiner eigenen Brust, und 
die Schlegel mußten diese erst mit der Wünschelrute 
entdecken? Sowie Herr Tieck mit den Schlegeln in 
Berührung kam, erschlossen sich alle Schätze seiner 
Phantasie, seines Gemütes und seines Witzes. Da 
leuchteten die Diamanten, da quollen die klarsten Per-
len, und vor allem blitzte da der Karfunkel, der fabel-
hafte Edelstein, wovon die romantischen Poeten da-
mals soviel gesagt und gesungen. Diese reiche Brust 
war die eigentliche Schatzkammer, wo die Schlegel 
für ihre literärischen Feldzüge die Kriegskosten 
schöpften. Herr Tieck mußte für die Schule die schon 
erwähnten satirischen Lustspiele schreiben und zu-
gleich nach den neuen ästhetischen Rezepten eine 
Menge Poesien jeder Gattung verfertigen. Das ist nun 
die zweite Manier des Herren Ludwig Tieck. Seine 
empfehlenswertesten dramatischen Produkte in dieser 
Manier sind »Der Kaiser Octavian«, »Die heilige Ge-
noveva« und der »Fortunat«, drei Dramen, die den 
gleichnamigen Volksbüchern nachgebildet sind. 
Diese alten Sagen, die das deutsche Volk noch immer 
bewahrt, hat hier der Dichter in neuen kostbaren Ge-
wanden gekleidet. Aber, ehrlich gestanden, ich liebe 
sie mehr in der alten naiven, treuherzigen Form. So 
schön auch die Tiecksche »Genoveva« ist, so habe ich
doch weit lieber das alte, zu Köln am Rhein sehr 
schlecht gedruckte Volksbuch mit seinen schlechten 
Holzschnitten, worauf aber gar rührend zu schauen 
ist, wie die arme nackte Pfalzgräfin nur ihre langen 
Haare zur keuschen Bedeckung hat und ihren kleinen 
Schmerzenreich an den Zitzen einer mitleidigen 
Hirschkuh saugen läßt.
Weit kostbarer noch als jene Dramen sind die No-
vellen, die Herr Tieck in seiner zweiten Manier ge-
schrieben. Auch diese sind meistens den alten Volks-
sagen nachgebildet. Die vorzüglichsten sind »Der 
blonde Eckbert« und »Der Runenberg«. In diesen 
Dichtungen herrscht eine geheimnisvolle Innigkeit, 
ein sonderbares Einverständnis mit der Natur, beson-
ders mit dem Pflanzen- und Steinreich. Der Leser 
fühlt sich da wie in einem verzauberten Walde; er 
hört die unterirdischen Quellen melodisch rauschen; 
er glaubt manchmal, im Geflüster der Bäume, seinen 
eigenen Namen zu vernehmen; die breitblättrigen 
Schlingpflanzen umstricken manchmal beängstigend 
seinen Fuß; wildfremde Wunderblumen schauen ihn 
an mit ihren bunten sehnsüchtigen Augen; unsichtbare
Lippen küssen seine Wangen mit neckender Zärtlich-
keit; hohe Pilze, wie goldne Glocken, wachsen klin-
gend empor am Fuße der Bäume; große schweigende 
Vögel wiegen sich auf den Zweigen und nicken herab 
mit ihren klugen, langen Schnäbeln; alles atmet, alles 
lauscht, alles ist schauernd erwartungsvoll: - da er-
tönt plötzlich das weiche Waldhorn, und auf weißem 
Zelter jagt vorüber ein schönes Frauenbild, mit we-
henden Federn auf dem Barett, mit dem Falken auf 
der Faust. Und dieses schöne Fräulein ist so schön, so
blond, so veilchenäugig, so lächelnd und zugleich so 
ernsthaft, so wahr und zugleich so ironisch, so keusch
und zugleich so schmachtend wie die Phantasie unse-
res vortrefflichen Ludwig Tieck. Ja, seine Phantasie 
ist ein holdseliges Ritterfräulein, das im Zauberwalde 
nach fabelhaften Tieren jagt, vielleicht gar nach dem 
seltenen Einhorn, das sich nur von einer reinen Jung-
frau fangen läßt.
Eine merkwürdige Veränderung begibt sich aber 
jetzt mit Herren Tieck, und diese bekundet sich in sei-
ner dritten Manier. Als er nach dem Sturze der Schle-
gel eine lange Zeit geschwiegen, trat er wieder öffent-
lich auf, und zwar in einer Weise, wie man sie von 
ihm am wenigsten erwartet hätte. Der ehemalige En-
thusiast, welcher einst, aus schwärmerischem Eifer, 
sich in den Schoß der katholischen Kirche begeben, 
welcher Aufklärung und Protestantismus so gewaltig 
bekämpft, welcher nur Mittelalter, nur feudalistisches 
Mittelalter atmete, welcher die Kunst nur in der nai-
ven Herzensergießung liebte, dieser trat jetzt auf als 
Gegner der Schwärmerei, als Darsteller des modern-
sten Bürgerlebens, als Künstler, der in der Kunst das 
klarste Selbstbewußtsein verlangte, kurz, als ein ver-
nünftiger Mann. So sehen wir ihn in einer Reihe neue-
rer Novellen, wovon auch einige in Frankreich be-
kannt geworden. Das Studium Goethes ist darin sicht-
bar, so wie überhaupt Herr Tieck in seiner dritten Ma-
nier als ein wahrer Schüler Goethes erscheint. Diesel-
be artistische Klarheit, Heiterkeit, Ruhe und Ironie. 
War es früher der Schlegelschen Schule nicht gelun-
gen, den Goethe zu sich heranzuziehen, so sehen wir 
jetzt, wie diese Schule, repräsentiert von Herren Lud-
wig Tieck, zu Goethe überging. Dies mahnt an eine 
mahometanische Sage. Der Prophet hatte zu dem 
Berge gesagt: »Berg, komm zu mir.« Aber der Berg 
kam nicht. Und siehe! das größere Wunder geschah, 
der Prophet ging zu dem Berge.
Herr Tieck ist geboren zu Berlin, den 31. Mai 
1773. Seit einer Reihe Jahre hat er sich zu Dresden 
niedergelassen, wo er sich meistens mit dem Theater 
beschäftigte, und er, welcher in seinen früheren 
Schriften die Hofräte als Typus der Lächerlichkeit be-
ständig persifliert hatte, er selber wurde jetzt könig-
lich sächsischer Hofrat. Der liebe Gott ist doch immer
noch ein größerer Ironiker als Herr Tieck.
Es ist jetzt ein sonderbares Mißverhältnis eingetre-
ten zwischen dem Verstande und der Phantasie dieses 
Schriftstellers. Jener, der Tiecksche Verstand, ist ein 
honetter, nüchterner Spießbürger, der dem Nützlich-
keitssystem huldigt und nichts von Schwärmerei wis-
sen will; jene aber, die Tiecksche Phantasie, ist noch 
immer das ritterliche Frauenbild mit den wehenden 
Federn auf dem Barett, mit dem Falken auf der Faust. 
Diese beiden führen eine kuriose Ehe, und es ist 
manchmal betrübsam zu schauen, wie das arme hoch-
adlige Weib dem trockenen bürgerlichen Gatten in 
seiner Wirtschaft oder gar in seinem Käseladen behül-
flich sein soll. Manchmal aber, des Nachts, wenn der 
Herr Gemahl, mit seiner baumwollnen Mütze über 
dem Kopfe, ruhig schnarcht, erhebt die edle Dame 
sich von dem ehelichen Zwangslager und besteigt ihr 
weißes Roß und jagt wieder lustig, wie sonst, im ro-
mantischen Zauberwald.
Ich kann nicht umhin, zu bemerken, daß der Tieck-
sche Verstand in seinen jüngsten Novellen noch 
grämlicher geworden und daß zugleich seine Phanta-
sie von ihrer romantischen Natur immer mehr und 
mehr einbüßt und in kühlen Nächten, sogar mit gäh-
nendem Behagen, im Ehebette liegenbleibt und sich 
dem dürren Gemahle fast liebevoll anschließt.
Herr Tieck ist jedoch immer noch ein großer Dich-
ter. Denn er kann Gestalten schaffen, und aus seinem 
Herzen dringen Worte, die unsere eigenen Herzen be-
wegen. Aber ein zages Wesen, etwas Unbestimmtes, 
Unsicheres, eine gewisse Schwächlichkeit ist nicht 
bloß jetzt, sondern war von jeher an ihm bemerkbar. 
Dieser Mangel an entschlossener Kraft gibt sich nur 
allzusehr kund in allem, was er tat und schrieb. We-
nigstens in allem, was er schrieb, offenbart sich keine 
Selbständigkeit. Seine erste Manier zeigt ihn als gar 
nichts; seine zweite Manier zeigt ihn als einen getreu-
en Schildknappen der Schlegel; seine dritte Manier 
zeigt ihn als einen Nachahmer Goethes. Seine Thea-
terkritiken, die er unter dem Titel »Dramaturgische 
Blätter« gesammelt, sind noch das Originalste, was er
geliefert hat. Aber es sind Theaterkritiken.
Um den Hamlet ganz als Schwächling zu schildern,
läßt Shakespeare ihn auch, im Gespräche mit den Ko-
mödianten, als einen guten Theaterkritiker erscheinen.
Mit den ernsten Disziplinen hatte sich Herr Tieck 
nie sonderlich befaßt. Er studierte moderne Sprachen 
und die älteren Urkunden unserer vaterländischen 
Poesie. Den klassischen Studien soll er immer fremd 
geblieben sein, als ein echter Romantiker. Nie be-
schäftigte er sich mit Philosophie; diese scheint ihm 
sogar widerwärtig gewesen zu sein. Auf den Feldern 
der Wissenschaft brach Herr Tieck nur Blumen und 
dünne Jerten, um mit ersteren die Nasen seiner Freun-
de und mit letzteren die Rücken seiner Gegner zu re-
galieren. Mit dem gelehrten Feldbau hat er sich nie 
abgegeben. Seine Schriften sind Blumensträuße und 
Stockbündel; nirgends eine Garbe mit Kornähren.
Außer Goethe ist es Cervantes, welchen Herr Tieck
am meisten nachgeahmt. Die humoristische Ironie, ich
könnte auch sagen den ironischen Humor dieser bei-
den modernen Dichter verbreitet auch ihren Duft in 
den Novellen aus Herren Tiecks dritter Manier. Ironie
und Humor sind da so verschmolzen, daß sie ein und 
dasselbe zu sein scheinen. Von dieser humoristischen 
Ironie ist viel bei uns die Rede, die Goethesche 
Kunstschule preist sie als eine besondere Herrlichkeit 
ihres Meisters, und sie spielt jetzt eine große Rolle in 
der deutschen Literatur. Aber sie ist nur ein Zeichen 
unserer politischen Unfreiheit, und wie Cervantes, zur
Zeit der Inquisition, zu einer humoristischen Ironie 
seine Zuflucht nehmen mußte, um seine Gedanken an-
zudeuten, ohne den Familiaren des heiligen Offiz eine
faßbare Blöße zu geben, so pflegte auch Goethe im 
Tone einer humoristischen Ironie dasjenige zu sagen, 
was er, der Staatsminister und Höfling, nicht unum-
wunden auszusprechen wagte. Goethe hat nie die 
Wahrheit verschwiegen, sondern wo er sie nicht nackt
zeigen durfte, hat er sie in Humor und Ironie geklei-
det. Die Schriftsteller, die unter Zensur und Geistes-
zwang aller Art schmachten und doch nimmermehr 
ihre Herzensmeinung verleugnen können, sind ganz 
besonders auf die ironische und humoristische Form 
angewiesen. Es ist der einzige Ausweg, welcher der 
Ehrlichkeit noch übriggeblieben, und in der humori-
stisch ironischen Verstellung offenbart sich diese Ehr-
lichkeit noch am rührendsten. Dieses mahnt mich wie-
der an den wunderlichen Prinzen von Dänemark. 
Hamlet ist die ehrlichste Haut von der Welt. Seine 
Verstellung dient nur, um die Dehors zu ersetzen; er 
ist wunderlich, weil Wunderlichkeit die Hofetikette 
doch immer minder verletzt als eine dreinschlagende 
offene Erklärung. In allen seinen humoristisch ironi-
schen Späßen läßt er immer absichtlich durchschauen,
daß er sich nur verstellt; in allem, was er tut und sagt,
ist seine wirkliche Meinung ganz sichtbar für jeden, 
der sich auf Sehen versteht, und gar für den König, 
dem er die Wahrheit zwar nicht offen sagen kann 
(denn dazu ist er zu schwach), dem er sie aber keines-
wegs verbergen will. Hamlet ist durch und durch ehr-
lich; nur der ehrlichste Mensch konnte sagen: »Wir 
sind alle Betrüger«, und indem er sich wahnsinnig 
stellt, will er uns ebenfalls nicht täuschen, und er ist 
sich innerlich bewußt, daß er wirklich wahnsinnig ist.
Ich habe nachträglich noch zwei Arbeiten des Her-
ren Tieck zu rühmen, wodurch er sich ganz besonders
den Dank des deutschen Publikums erworben. Das 
sind seine Übersetzung einer Reihe englischer Dra-
men aus der vorshakespeareschen Zeit und seine 
Übersetzung des »Don Quixote«. Letztere ist ihm 
ganz besonders gelungen, keiner hat die närrische 
Grandezza des ingeniösen Hidalgo von La Mancha so
gut begriffen und so treu wiedergegeben wie unser 
vortrefflicher Tieck.
Spaßhaft genug ist es, daß gerade die romantische 
Schule uns die beste Übersetzung eines Buches gelie-
fert hat, worin ihre eigne Narrheit am ergötzlichsten 
durchgehechelt wird. Denn diese Schule war ja von 
demselben Wahnsinn befangen, der auch den edlen 
Manchaner zu allen seinen Narrheiten begeisterte; 
auch sie wollte das mittelalterliche Rittertum wieder 
restaurieren; auch sie wollte eine abgestorbene Ver-
gangenheit wieder ins Leben rufen. Oder hat Miguel 
de Cervantes Saavedra in seinem närrischen 
Heldengedichte auch andere Ritter persiflieren wollen,
nämlich alle Menschen, die für irgendeine Idee kämp-
fen und leiden? Hat er wirklich in seinem langen, dür-
ren Ritter die idealische Begeisterung überhaupt und 
in dessen dicken Schildknappen den realen Verstand 
parodieren wollen? Immerhin, letzterer spielt jeden-
falls die lächerlichere Figur; denn der reale Verstand 
mit allen seinen hergebrachten gemeinnützigen 
Sprichwörtern muß dennoch auf seinem ruhigen Esel, 
hinter der Begeisterung einhertrottieren; trotz seiner 
bessern Einsicht muß er und sein Esel alles Unge-
mach teilen, das dem edlen Ritter so oft zustößt: ja, 
die ideale Begeisterung ist von so gewaltig hinreißen-
der Art, daß der reale Verstand, mitsamt seinen Eseln,
ihr immer unwillkürlich nachfolgen muß.
Oder hat der tiefsinnige Spanier noch tiefer die 
menschliche Natur verhöhnen wollen? Hat er viel-
leicht in der Gestalt des Don Quixote unseren Geist 
und in der Gestalt des Sancho Pansa unseren Leib al-
legorisiert, und das ganze Gedicht wäre alsdenn 
nichts anders als ein großes Mysterium, wo die Frage 
über den Geist und die Materie in ihrer gräßlichsten 
Wahrheit diskutiert wird? Soviel sehe ich in dem 
Buche, daß der arme materielle Sancho für die spiritu-
ellen Donquichotterien sehr viel leiden muß, daß er 
für die nobelsten Absichten seines Herren sehr oft die 
ignobelsten Prügel empfängt und daß er immer 
verständiger ist als sein hochtrabender Herr; denn er 
weiß, daß Prügel sehr schlecht, die Würstchen einer 
Olla Potrida aber sehr gut schmecken. Wirklich, der 
Leib scheint oft mehr Einsicht zu haben als der Geist, 
und der Mensch denkt oft viel richtiger mit Rücken 
und Magen als mit dem Kopf.

III

Unter den Verrücktheiten der romantischen Schule 
in Deutschland verdient das unaufhörliche Rühmen 
und Preisen des Jakob Böhme eine besondere Erwäh-
nung. Dieser Name war gleichsam das Schibboleth 
dieser Leute. Wenn sie den Namen Jakob Böhme aus-
sprachen, dann schnitten sie ihre tiefsinnigsten Ge-
sichter. War das Ernst oder Spaß?
Jener Jakob Böhme war ein Schuster, der Anno 
1575 zu Görlitz in der Oberlausitz das Licht der Welt
erblickt und eine Menge theosophischer Schriften hin-
terlassen hat. Diese sind in deutscher Sprache ge-
schrieben und waren daher unsern Romantikern um so
zugänglicher. Ob jener sonderbare Schuster ein so 
ausgezeichneter Philosoph gewesen ist, wie viele 
deutsche Mystiker behaupten, darüber kann ich nicht 
allzu genau urteilen, da ich ihn gar nicht gelesen; ich 
bin aber überzeugt, daß er keine so gute Stiefel 
gemacht hat wie Herr Sakoski. Die Schuster spielen 
überhaupt eine Rolle in unserer Literatur, und Hans 
Sachs, ein Schuster, welcher im Jahre 1494 zu Nü-
remberg geboren ist und dort sein Leben verbracht, 
ward von der romantischen Schule als einer unserer 
besten Dichter gepriesen. Ich habe ihn gelesen, und 
ich muß gestehen, daß ich zweifle, ob Herr Sakoski 
jemals so gute Verse gemacht hat wie unser alter, vor-
trefflicher Hans Sachs.
Des Herren Schellings Einfluß auf die romantische 
Schule habe ich bereits angedeutet. Da ich ihn später 
besonders besprechen werde, kann ich mir hier seine 
ausführliche Beurteilung ersparen. Jedenfalls verdient
dieser Mann unsere größte Aufmerksamkeit. Denn in 
früherer Zeit ist durch ihn in der deutschen Geister-
welt eine große Revolution entstanden, und in späte-
rer Zeit hat er sich so verändert, daß die Unerfahrnen 
in die größten Irrtümer geraten, wenn sie den früheren
Schelling mit dem jetzigen verwechseln möchten. Der
frühere Schelling war ein kühner Protestant, der gegen
den Fichteschen Idealismus protestierte. Dieser Idea-
lismus war ein sonderbares System, das besonders 
einem Franzosen befremdlich sein muß. Denn wäh-
rend in Frankreich eine Philosophie aufkam, die den 
Geist gleichsam verkörperte, die den Geist nur als 
eine Modifikation der Materie anerkannte, kurz, wäh-
rend hier der Materialismus herrschend geworden, 
erhob sich in Deutschland eine Philosophie, die, ganz 
im Gegenteil, nur den Geist als etwas Wirkliches an-
nahm, die alle Materie nur für eine Modifikation des 
Geistes erklärte, die sogar die Existenz der Materie 
leugnete. Es schien fast, der Geist habe jenseits des 
Rheins Rache gesucht für die Beleidigung, die ihm 
diesseits des Rheines widerfahren. Als man den Geist 
hier in Frankreich leugnete, da emigrierte er gleich-
sam nach Deutschland und leugnete dort die Materie. 
Fichte könnte man in dieser Beziehung als den Her-
zog von Braunschweig des Spiritualismus betrachten, 
und seine idealistische Philosophie wäre nichts als ein
Manifest gegen den französischen Materialismus. 
Aber diese Philosophie, die wirklich die höchste Spit-
ze des Spiritualismus bildet, konnte sich ebensowenig
erhalten wie der krasse Materialismus der Franzosen, 
und Herr Schelling war der Mann, welcher mit der 
Lehre auftrat, daß die Materie oder, wie er es nannte, 
die Natur nicht bloß in unserem Geiste, sondern auch 
in der Wirklichkeit existiere, daß unsere Anschauung 
von den Dingen identisch sei mit den Dingen selbst. 
Dieses ist nun die Schellingsche Identitätslehre oder, 
wie man sie auch nennt, die Naturphilosophie.
Solches geschah zu Anfang des Jahrhunderts. Herr 
Schelling war damals ein großer Mann. Unterdessen 
aber erschien Hegel auf dem philosophischen Schau-
platz; Herr Schelling, welcher in den letzten Zeiten 
fast nichts schrieb, wurde verdunkelt, ja er geriet in 
Vergessenheit und behielt nur noch eine literärhistori-
sche Bedeutung. Die Hegelsche Philosophie ward die 
herrschende, Hegel ward Souverän im Reiche der Gei-
ster, und der arme Schelling, ein heruntergekomme-
ner, mediatisierter Philosoph, wandelte trübselig 
umher unter den anderen mediatisierten Herren zu 
München. Da sah ich ihn einst und hätte schier Trä-
nen vergießen können über den jammervollen An-
blick. Und was er sprach, war noch das Allerjämmer-
lichste, es war ein neidisches Schmähen auf Hegel, 
der ihn supplantiert. Wie ein Schuster über einen an-
dern Schuster spricht, den er beschuldigt, er habe sein
Leder gestohlen und Stiefel daraus gemacht, so hörte 
ich Herren Schelling, als ich ihn zufällig mal sah, 
über Hegel sprechen, über Hegel, welcher ihm »seine 
Ideen genommen«; und »meine Ideen sind es, die er 
genommen«, und wieder »meine Ideen«, war der be-
ständige Refrain des armen Mannes. Wahrlich, sprach
der Schuster Jakob Böhme einst wie ein Philosoph, so
spricht der Philosoph Schelling jetzt wie ein Schuster.
Nichts ist lächerlicher als das reklamierte Eigen-
tumsrecht an Ideen. Hegel hat freilich sehr viele 
Schellingsche Ideen zu seiner Philosophie benutzt; 
aber Herr Schelling hätte doch nie mit diesen Ideen 
etwas anzufangen gewußt. Er hat immer nur philoso-
phiert, aber nimmermehr eine Philosophie geben 
können. Und dann dürfte man wohl behaupten, daß 
Herr Schelling mehr von Spinoza entlehnt hat, als 
Hegel von ihm selber. Wenn man den Spinoza einst 
aus seiner starren, altcartesianischen, mathematischen
Form erlöst und ihn dem großen Publikum zugängli-
cher macht, dann wird sich vielleicht zeigen, daß er 
mehr als jeder andere über Ideendiebstahl klagen 
dürfte. Alle unsere heutigen Philosophen, vielleicht 
oft ohne es zu wissen, sehen sie durch die Brillen, die 
Baruch Spinoza geschliffen hat.
Mißgunst und Neid hat Engel zum Falle gebracht, 
und es ist leider nur zu gewiß, daß Unmut wegen He-
gels immer steigendem Ansehen den armen Herren 
Schelling dahin geführt, wo wir ihn jetzt sehen, näm-
lich in die Schlingen der katholischen Propaganda, 
deren Hauptquartier zu München. Herr Schelling ver-
riet die Philosophie an die katholische Religion. Alle 
Zeugnisse stimmen hierin überein, und es war längst 
vorauszusehen, daß es dazu kommen mußte. Aus dem
Munde einiger Machthaber zu München hatte ich so 
oft die Worte gehört, man müsse den Glauben verbin-
den mit dem Wissen. Diese Phrase war unschuldig 
wie die Blume, und dahinter lauerte die Schlange. 
Jetzt weiß ich, was ihr gewollt habt. Herr Schelling 
muß jetzt dazu dienen, mit allen Kräften seines Gei-
stes die katholische Religion zu rechtfertigen, und 
alles, was er unter dem Namen Philosophie jetzt lehrt,
ist nichts anders als eine Rechtfertigung des Katholi-
zismus. Dabei spekulierte man noch auf den Neben-
vorteil, daß der gefeierte Name die weisheitsdürstende
deutsche Jugend nach München lockt und die jesuiti-
sche Lüge im Gewande der Philosophie sie desto 
leichter betört. Andächtig kniet diese Jugend nieder 
vor dem Manne, den sie für den Hohepriester der 
Wahrheit hält, und arglos empfängt sie aus seinen 
Händen die vergiftete Hostie.
Unter den Schülern des Herren Schelling nennt 
Deutschland in besonders rühmlicher Weise den Her-
ren Steffens, der jetzt Professor der Philosophie in 
Berlin. Er lebte zu Jena, als die Schlegel dort ihr 
Wesen trieben, und sein Name erklingt häufig in den 
Annalen der romantischen Schule. Er hat späterhin 
auch einige Novellen geschrieben, worin viel Scharf-
sinn und wenig Poesie zu finden ist. Bedeutender sind
seine wissenschaftlichen Werke, namentlich seine 
»Anthropologie«. Diese ist voll originaler Ideen. Von 
dieser Seite ist ihm weniger Anerkennung zuteil ge-
worden, als er wohl verdiente. Andere haben die 
Kunst verstanden, seine Ideen zu bearbeiten und sie 
als die ihrigen ins Publikum zu bringen. Herr Steffens
durfte mehr als sein Meister sich beklagen, daß man 
ihm seine Ideen entwendet. Unter seinen Ideen gab es 
aber eine, die sich keiner zugeeignet hat, und es ist 
seine Hauptidee, die erhabene Idee: »Henrik Steffens, 
geboren den 2. Mai 1773 zu Stavangar bei Drontheim
in Norweg, sei der größte Mann seines Jahrhunderts«.
Seit den letzten Jahren ist dieser Mann in die 
Hände der Pietisten geraten, und seine Philosophie ist
jetzt nichts als ein weinerlicher, lauwarm wäßrichter 
Pietismus.
Ein ähnlicher Geist ist Herr Joseph Görres, dessen 
ich schon mehrmals erwähnt und der ebenfalls zur 
Schellingschen Schule gehört. Er ist in Deutschland 
bekannt unter dem Namen »der vierte Alliierte«. So 
hatte ihn nämlich einst ein französischer Journalist 
genannt, im Jahr 1814, als er, beauftragt von der Hei-
ligen Allianz, den Haß gegen Frankreich predigte. 
Von diesem Komplimente zehrt der Mann noch bis 
auf den heutigen Tag. Aber, in der Tat, niemand ver-
mochte so gewaltig wie er vermittelst nationaler Erin-
nerungen den Haß der Deutschen gegen die Franzosen
zu entflammen; und das Journal, das er in dieser Ab-
sicht schrieb, der »Rheinische Merkur«, ist voll von 
solchen Beschwörungsformeln, die, käme es wieder 
zum Kriege, noch immer einige Wirkung ausüben 
möchten. Seitdem kam Herr Görres fast in Vergessen-
heit. Die Fürsten hatten seiner nicht mehr nötig und 
ließen ihn laufen. Als er deshalb zu knurren anfing, 
verfolgten sie ihn sogar. Es ging ihnen wie den Spani-
ern auf der Insel Kuba, die, im Kriege mit den India-
nern, ihre großen Hunde abgerichtet hatten, die 
nackten Wilden zu zerfleischen; als aber der Krieg zu 
Ende war und die Hunde, die an Menschenblut Ge-
schmack gefunden, jetzt zuweilen auch ihre Herren in 
die Waden bissen, da mußten diese sich gewaltsam 
ihrer Bluthunde zu entledigen suchen. Als Herr Gör-
res, von den Fürsten verfolgt, nichts mehr zu beißen 
hatte, warf er sich in die Arme der Jesuiten, diesen 
dient er bis auf diese Stunde, und er ist eine 
Hauptstütze der katholischen Propaganda zu Mün-
chen. Dort sah ich ihn, vor einigen Jahren, in der 
Blüte seiner Erniedrigung. Vor einem Auditorium, 
das meistens aus katholischen Seminaristen bestand, 
hielt er Vorlesungen über allgemeine Weltgeschichte 
und war schon bis zum Sündenfall gekommen. Welch
ein schreckliches Ende nehmen doch die Feinde 
Frankreichs! Der vierte Alliierte ist jetzt dazu ver-
dammt, den katholischen Seminaristen, der École po-
lytechnique des Obskurantismus, jahraus, jahrein, 
tagtäglich den Sündenfall zu erzählen! In dem Vortra-
ge des Mannes herrschte, wie in seinen Büchern, die 
größte Konfusion, die größte Begriff- und Sprachver-
wirrung, und nicht ohne Grund hat man ihn oft mit 
dem babylonischen Turm verglichen. Er gleicht wirk-
lich einem ungeheuren Turm, worin hunderttausend 
Gedanken sich abarbeiten und sich besprechen und 
zurufen und zanken, ohne daß der eine den andern 
versteht. Manchmal schien der Lärm in seinem Kopfe 
ein wenig zu schweigen, und er sprach dann lang und 
langsam und langweilig, und von seinen mißmütigen 
Lippen fielen die monotonen Worte herab, wie trübe 
Regentropfen von einer bleiernen Dachtraufe.
Wenn manchmal die alte demagogische Wildheit 
wieder in ihm erwachte und mit seinen mönchisch 
frommen Demutsworten widerwärtig kontrastierte; 
wenn er christlich liebevoll wimmerte, während er 
blutdürstig wütend hin und her sprang: dann glaubte 
man eine tonsurierte Hyäne zu sehen.
Herr Görres ist geboren zu Koblenz, den 25. Janu-
ar 1776.
Die übrigen Partikularitäten seines Lebens, wie die
des Lebens der meisten seiner Genossen, bitte ich mir 
zu erlassen. Ich habe vielleicht in der Beurteilung sei-
ner Freunde, der beiden Schlegel, die Grenze über-
schritten, wie weit man das Leben dieser Leute be-
sprechen darf.
Ach! wie betrübsam ist es, wenn man nicht bloß 
jene Dioskuren, sondern wenn man überhaupt die 
Sterne unserer Literatur in der Nähe betrachtet! Die 
Sterne des Himmels erscheinen uns aber vielleicht 
deshalb so schön und rein, weil wir weit von ihnen 
entfernt stehen und ihr Privatleben nicht kennen. Es 
gibt gewiß dort oben ebenfalls manche Sterne, welche
lügen und betteln; Sterne, welche heucheln; Sterne, 
welche gezwungen sind, alle möglichen 
Schlechtigkeiten zu begehen; Sterne, welche sich ein-
ander küssen und verraten; Sterne, welche ihren Fein-
den und, was noch schmerzlicher ist, sogar ihren 
Freunden schmeicheln, ebensogut wie wir hier unten. 
Jene Kometen, die man dort oben manchmal wie Mä-
naden des Himmels, mit aufgelöstem Strahlenhaar, 
umherschweifen sieht, das sind vielleicht liederliche 
Sterne, die am Ende sich reuig und devot in einen ob-
skuren Winkel des Firmaments verkriechen und die 
Sonne hassen.
Indem ich hier von deutschen Philosophen gespro-
chen, kann ich nicht umhin, einen Irrtum zu berichti-
gen, den ich in betreff der deutschen Philosophie hier 
in Frankreich allzusehr verbreitet finde. Seit nämlich 
einige Franzosen sich mit der Schellingschen und He-
gelschen Philosophie beschäftigt, die Resultate ihrer 
Studien in französischer Sprache mitgeteilt, auch 
wohl auf französische Verhältnisse angewendet, seit-
dem klagen die Freunde des klaren Denkens und der 
Freiheit, daß man aus Deutschland die aberwitzigsten 
Träumereien und Sophismen einführe, womit man die
Geister zu verwirren und jede Lüge und jeden Despo-
tismus mit dem Scheine der Wahrheit und des Rechts 
zu umkleiden verstünde. Mit einem Worte, diese 
edlen, für die Interessen des Liberalismus besorgten 
Leute klagen Über den schädlichen Einfluß der deut-
schen Philosophie in Frankreich. Aber der armen 
deutschen Philosophie geschieht Unrecht. Denn er-
stens ist das keine deutsche Philosophie, was den 
Franzosen bisher unter diesem Titel, namentlich von 
Herren Victor Cousin, präsentiert worden. Herr Cou-
sin hat sehr viel geistreiches Wischiwaschi, aber 
keine deutsche Philosophie vorgetragen. Zweitens, die
eigentliche deutsche Philosophie ist die, welche ganz 
unmittelbar aus Kants »Kritik der reinen Vernunft« 
hervorgegangen und, den Charakter dieses Ursprungs 
bewahrend, sich wenig um politische oder religiöse 
Verhältnisse, desto mehr aber um die letzten Gründe 
aller Erkenntnis bekümmerte.
Es ist wahr, die metaphysischen Systeme der mei-
sten deutschen Philosophen glichen nur allzusehr blo-
ßem Spinnweb. Aber was schadete das? Konnte doch 
der Jesuitismus dieses Spinnweb nicht zu seinen Lü-
gennetzen benutzen und konnte doch ebensowenig der
Despotismus seine Stricke daraus drehen, um die Gei-
ster zu binden. Nur seit Schelling verlor die deutsche 
Philosophie diesen dünnen, aber harmlosen Charak-
ter. Unsere Philosophen kritisierten seitdem nicht 
mehr die letzten Gründe der Erkenntnisse und des 
Seins überhaupt, sie schwebten nicht mehr in ideali-
stischen Abstraktionen, sondern sie suchten Gründe, 
um das Vorhandene zu rechtfertigen, sie wurden Justi-
fikatoren dessen, was da ist. Während unsere früheren
Philosophen, arm und entsagend, in kümmerlichen 
Dachstübchen hockten und ihre Systeme ausgrübel-
ten, stecken unsere jetzigen Philosophen in der bril-
lanten Livree der Macht, sie wurden Staatsphiloso-
phen, nämlich sie ersannen philosophische Rechtferti-
gungen aller Interessen des Staates, worin sie sich an-
gestellt befanden. Zum Beispiel Hegel, Professor in 
dem protestantischen Berlin, hat in seinem Systeme 
auch die ganze evangelisch protestantische Dogmatik 
aufgenommen; und Herr Schelling, Professor in dem 
katholischen München, justifiziert jetzt, in seinen 
Vorlesungen, selbst die extravagantesten Lehrsätze 
der römisch-katholisch-apostolischen Kirche.
Ja, wie einst die alexandrinischen Philosophen 
allen ihren Scharfsinn aufgeboten, um, durch allegori-
sche Auslegungen, die sinkende Religion des Jupiter 
vor dem gänzlichen Untergang zu bewahren, so versu-
chen unsere deutschen Philosophen etwas Ähnliches 
für die Religion Christi. Es kümmere uns wenig, zu 
untersuchen, ob diese Philosophen einen uneigennüt-
zigen Zweck haben; sehen wir sie aber in Verbindung
mit der Partei der Priester, deren materielle Interessen 
mit der Erhaltung des Katholizismus verknüpft sind, 
so nennen wir sie Jesuiten. Sie mögen sich aber nicht 
einbilden, daß wir sie mit den älteren Jesuiten ver-
wechseln. Diese waren groß und gewaltig, voll Weis-
heit und Willenskraft. Oh, der schwächlichen Zwerge,
die da wähnen, sie würden die Schwierigkeiten 
besiegen, woran sogar jene schwarzen Riesen ge-
scheitert! Nie hat der menschliche Geist größere 
Kombinationen ersonnen als die, wodurch die alten 
Jesuiten den Katholizismus zu erhalten suchten. Aber 
es gelang ihnen nicht, weil sie nur für die Erhaltung 
des Katholizismus und nicht für den Katholizismus 
selbst begeistert waren. An letzterem, an und für sich,
war ihnen eigentlich nicht viel gelegen; daher profa-
nierten sie zuweilen das katholische Prinzip selbst, 
um es nur zur Herrschaft zu bringen; sie verständigten
sich mit dem Heidentum, mit den Gewalthabern der 
Erde, beförderten deren Lüste, wurden Mörder und 
Handelsleute, und wo es darauf ankam, wurden sie 
sogar Atheisten. Aber vergebens gewährten ihre 
Beichtiger die freundlichsten Absolutionen und buhl-
ten ihre Kasuisten mit jedem Laster und Verbrechen. 
Vergebens haben sie mit den Laien in Kunst und 
Wissenschaft gewetteifert, um beide als Mittel zu be-
nutzen. Hier wird ihre Ohnmacht ganz sichtbar. Sie 
beneideten alle großen Gelehrten und Künstler und 
konnten doch nichts Außerordentliches entdecken 
oder schaffen. Sie haben fromme Hymnen gedichtet 
und Dome gebaut; aber in ihren Gedichten weht kein 
freier Geist, sondern seufzt nur der zitternde Gehor-
sam für die Oberen des Ordens; und gar in ihren Bau-
werken sieht man nur eine ängstliche Unfreiheit, stei-
nerne Schmiegsamkeit, Erhabenheit auf Befehl. Mit 
Recht sagte einst Barrault: »Die Jesuiten konnten die 
Erde nicht zum Himmel erheben, und sie zogen den 
Himmel herab zur Erde.« Fruchtlos war all ihr Tun 
und Wirken. Aus der Lüge kann kein Leben erblühen,
und Gott kann nicht gerettet werden durch den Teufel.
Herr Schelling ist geboren den 27. Januar 1775 in 
Württemberg.

IV

Über das Verhältnis des Herren Schelling zur ro-
mantischen Schule habe ich nur wenig Andeutungen 
geben können. Sein Einfluß war meistens persönli-
cher Art. Dann ist auch, seit durch ihn die Naturphilo-
sophie in Schwung gekommen, die Natur viel sinniger
von den Dichtern aufgefaßt worden. Die einen ver-
senkten sich mit allen ihren menschlichen Gefühlen in
die Natur hinein; die anderen hatten einige Zauberfor-
meln sich gemerkt, womit man etwas Menschliches 
aus der Natur hervorschauen und hervorsprechen las-
sen konnte. Erstere waren die eigentlichen Mystiker 
und glichen in vieler Hinsicht den indischen Religio-
sen, die in der Natur aufgehen und endlich mit der 
Natur in Gemeinschaft zu fühlen beginnen. Die ande-
ren waren vielmehr Beschwörer, sie riefen mit eige-
nem Willen sogar die feindlichen Geister aus der 
Natur hervor, sie glichen dem arabischen Zauberer, 
der nach Willkür jeden Stein zu beleben und jedes 
Leben zu versteinern weiß. Zu den ersteren gehörte 
zunächst Novalis, zu den anderen zunächst Hoffmann.
Novalis sah überall nur Wunder, und liebliche Wun-
der; er belauschte das Gespräch der Pflanzen, er 
wußte das Geheimnis jeder jungen Rose, er identifi-
zierte sich endlich mit der ganzen Natur, und als es 
Herbst wurde und die Blätter abfielen, da starb er. 
Hoffmann hingegen sah Überall nur Gespenster, sie 
nickten ihm entgegen aus jeder chinesischen Teekanne
und jeder Berliner Perücke; er war ein Zauberer, der 
die Menschen in Bestien verwandelte und diese sogar 
in königlich preußische Hofräte; er konnte die Toten 
aus den Gräbern hervorrufen, aber das Leben selbst 
stieß ihn von sich als einen trüben Spuk. Das fühlte 
er; er fühlte, daß er selbst ein Gespenst geworden; die
ganze Natur war ihm jetzt ein mißgeschliffener Spie-
gel, worin er, tausendfältig verzerrt, nur seine eigne 
Totenlarve erblickte, und seine Werke sind nichts an-
ders als ein entsetzlicher Angstschrei in zwanzig Bän-
den.
Hoffmann gehört nicht zu der romantischen Schule.
Er stand in keiner Berührung mit den Schlegeln und 
noch viel weniger mit ihren Tendenzen. Ich erwähnte 
seiner hier nur im Gegensatz zu Novalis, der ganz ei-
gentlich ein Poet aus jener Schule ist. Novalis ist hier 
minder bekannt als Hoffmann, welcher von Loeve-
Veimars in einem so vortrefflichen Anzuge dem fran-
zösischen Publikum vorgestellt worden und dadurch 
in Frankreich eine große Reputation erlangt hat. Bei 
uns in Deutschland ist jetzt Hoffmann keineswegs en 
vogue, aber er war es früher. In seiner Periode wurde 
er viel gelesen, aber nur von Menschen, deren Nerven 
zu stark oder zu schwach waren, als daß sie von ge-
linden Akkorden affiziert werden konnten. Die eigent-
lichen Geistreichen und die poetischen Naturen woll-
ten nichts von ihm wissen. Diesen war der Novalis 
viel lieber. Aber, ehrlich gestanden, Hoffmann war als
Dichter viel bedeutender als Novalis. Denn letzterer, 
mit seinen idealischen Gebilden, schwebt immer in 
der blauen Luft, während Hoffmann, mit allen seinen 
bizarren Fratzen, sich doch immer an der irdischen 
Realität festklammert. Wie aber der Riese Antäus un-
bezwingbar stark blieb, wenn er mit dem Fuße die 
Mutter Erde berührte, und seine Kraft verlor, sobald 
ihn Herkules in die Höhe hob, so ist auch der Dichter 
stark und gewaltig, solange er den Boden der Wirk-
lichkeit nicht verläßt, und er wird ohnmächtig, sobald 
er schwärmerisch in der blauen Luft umherschwebt.
Die große Ähnlichkeit zwischen beiden Dichtern 
besteht wohl darin, daß ihre Poesie eigentlich eine 
Krankheit war. In dieser Hinsicht hat man geäußert, 
daß die Beurteilung ihrer Schriften nicht das Geschäft
des Kritikers, sondern des Arztes sei. Der Rosen-
schein in den Dichtungen des Novalis ist nicht die 
Farbe der Gesundheit, sondern der Schwindsucht, und
die Purpurglut in Hoffmanns »Phantasiestücken« ist 
nicht die Flamme des Genies, sondern des Fiebers.
Aber haben wir ein Recht zu solchen Bemerkun-
gen, wir, die wir nicht allzusehr mit Gesundheit ge-
segnet sind? Und gar jetzt, wo die Literatur wie ein 
großes Lazarett aussieht? Oder ist die Poesie viel-
leicht eine Krankheit des Menschen, wie die Perle ei-
gentlich nur der Krankheitsstoff ist, woran das arme 
Austertier leidet?
Novalis wurde geboren den 2. Mai 1772. Sein ei-
gentlicher Name ist Hardenberg. Er liebte eine junge 
Dame, die an der Schwindsucht litt und an diesem 
Übel starb. In allem, was er schrieb, weht diese trübe 
Geschichte, sein Leben war nur ein träumerisches 
Hinsterben, und er starb an der Schwindsucht, im Jahr
1801, ehe er sein neunundzwanzigstes Lebensjahr 
und seinen Roman vollendet hatte. Dieser Roman ist 
in seiner jetzigen Gestalt nur das Fragment eines gro-
ßen allegorischen Gedichtes, das, wie die »Göttliche 
Komödie« des Dante, alle irdischen und himmlischen 
Dinge feiern sollte. Heinrich von Ofterdingen, der be-
rühmte Dichter, ist der Held dieses Romans. Wir 
sehen ihn als Jüngling in Eisenach, dem lieblichen 
Städtchen, welches am Fuße jener alten Wartburg 
liegt, wo schon das Größte, aber auch schon das 
Dümmste geschehen; wo nämlich Luther seine Bibel 
übersetzt und einige alberne Deutschtümler den Gen-
darmeriekodex des Herrn Kamptz verbrannt haben. In
dieser Burg ward auch einst jener Sängerkrieg ge-
führt, wo, unter anderen Dichtern, auch Heinrich von 
Ofterdingen mit Klingsohr von Ungerland den gefähr-
lichen Wettstreit in der Dichtkunst gesungen, den uns 
die Manessische Sammlung aufbewahrt hat. Dem 
Scharfrichter sollte das Haupt des Unterliegenden ver-
fallen sein, und der Landgraf von Thüringen war 
Schiedsrichter. Bedeutungsvoll hebt sich nun die 
Wartburg, der Schauplatz seines späteren Ruhms, 
über die Wiege des Helden, und der Anfang des Ro-
mans von Novalis zeigt ihn, wie gesagt, in dem väter-
lichen Hause zu Eisenach. »Die Eltern liegen schon 
und schlafen, die Wanduhr schlägt ihren einförmigen 
Takt, vor den klappernden Fenstern saust der Wind; 
abwechselnd wird die Stube hell von dem Schimmer 
des Mondes.
Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager und ge-
dachte des Fremden und seiner Erzählungen. ›Nicht 
die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Ver-
langen in mir geweckt haben‹, sagte er zu sich selbst, 
›fernab liegt mir alle Habsucht; aber die blaue Blume 
sehne ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhör-
lich im Sinne, und ich kann nichts anders dichten und 
denken. So ist mir noch nie zumute gewesen: es ist, 
als hätte ich vorhin geträumt oder ich wäre in eine an-
dere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in 
der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen be-
kümmert; und gar von einer so seltsamen Leiden-
schaft für eine Blume habe ich damals nie gehört.‹«
Mit solchen Worten beginnt »Heinrich von Ofter-
dingen«, und überall in diesem Roman leuchtet und 
duftet die blaue Blume. Sonderbar und bedeutungs-
voll ist es, daß selbst die fabelhaftesten Personen in 
diesem Buche uns so bekannt dünken, als hätten wir 
in früheren Zeiten schon recht traulich mit ihnen ge-
lebt. Alte Erinnerungen erwachen, selbst Sophia trägt 
so wohlbekannte Gesichtszüge, und es treten uns 
ganze Buchenalleen ins Gedächtnis, wo wir mit ihr 
auf und ab gegangen und heiter gekost. Aber das alles
liegt so dämmernd hinter Uns wie ein halbvergessener
Traum.
Die Muse des Novalis war ein schlankes, weißes 
Mädchen mit ernsthaft blauen Augen, goldnen Hya-
zinthenlocken, lächelnden Lippen und einem kleinen 
roten Muttermal an der linken Seite des Kinns. Ich 
denke mir nämlich als Muse der Novalisschen Poesie 
ebendasselbe Mädchen, das mich zuerst mit Novalis 
bekannt machte, als ich den roten Maroquinband mit 
Goldschnitt, welcher den »Ofterdingen« enthielt, in 
ihren schönen Händen erblickte. Sie trug immer ein 
blaues Kleid und hieß Sophia. Einige Stationen von 
Göttingen lebte sie bei ihrer Schwester, der Frau Post-
meisterin, einer heiteren, dicken, rotbäckigen Frau mit
einem hohen Busen, der, mit seinen ausgezackten 
steifen Blonden, wie eine Festung aussah; diese Fe-
stung war aber unüberwindlich, die Frau war ein Gi-
braltar der Tugend. Es war eine tätige, wirtschaftli-
che, praktische Frau, und doch bestand ihr einziges 
Vergnügen darin, Hoffmannsche Romane zu lesen. In 
Hoffmann fand sie den Mann, der es verstand, ihre 
derbe Natur zu rütteln und in angenehme Bewegung 
zu setzen. Ihrer blassen, zarten Schwester hingegen 
gab schon der Anblick eines Hoffmannschen Buches 
die unangenehmste Empfindung, und berührte sie ein 
solches unversehens, so zuckte sie zusammen. Sie war
so zart wie eine Sinnpflanze, und ihre Worte waren so
duftig, so reinklingend, und wenn man sie zusammen-
setzte, waren es Verse. Ich habe manches, was sie 
sprach, aufgeschrieben, und es sind sonderbare Ge-
dichte, ganz in der Novalisschen Weise, nur noch gei-
stiger und verhallender. Eins dieser Gedichte, das sie 
zu mir sprach, als ich Abschied von ihr nahm, um 
nach Italien zu reisen, ist mir besonders lieb. In einem
herbstlichen Garten, wo eine Illumination stattgefun-
den, hört man das Gespräch zwischen dem letzten 
Lämpchen, der letzten Rose und einem wilden 
Schwan. Die Morgennebel brechen jetzt heran, das 
letzte Lämpchen ist erloschen, die Rose ist entblättert,
und der Schwan entfaltet seine weißen Flügel und 
fliegt nach Süden.
Es gibt nämlich im Hannövrischen viele wilde 
Schwäne, die im Herbst nach dem wärmeren Süden 
auswandern und im Sommer wieder zu uns heimkeh-
ren. Sie bringen den Winter wahrscheinlich in Afrika 
zu. Denn in der Brust eines toten Schwans fanden wir 
einmal einen Pfeil, welchen Professor Blumenbach für
einen afrikanischen erkannte. Der arme Vogel, mit 
dem Pfeil in der Brust, war er doch nach dem nordi-
schen Neste zurückgekehrt, um dort zu sterben. Man-
cher Schwan aber mag, von solchen Pfeilen getroffen, 
nicht imstande gewesen sein, seine Reise zu vollen-
den, und er blieb vielleicht kraftlos zurück in einer 
brennenden Sandwüste, oder er sitze jetzt mit ermatte-
ten Schwingen auf irgendeiner ägyptischen Pyramide 
und schaut sehnsüchtig nach dem Norden, nach dem 
kühlen Sommerneste im Lande Hannover.
Als ich, im Spätherbst 1828, aus dem Süden zu-
rückkehrte (und zwar mit dem brennenden Pfeil in der
Brust), führte mich mein Weg in die Nähe von Göt-
tingen, und bei meiner dicken Freundin, der Posthalte-
rin, stieg ich ab, um Pferde zu wechseln. Ich hatte sie 
seit Jahr und Tag nicht gesehen, und die gute Frau 
schien sehr verändert. Ihr Busen glich noch immer 
einer Festung, aber einer geschleiften; die Bastionen 
rasiert, die zwei Haupttürme nur hängende Ruinen, 
keine Schildwache bewachte mehr den Eingang, und 
das Herz, die Zitadelle, war gebrochen. Wie ich von 
dem Postillion Pieper erfuhr, hatte sie sogar die Lust 
an den Hoffmannschen Romanen verloren, und sie 
trank jetzt vor Schlafengehn desto mehr Branntewein. 
Das ist auch viel einfacher; denn den Branntewein 
haben die Leute immer selbst im Hause, die Hoff-
mannschen Romane hingegen mußten sie vier Stun-
den weit aus der Deuerlichschen Lesebibliothek zu 
Göttingen holen lassen. Der Postillion Pieper war ein 
kleiner Kerl, der dabei so sauer aussah, als habe er 
Essig gesoffen und sei davon ganz zusammengezo-
gen. Als ich diesen Menschen nach der Schwester der 
Frau Posthalterin befragte, antwortete er: »Mademoi-
selle Sophia wird bald sterben und ist schon jetzt ein 
Engel.« Wie vortrefflich mußte ein Wesen sein, 
wovon sogar der saure Pieper sagte, sie sei ein Engel!
Und er sagte dieses, während er, mit seinem hochbe-
stiefelten Fuße, das schnatternde und flatternde Feder-
vieh fortscheuchte. Das Posthaus, einst lachend weiß, 
hatte sich ebenso wie seine Wirtin verändert, es war 
krankhaft vergilbt, und die Mauern hatten tiefe Run-
zeln bekommen. Im Hofraum lagen zerschlagene 
Wagen, und neben dem Misthaufen, an einer Stange, 
hing, zum Trocknen, ein durchnäßter, scharlachroter 
Postillionsmantel. Mademoiselle Sophia stand oben 
am Fenster und las, und als ich zu ihr hinaufkam, fand
ich wieder in ihren Händen ein Buch, dessen Einband 
von rotem Maroquin mit Goldschnitt, und es war wie-
der der »Ofterdingen« von Novalis. Sie hatte also 
immer und immer noch in diesem Buche gelesen, und 
sie hatte sich die Schwindsucht herausgelesen und sah
aus wie ein leuchtender Schatten. Aber sie war jetzt 
von einer geistigen Schönheit, deren Anblick mich 
aufs schmerzlichste bewegte. Ich nahm ihre beiden 
blassen, mageren Hände und sah ihr tief hinein in die 
blauen Augen und fragte sie endlich: »Mademoiselle 
Sophia, wie befinden Sie sich?« - »Ich befinde mich 
gut«, antwortete sie »und bald noch besser!«, und sie 
zeigte zum Fenster hinaus nach dem neuen Kirchhof, 
einem kleinen Hügel, unfern des Hauses. Auf diesem 
kahlen Hügel stand eine einzige schmale dürre Pap-
pel, woran nur noch wenige Blätter hingen, und das 
bewegte sich im Herbstwind, nicht wie ein lebender 
Baum, sondern wie das Gespenst eines Baumes.
Unter dieser Pappel liegt jetzt Mademoiselle So-
phia, und ihr hinterlassenes Andenken, das Buch in 
rotem Maroquin mit Goldschnitt, der »Heinrich von 
Ofterdingen« des Novalis, liegt eben jetzt vor mir auf 
meinem Schreibtisch, und ich benutzte es bei der Ab-
fassung dieses Kapitels.

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