Schloßlegende

Text by Heinrich Heine (1797-1856)

 


Version 1  (français | english)

input by Joseph Massaad
Quelle:
Heinrich Heine: Gedichte, Reclam jun., Stuttgart

Version 2

Quelle: Heinrich Heine -
Sämtliche Werke in zwölf Bänden

Th. Knaur Nachf., Berlin und Leipzig,o.J.

Zu Berlin, im alten Schloße,
Sehen wir, aus Stein gemetzt,
Wie ein Weib mit einem Roße
Sodomitisch sich ergötzt.

Und es heißt: daß jene Dame
Die erlauchte Mutter ward
Unsres Fürstenstamms; der Same
Schlug fürwahr nicht aus der Art.

Ja, fürwahr, sie hatten wenig
Von der menschlichen Natur!
Und an jedem Preußenkönig
Merkte man die Pferdespur.

Das Brutale in der Rede,
Das Gelächter ein Gewier,
Stallgedanken, und das öde
Fressen – jeder Zoll ein Tier!

Du allein, du des Geschlechtes
Jünster Sprößling, fühlst und denkst
Wie ein Mensch, du hast ein echtes
Christenherz, und bist kein Hengst.

Zu Turin im alten Schlosse
Sehen wir, aus Stein gemetzt,
Wie ein Weib mit einem Rosse
Sodomitisch sich ergetzt.

Und es heißt, daß jene Dame
Die erlauchte Mutter ward
Eines Fürstenstamms. Der Same
Schlug fürwahr nicht aus der Art.

Ja, sie hatten alle wenig
Von der menschlichen Natur!
Und an jedem Gardenkönig
Merkte man die Pferdespur.

Stets brutal und zugleich blöde,
Stallgedanken, jammervoll
Ein Gewieher ihre Rede,
Eine Bestie jeder Zoll!

Du allein, du des Geschlechtes
Letzter Sprößling, fühlst und denkst
Wie ein Mensch und hast ein echtes
Christenherz, und bist - kein Hengst!