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Englische Fragmente | Schlußwort

und

Die Stadt Lucca

Text by Heinrich Heine (1797-1856)


Lachen muß ich immer über die Engländer, die 
diesen ihren zweiten Dichter (denn nach Shake-
speare gebührt Byron die Palme) so jämmerlich
spießbürgerlich beurteilen, weil er ihre Pedan-
terie verspottete, sich ihren Krähwinkelsitten 
nicht fügen, ihren kalten Glauben nicht teilen 
wollte, ihre Nüchternheit ihm ekelhaft war und 
er sich über ihren Hochmut und ihre Heuchelei 
beklagte. Viele machen schon ein Kreuz, wenn 
sie nur von ihm sprechen, und selbst die Frau-
en, obgleich ihre Wangen von Enthusiasmus 
glühen, wenn sie ihn lesen, nehmen öffentlich 
heftig Partei gegen den heimlichen Liebling -

Briefe eines Verstorbenen.
Ein fragmentarisches Tagebuch
aus England. München 1830

Kapitel I

Die umgebende Natur wirkt auf den Menschen - 
warum nicht auch der Mensch auf die Natur, die ihn 
umgibt? In Italien ist sie leidenschaftlich wie das 
Volk, das dort lebt; bei uns in Deutschland ist sie ern-
ster, sinniger und geduldiger. Hatte einst, wie die 
Menschen, auch die Natur mehr inneres Leben? Die 
Gemütskraft eines Orpheus, sagt man, konnte Bäume 
und Steine nach begeisterten Rhythmen bewegen. 
Könnte noch jetzt dergleichen geschehen? Menschen 
und Natur sind phlegmatisch geworden und gähnen 
sich einander an. Ein königl. preuß. Poet wird nim-
mermehr, mit den Klängen seiner Leier, den Templo-
wer Berg oder die Berliner Linden zum Tanzen brin-
gen können.
Auch die Natur hat ihre Geschichte, und das ist 
eine andere Naturgeschichte als wie die, welche in 
Schulen gelehrt wird. Irgendeine von jenen grauen Ei-
dechsen, die schon seit Jahrtausenden in den Felsen-
spalten des Apennins leben, sollte man als ganz au-
ßerordentliche Professorin bei einer unserer Universi-
täten anstellen, und man würde ganz außerordentliche
Dinge zu hören bekommen. Aber der Stolz einiger 
Herren von der juristischen Fakultät würde sich gegen
eine solche Anstellung auflehnen. Hegt doch einer 
von ihnen schon jetzt eine geheime Eifersucht gegen 
den armen Fido Savant, fürchtend, daß dieser ihn 
einst im gelehrten Apportieren ersetzen könnte.
Die Eidechsen mit ihren klugen Schwänzchen und 
spitzfündigen Äuglein haben mir wunderbare Dinge 
erzählt, wenn ich einsam zwischen den Felsen der 
Apenninen umherkletterte. Wahrlich, es gibt Dinge 
zwischen Himmel und Erde, die nicht bloß unsere 
Philosophen, sondern sogar die gewöhnlichsten 
Dummköpfe nicht begreifen.
Die Eidechsen haben mir erzählt, es gehe eine Sage
unter den Steinen, daß Gott einst Stein werden wolle, 
um sie aus ihrer Starrheit zu erlösen. Eine alte Ei-
dechse meinte aber, diese Steinwerdung würde nur 
dann stattfinden, wenn Gott bereits in alle Tier- und 
Pflanzenarten sich verwandelt und sie erlöst habe.
Nur wenige Steine haben Gefühl, und nur im 
Mondschein atmen sie. Aber diese wenige Steine, die 
ihren Zustand fühlen, sind schrecklich elend. Die 
Bäume sind viel besser daran, sie können weinen. Die
Tiere aber sind am meisten begünstigt, denn sie kön-
nen sprechen, jedes nach seiner Art und die Menschen
am besten. Einst, wenn die ganze Welt erlöst ist, wer-
den alle anderen Erschaffnisse ebenfalls sprechen 
können, wie in jenen uralten Zeiten, wovon die Dich-
ter singen.
Die Eidechsen sind ein ironisches Geschlecht und 
betören gern die anderen Tiere. Aber sie waren gegen 
mich so demütig, sie seufzten so ehrlich, sie erzählten
mir Geschichten von Atlantis, die ich nächstens auf-
schreiben will, zu Nutz und Frommen der Welt. Es 
ward mir so innig zumute bei den kleinen Wesen, die 
gleichsam die geheimen Annalen der Natur aufbewah-
ren. Sind es etwa verzauberte Priesterfamilien, gleich 
denen des alten Ägyptens, die ebenfalls naturbelau-
schend in labyrinthischen Felsengrotten wohnten? Auf
ihren Köpfchen, Leibchen und Schwänzchen blühen 
so wunderbare Zeichenbilder wie auf ägyptischen 
Hieroglyphenmützen und Hierophantenröcken.
Meine kleinen Freunde haben mich auch eine Zei-
chensprache gelehrt, vermittelst welcher ich mit der 
stummen Natur zu sprechen vermag. Dieses erleich-
tert mir oft die Seele, besonders gegen Abend, wenn 
die Berge in schaurig-süßen Schatten gehüllt stehen 
und die Wasserfälle rauschen und alle Pflanzen duften
und hastige Blitze hin und her zucken -
O Natur! du stumme Jungfrau! wohl verstehe ich 
dein Wetterleuchten, den vergeblichen Redeversuch, 
der über dein schönes Antlitz dahinzuckt, und du dau-
erst mich so tief, daß ich weine. Aber alsdann ver-
stehst du auch mich, und du heiterst dich auf und 
lachst mich an aus goldnen Augen. Schöne Jungfrau, 
ich verstehe deine Sterne, und du verstehst meine Trä-
nen!

Kapitel II

»Nichts in der Welt will rückwärts gehen«, sagte 
mir ein alter Eidechs, »alles strebt vorwärts, und am 
Ende wird ein großes Naturavancement stattfinden. 
Die Steine werden Pflanzen, die Pflanzen werden 
Tiere, die Tiere werden Menschen und die Menschen 
werden Götter werden.«
»Aber«, rief ich, »was soll denn aus diesen guten 
Leuten, aus den armen alten Göttern werden?«
»Das wird sich finden, lieber Freund«, antwortete 
jener; »wahrscheinlich danken sie ab oder werden auf 
irgendeine ehrende Art in den Ruhestand versetzt.«
Ich habe von meinem hieroglyphenhäutigen Natur-
philosophen noch manches andre Geheimnis erfahren;
aber ich gab mein Ehrenwort, nichts zu enthüllen. Ich 
weiß jetzt mehr als Schelling und Hegel.
»Was halten Sie von diesen beiden?« frug mich der
alte Eidechs mit einem höhnischen Lächeln, als ich 
mal diese Namen gegen ihn erwähnte.
»Wenn man bedenkt«, antwortete ich, »daß sie 
bloß Menschen und keine Eidechsen sind, so muß 
man über das Wissen dieser Leute sehr erstaunen. Im 
Grunde lehren sie eine und dieselbe Lehre, die Ihnen 
wohlbekannte Identitätsphilosophie, nur in der Dar-
stellungsart unterscheiden sie sich. Wenn Hegel die 
Grundsätze seiner Philosophie aufstellt, so glaubt 
man jene hübschen Figuren zu sehen, die ein ge-
schickter Schulmeister, durch eine künstliche Zusam-
menstellung von allerlei Zahlen, zu bilden weiß, der-
gestalt, daß ein gewöhnlicher Beschauer nur das 
Oberflächliche, nur das Häuschen oder Schiffchen 
oder absolute Soldätchen sieht, das aus jenen Zahlen 
formiert ist, während ein denkender Schulknabe in der
Figur selbst vielmehr die Auflösung eines tiefen Re-
chenexempels erkennen kann. Die Darstellungen 
Schellings gleichen mehr jenen indischen Tierbildern, 
die aus allerlei anderen Tieren, Schlangen, Vögeln, 
Elefanten und dergleichen lebendigen Ingredienzien, 
durch abenteuerliche Verschlingungen, zusammenge-
setzt sind. Diese Darstellungsart ist viel anmutiger, 
heiterer, pulsierend wärmer, alles darin lebt, statt daß 
die abstrakt Hegelschen Chiffern uns so grau, so kalt 
und tot anstarren.«
»Gut, gut«, erwiderte der alte Eidechserich, »ich 
merke schon, was Sie meinen; aber sagen Sie mir, 
haben diese Philosophen viele Zuhörer?«
Ich schilderte ihm nun, wie in der gelehrten Kara-
wanserei zu Berlin die Kamele sich sammeln um den 
Brunnen Hegelscher Weisheit, davor niederknien, 
sich die kostbaren Schläuche aufladen lassen und 
damit weiterziehen durch die märk'sche Sandwüste. 
Ich schilderte ihm ferner, wie die neuen Athener um 
den Springquell des Schellingschen Geistestranks 
sich drängen, als wäre es das beste Bier, Breihahn des
Lebens, Gesöffe der Unsterblichkeit -
Den kleinen Naturphilosophen überlief der gelbe 
Neid, als er hörte, daß seine Kollegen sich so großen 
Zuspruchs erfreuen, und ärgerlich frug er: »Welchen 
von beiden halten Sie für den größten?« - »Das kann 
ich nicht entscheiden«, gab ich zur Antwort, »ebenso-
wenig wie ich entscheiden könnte, ob die Schechner 
größer sei als die Sontag, und ich denke -«
»Denke!« rief der Eidechs mit einem scharfen, vor-
nehmen Tone der tiefsten Geringschätzung, »denken! 
wer von euch denkt? Mein weiser Herr, schon an die 
dreitausend Jahre mache ich Untersuchungen über die 
geistigen Funktionen der Tiere, ich habe besonders 
Menschen, Affen und Schlangen zum Gegenstand 
meines Studiums gemacht, ich habe soviel Fleiß auf 
diese seltsamen Geschöpfe verwendet wie Lyonnet 
auf seine Weidenraupen, und als Resultat aller meiner
Beobachtungen, Experimente und anatomischen Ver-
gleichungen kann ich Ihnen bestimmt versichern: 
Kein Mensch denkt, es fällt nur dann und wann den 
Menschen etwas ein, solche ganz unverschuldete Ein-
fälle nennen sie Gedanken, und das Aneinanderreihen 
derselben nennen sie Denken. Aber in meinem Namen
können Sie es wiedersagen: Kein Mensch denkt, kein 
Philosoph denkt, weder Schelling noch Hegel denkt, 
und was gar ihre Philosophie betrifft, so ist sie eitel 
Luft und Wasser, wie die Wolken des Himmels, ich 
habe schon unzählige solcher Wolken, stolz und si-
cher, über mich hinziehen sehen, und die nächste 
Morgensonne hat sie aufgelöst in ihr ursprüngliches 
Nichts; - es gibt nur eine einzige wahre Philosophie, 
und diese steht, in ewigen Hieroglyphen, auf meinem 
eigenen Schwanze.«
Bei diesen Worten, die mit einem dedaignanten Pa-
thos gesprochen wurden, drehte mir der alte Eidechs 
den Rücken, und indem er langsam fortschwänzelte, 
sah ich darauf die wunderlichsten Charaktere, die sich
in bunter Bedeutsamkeit bis über den ganzen 
Schwanz hinabzogen.

Kapitel III

Auf dem Wege zwischen den Bädern von Lucca 
und der Stadt dieses Namens, unweit von dem großen 
Kastanienbaume, dessen wildgrüne Zweige den Bach 
überschatten, und in Gegenwart eines alten, weißbär-
tigen Ziegenbocks, der dort einsiedlerisch weidete, 
wurde das Gespräch geführt, das ich im vorigen Kapi-
tel mitgeteilt habe. Ich ging nach der Stadt Lucca, um 
Franscheska und Mathilde zu suchen, die ich unserer 
Verabredung gemäß schon vor acht Tagen dort treffen
sollte. Ich war aber, zur bestimmten Zeit, vergebens 
hingereist, und ich hatte mich jetzt zum zweiten Male 
auf den Weg gemacht. Ich ging zu Fuße, längs den 
schönen Bergen und Baumgruppen, wo die goldnen 
Orangen, wie Sterne des Tages, aus dem dunklen 
Grün hervorleuchteten und Girlanden von Weinreben,
in festlichen Windungen, sich meilenweit hinzogen. 
Das ganze Land ist dort so gartenhaft und geschmückt
wie bei uns die ländlichen Szenen, die auf dem Thea-
ter dargestellt werden; auch die Landleute selbst glei-
chen jenen bunten Gestalten, die uns dann als singen-
de, lächelnde und tanzende Staffage ergötzen. Nir-
gends Philistergesichter. Und gibt es hier auch Phili-
ster, so sind es doch italienische Orangenphilister und
keine plump deutschen Kartoffelphilister. Pittoresk 
und idealisch wie das Land sind auch die Leute, und 
dabei trägt jeder Mann einen so individuellen Aus-
druck im Gesicht und weiß in Stellung, Faltenwurf 
des Mantels und nötigenfalls in Handhabung des 
Messers seine Persönlichkeit geltend zu machen. Da-
gegen bei uns zulande lauter Menschen mit allgemei-
nen, gleichförmlichen Physiognomien; wenn ihrer 
zwölf beisammen sind, bilden sie ein Dutzend, und 
wenn einer sie dann angreift, rufen sie die Polizei.
Auffallend war mir, im Luccesischen, wie im größ-
ten Teile Toskanas, tragen die Frauenzimmer große, 
schwarze Filzhüte mit herabwallend schwarzen 
Straußfedern; sogar die Strohflechterinnen tragen 
dergleichen schwere Hauptbedeckung. Die Männer 
hingegen tragen meistens einen leichten Strohhut, und
junge Burschen erhalten solchen zum Geschenk von 
einem Mädchen, das ihn selbst verfertigt, ihre Liebes-
gedanken und vielleicht auch manchen Seufzer hinein-
geflochten. So saß einst Franscheska unter den Mäd-
chen und Blumen des Arnotals und flocht einen Hut, 
für ihren caro Cecco, und küßte jeden Strohhalm, den 
sie dazu nahm, und trillerte ihr hübsches »Occhie, 
stelle mortale«; - das lockichte Haupt, das den hüb-
schen Hut nachher so hübsch trug, hat jetzt eine Ton-
sur, und der Hut selbst hängt, alt und abgenutzt, im 
Winkel eines trüben Abatestübchens zu Bologna.
Ich gehöre zu den Leuten, die immer gern einen 
kürzeren Weg nehmen, als die Landstraße bietet, und 
denen es alsdann wohl begegnet, daß sie sich auf 
engen Holz- und Felsenpfaden verirren. Das geschah 
auch hier, und ich habe zu meiner Reise nach Lucca 
gewiß doppelt soviel Zeit gebraucht als gewöhnliche 
Landstraßmenschen. Ein Sperling, den ich um den 
Weg frug, zwitscherte und zwitscherte und konnte mir
doch keinen rechten Bescheid geben. Vielleicht auch 
wußte er ihn selbst nicht. Den Schmetterlingen und 
Libellen, die auf großen Glockenblumen saßen, konn-
te ich kein Wort abgewinnen; sie waren schon davon-
geflattert, ehe sie noch meine Fragen vernommen, und
die Blumen schüttelten ihre tonlosen Glockenhäupter.
Manchmal weckten mich die wilden Myrten, die, mit 
feinen Stimmchen, aus der Ferne kicherten. Hastig er-
klomm ich dann die höchsten Felsenspitzen und rief: 
»Ihr Wolken des Himmels! Segler der Lüfte! sagt mir,
wo geht der Weg nach Franscheska? Ist sie in Lucca? 
Sagt mir, was tut sie? was tanzt sie? Sagt mir alles, 
und wenn ihr mir alles gesagt habt, so sagt es mir 
nochmals!«
Bei solcher Überfülle von Torheit konnte es wohl 
geschehen, daß ein ernster Adler, den mein Ruf aus 
seinen einsamen Träumen aufgestört, mich mit ge-
ringschätzendem Unmute ansah. Aber ich verzieh's 
ihm gerne; denn er hatte niemals Franscheska gese-
hen, und daher konnte er noch immer so erhabenmütig
auf seinem festen Felsen sitzen und so seelenfrei zum 
Himmel emporstarren oder so impertinent ruhig auf 
mich herabglotzen. So ein Adler hat einen unerträg-
lich stolzen Blick und sieht einen an, als wollte er 
sagen: »Was bist du für ein Vogel? Weißt du wohl, 
daß ich noch immer ein König bin, ebensogut wie in 
jenen Heldenzeiten, als ich Jupiters Blitze trug und 
Napoleons Fahnen schmückte? Bist du etwa ein ge-
lehrter Papagoi, der die alten Lieder auswendig ge-
lernt hat und pedantisch nachplappert? Oder eine ver-
müffte Turteltaube, die schön fühlt und miserabel 
gurrt? Oder eine Almanachsnachtigall? Oder ein ab-
gestandener Gänserich, dessen Vorfahren das Kapitol 
gerettet? Oder gar ein serviler Haushahn, dem man, 
aus Ironie, das Emblem des kühnen Fliegens, nämlich
mein Miniaturbild, um den Hals gehängt hat und der 
sich deshalb so mächtig spreizt, als wäre er nun selbst
ein Adler?« Du weißt, lieber Leser, wie wenig Ursa-
che ich habe, mich beleidigt zu fühlen, wenn ein 
Adler dergleichen von mir dachte. Ich glaube, der 
Blick, den ich ihm zurückwarf, war noch stolzer als 
der seinige, und wenn er sich bei dem ersten besten 
Lorbeerbaume erkundigt hat, so weiß er jetzt, wer ich 
bin.
Ich war wirklich im Gebirge verirrt, als schon die 
Dämmerung hereinbrach und die bunten Waldlieder 
allmählich verstummten und die Bäume immer ernst-
hafter rauschten. Eine erhabene Heimlichkeit und in-
nige Feier zog, wie der Odem Gottes, durch die ver-
klärte Stille. Hie und da, aus dem Boden, blickte ein 
schönes dunkles Auge zu mir herauf und verschwand 
im selben Augenblick. Zärtliches Flüstern tändelte 
mir ums Herz, und unsichtbare Küsse berührten luftig
meine Wangen. Das Abendrot umhüllte die Berge wie
mit Purpurmänteln, und die letzten Sonnenstrahlen 
beleuchteten ihre Gipfel, daß es aussah, als wären sie 
Könige mit goldenen Kronen auf den Häuptern. Ich 
aber stand wie ein Kaiser der Welt in der Mitte dieser 
gekrönten Vasallen, die schweigend mir huldigten.

Kapitel IV

Ich weiß nicht, ob der Mönch, der mir unfern 
Lucca begegnete, ein frommer Mann ist. Aber ich 
weiß, sein alter Leib steckt arm und nackt in einer 
groben Kutte, jahraus, jahrein; die zerrissenen Sanda-
len können seine bloßen Füße nicht genug schützen, 
wenn er, durch Dorn und Gestrippe, die Felsen hin-
aufklimmt, um droben in den Bergdörfern Kranke zu 
trösten oder Kinder beten zu lehren; - und er ist zu-
frieden, wenn man ihm dafür ein Stückchen Brot in 
den Sack steckt und ihm ein bißchen Stroh gibt, um 
darauf zu schlafen.
»Gegen den Mann will ich nicht schreiben«, sprach
ich zu mir selbst. »Wenn ich wieder zu Hause in 
Deutschland, auf meinem Lehnsessel, am knisternden 
Öfchen, bei einer behaglichen Tasse Tee, wohlgenährt
und warm sitze und gegen die katholischen Pfaffen 
schreibe - gegen den Mann will ich nicht schrei-
ben.« -
Um gegen die katholischen Pfaffen zu schreiben, 
muß man auch ihre Gesichter kennen. Die Originalge-
sichter sieht man aber nur in Italien. Die deutschen 
katholischen Priester und Mönche sind bloß schlechte
Nachahmungen, oft sogar Parodien der italienischen; 
eine Vergleichung derselben würde ebenso ausfallen, 
als wenn man römische oder florentinische 
Heiligenbilder vergleichen wollte mit jenen 
heuschrecklichen, frommen Fratzen, die etwa dem 
spießbürgerlichen Pinsel eines Nürenberger Stadtma-
lers oder gar der lieben Einfalt eines Gemütsbeflisse-
nen aus der langhaarig christlich neudeutschen Schule
ihr trauriges Dasein verdanken.
Die Pfaffen in Italien haben sich schon längst mit 
der öffentlichen Meinung abgefunden, das Volk dort 
ist längst daran gewöhnt, die geistliche Würde von 
der unwürdigen Person zu unterscheiden, jene zu 
ehren, wenn auch diese verächtlich ist. Eben der Kon-
trast, den die idealen Pflichten und Ansprüche des 
geistlichen Standes und die unabweislichen Bedürf-
nisse der sinnlichen Natur bilden müssen, jener uralte,
ewige Konflikt zwischen dem Geiste und der Materie,
macht die italienischen Pfaffen zu stehenden Charak-
teren des Volkshumors, in Satiren, Liedern und No-
vellen. Ähnliche Erscheinungen zeigen sich uns über-
all, wo ein ähnlicher Priesterstand vorhanden ist, z.B. 
in Hindostan. In den Komödien dieses urfrommen 
Landes, wie wir schon in der »Sakontala« bemerkt 
und in der neulich übers setzten »Vasantasena« bestä-
tigt finden, spielt immer ein Brahmine die komische 
Rolle, sozusagen den Priestergrazioso, ohne daß da-
durch die Ehrfurcht, die man seinen Opferverrichtun-
gen und seiner privilegierten Heiligkeit schuldig ist, 
im mindesten beeinträchtigt wird - ebensowenig wie 
ein Italiener mit minderer Andacht bei einem Priester 
Messe hört oder beichtet, den er noch tags zuvor be-
trunken im Straßenkote gefunden hat. In Deutschland 
ist das anders, der katholische Priester will da nicht 
bloß seine Würde durch sein Amt, sondern auch sein 
Amt durch seine Person repräsentieren; und weil er es
vielleicht anfangs mit seinem Berufe wirklich ganz 
ernsthaft gemeint hat und er nachher, wenn seine 
Keuschheits- und Demutsgelübde etwas mit dem alten
Adam kollidieren, sie dennoch nicht öffentlich verlet-
zen will, besonders auch, weil er unserem Freunde 
Krug in Leipzig keine Blöße geben will, so sucht er 
wenigstens den Schein eines heiligen Wandels zu be-
wahren. Daher Scheinheiligkeit, Heuchelei und glei-
sendes Frömmeln bei deutschen Pfaffen; bei den ita-
lienischen hingegen viel mehr Durchsichtigkeit der 
Maske und eine gewisse feiste Ironie und behagliche 
Weltverdauung.
Doch was helfen solche allgemeine Reflexionen! 
Sie können dir wenig nutzen, lieber Leser, wenn du 
etwa Lust hättest, gegen das katholische Pfaffentum 
zu schreiben. Zu diesem Zwecke muß man, wie ge-
sagt, mit eignen Augen die Gesichter sehen, die dazu 
gehören. Wahrlich, es ist nicht einmal hinreichend, 
wenn man sie im königlichen Opernhause zu Berlin 
gesehen hat. Der vorige Generalintendant tat zwar 
immer das Seinige, um den Krönungszug in der 
»Jungfrau von Orleans« so täuschend treu als möglich
darzustellen, seinen Landsleuten die Idee einer Pro-
zession zu veranschaulichen und ihnen Pfaffen von 
allen Couleuren vor Augen zu bringen. Doch das ge-
treueste Kostüm kann nicht die Originalgesichter er-
setzen, und vertrödelte man sogar noch extra 100000 
Taler für goldne Bischofsmützen, festonierte Chor-
hemden, buntgestickte Meßgewänder und ähnlichen 
Kram - so würden doch die protestantisch vernünfti-
gen Nasen, die unter jenen Bischofsmützen hervor-
protestieren, die dünnen denkgläubigen Beine, die aus
den weißen Spitzen dieser Chorhemden heraus-
gucken, die aufgeklärten Bäuche, denen jene Meßge-
wänder viel zu weit, alles würde unsereinen daran er-
innern, daß keine katholische Geistliche, sondern Ber-
liner Weltliche über die Bühne wandeln.
Ich habe oft darüber nachgedacht, ob der General-
intendant jenen Zug nicht viel besser darstellen und 
uns das Bild einer Prozession viel treuer vor Augen 
bringen könnte, wenn er die Rollen der katholischen 
Pfaffen nicht mehr von den gewöhnlichen Statisten, 
sondern von jenen protestantischen Geistlichen spie-
len ließe, die in der theologischen Fakultät, in der 
»Kirchenzeitung« und auf den Kanzeln am orthodoxe-
sten gegen Vernunft, Weltlust, Gesenius und Teu-
feltum zu predigen wissen. Es würden dann Gesichter
zum Vorschein kommen, deren pfäffisches Gepräge 
gewiß jenen Rollen viel täuschender entspräche. Ist es
doch eine bekannte Bemerkung, daß die Pfaffen in der
ganzen Welt, Rabbinen, Muftis, Dominikaner, Konsi-
storialräte, Popen, Bonzen, kurz, das ganze diploma-
tische Korps Gottes, im Gesichte eine gewisse Famili-
enähnlichkeit haben, wie man sie immer findet bei 
Leuten, die ein und dasselbe Gewerbe treiben. Schnei-
der, in der ganzen Welt, zeichnen sich aus durch Zart-
heit der Glieder, Metzger und Soldaten tragen wieder 
überall denselben farouchen Anstrich, Juden haben 
ihre eigentümlich ehrliche Miene, nicht weil sie von 
Abraham, Isaak und Jakob abstammen, sondern weil 
sie Kaufleute sind, und der Frankfurter christliche 
Kaufmann sieht dem Frankfurter jüdischen Kaufman-
ne ebenso ähnlich wie ein faules Ei dem andern. Die 
geistlichen Kaufleute, solche, die von 
Religionsgeschäften ihren Unterhalt gewinnen, erlan-
gen daher auch im Gesichte eine Ähnlichkeit. Frei-
lich, einige Nuancen entstehen durch die Art und 
Weise, wie sie ihr Geschäft treiben. Der katholische 
Pfaffe treibt es mehr wie ein Kommis, der in einer 
großen Handlung angestellt ist; die Kirche, das große 
Haus, dessen Chef der Papst ist, gibt ihm bestimmte 
Beschäftigung und dafür ein bestimmtes Salär; er ar-
beitet lässig, wie jeder, der nicht für eigne Rechnung 
arbeitet und viele Kollegen hat und im großen Ge-
schäftstreiben leicht unbemerkt bleibt - nur der 
Kredit des Hauses liegt ihm am Herzen und noch 
mehr dessen Erhaltung, da er bei einem etwaigen 
Bankerotte seinen Lebensunterhalt verlöre. Der prote-
stantische Pfaffe hingegen ist überall selbst Prinzipal,
und er treibt die Religionsgeschäfte für eigene Rech-
nung. Er treibt keinen Großhandel wie sein katholi-
scher Gewerbsgenosse, sondern nur einen Kleinhan-
del; und da er demselben allein vorstehen muß, darf er
nicht lässig sein, er muß seine Glaubensartikel den 
Leuten anrühmen, die Artikel seiner Konkurrenten 
herabsetzen, und als echter Kleinhändler steht er in 
seiner Ausschnittbude, voll von Gewerbsneid gegen 
alle großen Häuser, absonderlich gegen das große 
Haus in Rom, das viele tausend Buchhalter und Pack-
knechte besoldet und seine Faktoreien hat in allen vier
Weltteilen.
Solches hat nun freilich auch seine physiognomi-
sche Wirkungen, aber diese sind doch nicht vom Par-
terre aus bemerkbar, die Familienähnlichkeit in den 
Gesichtern katholischer und protestantischer Pfaffen 
bleibt doch in ihren Hauptzügen unverändert, und 
wenn der Generalintendant die obenerwähnten Herren
gut bezahlt, so werden sie ihre Rolle, wie immer, 
recht täuschend spielen. Auch ihr Gang wird zur Illu-
sion beitragen, obgleich ein feines, geübtes Auge 
wohl merkt, daß er sich von dem Gange katholischer 
Priester und Mönche ebenfalls durch feine Nuancen 
unterscheidet.
Ein katholischer Pfaffe wandelt einher, als wenn 
ihm der Himmel gehöre; ein protestantischer Pfaffe 
hingegen geht herum, als wenn er den Himmel ge-
pachtet habe.

Kapitel V

Es war schon Nacht, als ich die Stadt Lucca er-
reichte.
Wie ganz anders erschien sie mir die Woche vor-
her, als ich am Tage durch die widerhallend öden 
Straßen wandelte und mich in eine jener verwunsche-
nen Städte versetzt glaubte, wovon mir einst die 
Amme soviel erzählt. Da war die ganze Stadt still wie
das Grab, alles war so verblichen und verstorben, auf 
den Dächern spielte der Sonnenglanz, wie Goldflitter,
auf dem Haupte einer Leiche, hie und da aus den Fen-
stern eines altverfallenen Hauses hingen Efeuranken, 
wie vertrocknet grüne Tränen, überall glimmernder 
Moder und ängstlich stockender Tod, die Stadt schien
nur das Gespenst einer Stadt, ein steinerner Spuk am 
hellen Tage. Da suchte ich lange vergebens die Spur 
eines lebendigen Wesens. Ich erinnere mich nur, vor 
einem alten Palazzo lag ein schlafender Bettler mit 
ausgestreckt offner Hand. Auch erinnere ich mich, 
oben am Fenster eines schwärzlich morschen Häus-
lein sah ich einen Mönch, der den roten Hals mit dem 
feisten Glatzenhaupt recht lang aus der braunen Kutte
hervorreckte, und neben ihm kam ein vollbusig nack-
tes Weibsbild zum Vorschein; unten, in die halb offne
Haustüre, sah ich einen kleinen Jungen hineingehen, 
der als ein schwarzer Abate gekleidet war und mit 
beiden Händen eine mächtig großbäuchige Weinfla-
sche trug. - In demselben Augenblick läutete unfern 
ein feines ironisches Glöcklein, und in meinem Ge-
dächtnisse kicherten die Novellen des Boccaccio. 
Diese Klänge konnten aber keineswegs das seltsame 
Grauen, das meine Seele durchschauerte, ganz ver-
scheuchen. Es hielt mich vielleicht um so gewaltiger 
befangen, da die Sonne, so warm und hell, die un-
heimlichen Gebäude beleuchtete; und ich merkte 
wohl, Gespenster sind noch furchtbarer, wenn sie den 
schwarzen Mantel der Nacht abwerfen und sich im 
hellen Mittagslichte sehen lassen.
Als ich jetzt, acht Tage später, wieder nach Lucca 
kam, wie erstaunte ich über den veränderten Anblick 
dieser Stadt! »Was ist das?« rief ich, als die Lichter 
mein Auge blendeten und die Menschenströme durch 
die Gassen sich wälzten. »Ist ein ganzes Volk als 
nächtliches Gespenst aus dem Grabe gestiegen, um im
tollsten Mummenschanz das Leben nachzuäffen? Die 
hohen, trüben Häuser sind mit Lampen verziert, 
überall aus den Fenstern hängen bunte Teppiche, die 
morschgrauen Wände fast bedeckend, und darüber 
lehnen sich holde Mädchengesichter, so frisch, so blü-
hend, daß ich wohl merke, es ist das Leben selbst, das
sein Vermählungsfest mit dem Tode feiert und Schön-
heit und Jugend dazu eingeladen hat.« Ja, es war so 
ein lebendes Totenfest, ich weiß nicht, wie es im Ka-
lender genannt wird, auf jeden Fall so ein Schin-
dungstag irgendeines geduldigen Martyrers, denn ich 
sah nachher einen heiligen Totenschädel und noch ei-
nige Extraknochen mit Blumen und Edelsteinen ge-
ziert und unter hochzeitlicher Musik herumtragen. Es 
war eine schöne Prozession.
Voran gingen die Kapuziner, die sich von den an-
deren Mönchen durch lange Bärte auszeichneten und 
gleichsam die Sappeurs dieser Glaubensarmee bilde-
ten. Darauf folgten Kapuziner ohne Bärte, worunter 
viele männlich edle Gesichter, sogar manch jugend-
lich schönes Gesicht, das die breite Tonsur sehr gut 
kleidete, weil der Kopf dadurch wie mit einem zierli-
chen Haarkranz umflochten schien und samt dem blo-
ßen Nacken recht anmutig aus der braunen Kutte her-
vortrat. Hierauf folgten Kutten von anderen Farben, 
schwarz, weiß, gelb, panache, auch herabgeschlagene 
dreieckige Hüte, kurz, all jene Klosterkostüme, womit
wir durch die Bemühungen unseres Generalintendan-
ten längst bekannt sind. Nach den Mönchsorden 
kamen die eigentlichen Priester, weiße Hemde über 
schwarze Hosen, und farbige Käppchen; hinter ihnen 
kamen noch vornehmere Geistliche, in buntseidne 
Decken gewickelt und auf dem Haupte eine Art hoher 
Mützen, die wahrscheinlich aus Ägypten stammen 
und die man auch aus dem Denonschen Werke, aus 
der »Zauberflöte« und aus dem Belzoni kennenlernt; 
es waren altgediente Gesichter, und sie schienen eine 
Art von alter Garde zu bedeuten. Zuletzt kam der ei-
gentliche Stab, ein Thronhimmel und darunter ein 
alter Mann mit einer noch höheren Mütze und in einer
noch reicheren Decke, deren Zipfel von zwei ebenso 
gekleideten alten Männern, nach Pagenart, getragen 
wurden.
Die vorderen Mönche gingen mit gekreuzten 
Armen ernsthaft schweigend; aber die mit den hohen 
Mützen sangen einen gar unglücklichen Gesang, so 
näselnd, so schlürfend, so kollerend, daß ich über-
zeugt bin, wären die Juden die größere Volksmenge 
und ihre Religion wäre die Staatsreligion, so würde 
man obiges Gesinge mit dem Namen »Mauscheln« 
bezeichnen. Glücklicherweise konnte man es nur zur 
Hälfte vernehmen, indem hinter der Prozession, mit 
lautem Trommeln und Pfeifen, mehrere Kompanien 
Militär einherzogen, so wie überhaupt an beiden Sei-
ten neben den wallenden Geistlichen auch immer je 
zwei und zwei Grenadiere marschierten. Es waren fast
mehr Soldaten als Geistliche; aber zur Unterstützung 
der Religion gehören heutzutage viel Bajonette, und 
wenn gar der Segen gegeben wird, dann müssen in der
Ferne auch die Kanonen bedeutungsvoll donnern.
Wenn ich eine solche Prozession sehe, wo unter 
stolzer Militäreskorte die Geistlichen so gar trübselig 
und jammervoll einherwandeln, so ergreift es mich 
immer schmerzhaft, und es ist mir, als sähe ich unse-
ren Heiland selbst, umringt von Lanzenträgern, zur 
Richtstätte abführen. Die Sterne zu Lucca dachten 
gewiß wie ich, und als ich seufzend nach ihnen hin-
aufblickte, sahen sie mich so übereinstimmend an mit 
ihren frommen Augen, so hell, so klar. Aber man be-
durfte nicht ihres Lichtes, tausend und aber tausend 
Lampen und Kerzen und Mädchengesichter 
flimmerten aus allen Fenstern, an den Straßenecken 
standen lodernde Pechkränze aufgepflanzt, und dann 
hatte auch jeder Geistliche noch seinen besonderen 
Kerzenträger zur Seite. Die Kapuziner hatten mei-
stens kleine Buben, die ihnen die Kerze trugen, und 
die jugendlich frischen Gesichtchen schauten biswei-
len recht neugierig vergnügt hinauf nach den alten, 
ernsten Bärten; so ein armer Kapuziner kann keinen 
großen Kerzenträger besolden, und der Knabe, den er 
das Ave Maria lehrt oder dessen Muhme ihm beichtet,
muß bei Prozessionen wohl gratis dieses Amt über-
nehmen, und es wird darum gewiß nicht mit 
geringerer Liebe verrichtet. Die folgenden Mönche 
hatten nicht viel größere Buben, einige vornehmere 
Orden hatten schon erwachsene Rangen, und die 
hochmütigen Priester hatten wirkliche Bürgersleute zu
Kerzenträgern. Aber endlich gar der Herr Erzbischof 
- denn das war wohl der Mann, der in vornehmer 
Demut unter dem Thronhimmel ging und sich die Ge-
wandzipfel von greisen Pagen nachtragen ließ - , die-
ser hatte an jeder Seite einen Lakaien, die beide in 
blauen Livreen mit gelben Tressen prangten und zere-
moniös, als servierten sie bei Hof, die weißen Wachs-
kerzen trugen.
Auf jeden Fall schien mir solche Kerzenträgerei 
eine gute Einrichtung, denn ich konnte dadurch um so
heller die Gesichter besehen, die zum Katholizismus 
gehören. Und ich habe sie jetzt gesehen, und zwar in 
der besten Beleuchtung. Und was sah ich denn? Nun 
ja, der klerikale Stempel fehlte nirgends. Aber dieses 
abgerechnet, waren die Gesichter untereinander eben-
so verschieden wie andre Gesichter. Das eine war 
blaß, das andre rot, diese Nase erhob sich stolz, jene 
war niedergeschlagen, hier ein funkelnd schwarzes, 
dort ein schimmernd graues Auge - aber in allen die-
sen Gesichtern lagen die Spuren derselben Krankheit, 
einer schrecklichen, unheilbaren Krankheit, die wahr-
scheinlich Ursache sein wird, daß mein Enkel, wenn 
er hundert Jahr später die Prozession in Lucca zu 
sehen bekommt, kein einziges von jenen Gesichtern 
wiederfindet. Ich fürchte, ich bin selbst angesteckt 
von dieser Krankheit, und eine Folge derselben ist 
jene Weichheit, die mich wunderbar beschleicht, 
wenn ich so ein sieches Mönchsgesicht betrachte und 
darauf die Symptome jener Leiden sehe, die sich unter
der groben Kutte verstecken: - gekränkte Liebe, Pod-
agra, getäuschter Ehrgeiz, Rückendarre, Reue, Hä-
morrhoiden, die Herzwunden, die uns vom Undank 
der Freunde, von der Verleumdung der Feinde und 
von der eignen Sünde geschlagen worden, alles dieses
und noch viel mehr, was ebenso leicht unter einer gro-
ben Kutte wie unter einem feinen Modefrack seinen 
Platz zu finden weiß. Oh! es ist keine Übertreibung, 
wenn der Poet in seinem Schmerze ausruft: »Das 
Leben ist eine Krankheit, die ganze Welt ein Laza-
rett!«
»Und der Tod ist unser Arzt -« Ach! ich will 
nichts Böses von ihm reden und nicht andre in ihrem 
Vertrauen stören; denn da er der einzige Arzt ist, so 
mögen sie immerhin glauben, er sei auch der beste, 
und das einzige Mittel, das er anwendet, seine ewige 
Erdkur, sei auch das beste. Wenigstens kann man von
ihm rühmen, daß er immer gleich bei der Hand ist und
trotz seiner großen Praxis nie lange auf sich warten 
läßt, wenn man ihn verlangt. Manchmal folgt er sei-
nen Patienten sogar zur Prozession und trägt ihnen die
Kerze. Es war gewiß der Tod selbst, den ich an der 
Seite eines blassen, bekümmerten Priesters gehen sah;
in dünnen zitternden Knochenhänden trug er diesem 
die flimmernde Kerze, nickte dabei gar gutmütig be-
sänftigend mit dem ängstlich kahlen Köpfchen, und 
so schwach er selbst auf den Beinen war, so unter-
stützte er doch noch zuweilen den armen Priester, der 
bei jedem Schritte noch bleicher wurde und umsinken 
wollte. Er schien ihm Mut einzusprechen: »Warte nur 
noch einige Stündchen, dann sind wir zu Hause, und 
ich lösche die Kerze aus, und ich lege dich aufs Bett, 
und die kalten, müden Beine können ausruhen, und du
sollst so fest schlafen, daß du das wimmernde Sankt- 
Michaels-Glöckchen nicht hören wirst.«
›Gegen den Mann will ich auch nicht schreiben‹, 
dacht ich, als ich den armen, bleichen Priester sah, 
dem der leibhaftige Tod zu Bette leuchtete.
Ach! man sollte eigentlich gegen niemanden in die-
ser Welt schreiben. Jeder ist selbst krank genug in 
diesem großen Lazarett, und manche polemische Lek-
türe erinnert mich unwillkürlich an ein widerwärtiges 
Gezänk in einem kleineren Lazarett zu Krakau, wobei
ich mich als zufälliger Zuschauer befand und wo ent-
setzlich anzuhören war, wie die Kranken sich einan-
der ihre Gebrechen spottend vorrechneten, wie ausge-
dörrte Schwindsüchtige den aufgeschwollenen Was-
sersüchtling verhöhnten, wie der eine lachte über den 
Nasenkrebs des andern und dieser wieder über Maul-
sperre und Augenverdrehung seiner Nachbaren, bis 
am Ende die Fiebertollen nackt aus den Betten spran-
gen und den andern Kranken die Decken und Laken 
von den wunden Leibern rissen und nichts als scheuß-
liches Elend und Verstümmlung zu sehen war.

Kapitel VI

Jener schenkte nunmehr auch der übrigen Götterversammlung,
Rechtshin, lieblichen Nektar dem Mischkrug emsig entschöpfend.
Doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern,
Als sie sahn, wie Hephästos im Saal so gewandt umherging.
Also den ganzen Tag bis spät zur sinkenden Sonne 
Schmausten sie; und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles,
Nicht des Saitengetöns von der lieblichen Leier Apollons,
Noch des Gesangs der Musen mit holdantwortender Stimme.
Vulgata

Da plötzlich keuchte heran ein bleicher, bluttriefen-
der Jude, mit einer Dornenkrone auf dem Haupte und 
mit einem großen Holzkreuz auf der Schulter; und er 
warf das Kreuz auf den hohen Göttertisch! daß die 
goldnen Pokale zitterten und die Götter verstummten 
und erblichen und immer bleicher wurden, bis sie 
endlich ganz in Nebel zerrannen.
Nun gab's eine traurige Zeit, und die Welt wurde 
grau und dunkel. Es gab keine glücklichen Götter 
mehr, der Olymp wurde ein Lazarett, wo geschunde-
ne, gebratene und gespießte Götter langweilig umher-
schlichen und ihre Wunden verbanden und triste Lie-
der sangen. Die Religion gewährte keine Freude mehr,
sondern Trost; es war eine trübselige, blutrünstige 
Delinquentenreligion.
War sie vielleicht nötig für die erkrankte und zer-
tretene Menschheit? Wer seinen Gott leiden sieht, 
trägt leichter die eignen Schmerzen. Die vorigen hei-
teren Götter, die selbst keine Schmerzen fühlten, wu-
ßten auch nicht, wie armen gequälten Menschen zu-
mute ist, und ein armer gequälter Mensch könnte 
auch, in seiner Not, kein rechtes Herz zu ihnen fassen.
Es waren Festtagsgötter, um die man lustig her-
umtanzte und denen man nur danken konnte. Sie wur-
den deshalb auch nie so ganz von ganzem Herzen ge-
liebt. Um so ganz von ganzem Herzen geliebt zu wer-
den - muß man leidend sein. Das Mitleid ist die letzte
Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst. Von 
allen Göttern, die jemals gelebt haben, ist daher Chri-
stus derjenige Gott, der am meisten geliebt worden. 
Besonders von den Frauen --
Dem Menschengewühl entfliehend, habe ich mich 
in eine einsame Kirche verloren, und was du, lieber 
Leser, eben gelesen hast, sind nicht so sehr meine eig-
nen Gedanken als vielmehr einige unwillkürliche 
Worte, die in mir laut geworden, während ich, dahin-
gestreckt auf einer der alten Betbänke, die Töne einer 
Orgel durch meine Brust ziehen ließ. Da liege ich, mit
phantasierender Seele, der seltsamen Musik noch selt-
samere Texte unterdichtend; dann und wann schwei-
fen meine Blicke durch die dämmernden Bogengänge 
und suchen die dunkeln Klangfiguren, die zu jenen 
Orgelmelodien gehören. Wer ist die Verschleierte, die
dort kniet vor dem Bilde einer Madonna? Die Ampel, 
die davor hängt, beleuchtet grauenhaft süß die schöne 
Schmerzenmutter einer gekreuzigten Liebe, die Venus
dolorosa; doch kupplerisch geheimnisvolle Lichter 
fallen zuweilen wie verstohlen auf die schönen For-
men der verschleierten Beterin. Diese liegt zwar re-
gungslos auf den steinernen Altarstufen, doch in der 
wechselnden Beleuchtung bewegt sich ihr Schatten, 
läuft manchmal zu mir heran, zieht sich wieder hastig 
zurück, wie ein stummer Mohr, der ängstliche Liebes-
bote in einem Harem - und ich verstehe ihn. Er 
verkündet mir die Gegenwart seiner Herrin, der Sulta-
nin meines Herzens.
Es wird aber allmählich immer dunkler im leeren 
Hause, hie und da huscht eine unbestimmte Gestalt 
den Pfeilern entlang, dann und wann steigt leises 
Murmeln aus einer Seitenkapelle, und ihre langen, 
langgezogenen Töne stöhnt die Orgel wie ein seufzen-
des Riesenherz -
Es war aber, als ob jene Orgeltöne niemals aufhö-
ren, als ob jene Sterbelaute, jener lebende Tod ewig 
dauern wollte, ich fühlte so unsägliche Beklommen-
heit, so namenlose Angst, als wäre ich scheintot be-
graben worden, ja als wäre ich, ein Längstverstorbe-
ner, aus dem Grabe gestiegen und sei, mit unheimli-
chen Nachtgesellen, in die Gespensterkirche gegan-
gen, um die Totengebete zu hören und Leichensünden
zu beichten. Manchmal war mir, als sähe ich sie wirk-
lich neben mir sitzen, in geisterhaftem Dämmerlichte, 
die abgeschiedene Gemeinde, in verschollen altfloren-
tinischen Trachten, mit langen, blassen Gesichtern, 
goldbeschlagene Gebettücher in dünnen Händen, 
heimlich wispernd und melancholisch einander zu-
nickend. Der wimmernde Ton eines fernen Sterbe-
glöckchens mahnte mich wieder an den kranken Prie-
ster, den ich bei der Prozession gesehen, und ich 
sprach zu mir selber: »Der ist jetzt auch gestorben 
und kommt hierher, um die erste Nachtmesse zu 
lesen, und da beginnt erst recht der traurige Spuk.« 
Plötzlich aber erhob sich, von den Stufen des Altars, 
die holde Gestalt der verschleierten Beterin -
Ja, sie war es, schon ihr lebendiger Schatten ver-
scheuchte die weißen Gespenster, ich sah jetzt nur sie,
ich folgte ihr rasch zur Kirche hinaus, und als sie vor 
der Türe den Schleier zurückschlug, sah ich in Fran-
scheskas beträntes Antlitz. Es glich einer sehnsüchtig 
weißen Rose, angeperlt vom Tau der Nacht und be-
glänzt vom Strahl des Mondes. »Franscheska, liebst 
du mich?« Ich frug viel, und sie antwortete wenig. Ich
begleitete sie nach dem Hotel Croce di Malta, wo sie 
und Mathilde logierten. Die Straßen waren leer ge-
worden, die Häuser schliefen mit geschlossenen Fen-
steraugen, nur hie und da, durch die hölzernen Wim-
pern, blinzelte ein Lichtchen. Oben am Himmel aber 
trat ein breiter hellgrüner Raum aus den Wolken her-
vor, und darin schwamm der Halbmond, wie eine sil-
berne Gondel in einem Meer von Smaragden. Verge-
bens bat ich Franscheska, nur ein einziges Mal hin-
aufzusehen zu unserem alten, lieben Vertrauten; sie 
hielt aber das Köpfchen träumend gesenkt. Ihr Gang, 
der sonst so heiter dahinschwebend, war jetzt wie 
kirchlich gemessen, ihr Schritt war düster katholisch, 
sie bewegte sich wie nach dem Takte einer feierlichen 
Orgel, und wie in früheren Nächten die Sünde, so war
ihr jetzt die Religion in die Beine gefahren. 
Unterwegs vor jedem Heiligenbilde bekreuzte sie sich
Haupt und Busen; vergebens versuchte ich, ihr dabei 
zu helfen. Als wir aber auf dem Markte der Kirche 
San Michele vorbeikamen, wo die marmorne Schmer-
zensmutter mit den vergoldeten Schwertern im Herzen
und mit der Lämpchenkrone auf dem Haupte aus der 
dunkeln Nische hervorleuchtete, da schlang Fran-
scheska ihren Arm um meinen Hals, küßte mich und 
flüsterte: »Cecco, Cecco, caro Cecco!«
Ich nahm diese Küsse ruhig in Empfang, obgleich 
ich wohl wußte, daß sie im Grunde einem bolognesi-
schen Abate, einem Diener der römisch-katholischen 
Kirche, zugedacht waren. Als Protestant machte ich 
mir kein Gewissen daraus, mir die Güter der katholi-
schen Geistlichkeit zuzueignen, und auf der Stelle sä-
kularisierte ich die frommen Küsse Franscheskas. Ich 
weiß, die Pfaffen werden hierüber wütend sein, sie 
schreien gewiß über Kirchenraub und würden gern 
das französische Sakrilegiengesetz auf mich anwen-
den. Leider muß ich gestehen, daß besagte Küsse das 
einzige waren, was ich in jener Nacht erbeuten konn-
te. Franscheska hatte beschlossen, diese Nacht nur 
zum Heile ihrer Seele, kniend und betend, zu benut-
zen. Vergebens erbot ich mich, ihre Andachtsübungen
zu teilen; - als sie ihr Zimmer erreichte, schloß sie 
mir die Türe vor der Nase zu. Vergebens stand ich 
draußen noch eine ganze Stunde und bat um Einlaß 
und seufzte alle möglichen Seufzer und heuchelte 
fromme Tränen und schwor die heiligsten Eide - ver-
steht sich, mit geistlichem Vorbehalte, ich fühlte, wie 
ich allmählich ein Jesuit wurde, ich wurde ganz 
schlecht und erbot mich endlich sogar, katholisch zu 
werden für diese einzige Nacht -
»Franscheska!« rief ich, »Stern meiner Gedanken! 
Gedanke meiner Seele! vita della mia vita! meine 
schöne, oftgeküßte, schlanke, katholische Fran-
scheska! für diese einzige Nacht, die du mir noch ge-
währst, will ich selbst katholisch werden - aber auch 
nur für diese einzige Nacht! Oh, die schöne, selige, 
katholische Nacht! Ich liege in deinen Armen, streng-
katholisch glaube ich an den Himmel deiner Liebe, 
von den Lippen küssen wir uns das holde Bekenntnis,
das Wort wird Fleisch, der Glaube wird versinnlicht, 
in Form und Gestalt, welche Religion! Ihr Pfaffen! ju-
belt unterdessen eu'r Kyrie eleison, klingelt, räuchert, 
läutet die Glocken, laßt die Orgel brausen, laßt die 
Messe von Palestrina erklingen. ›Das ist der Leib!‹ - 
ich glaube, ich bin selig, ich schlafe ein - aber sobald
ich des anderen Morgens erwache, reibe ich mir den 
Schlaf und den Katholizismus aus den Augen und 
sehe wieder klar in die Sonne und in die Bibel und 
bin wieder protestantisch vernünftig und nüchtern, 
nach wie vor.«

Kapitel VII

Als am anderen Tage die Sonne wieder herzlich 
vom Himmel herablachte, erloschen gänzlich die trüb-
seligen Gedanken und Gefühle, die von der Prozessi-
on des vorhergehenden Abends in mir erregt worden 
und mir das Leben wie eine Krankheit und die Welt 
wie ein Lazarett ansehen ließen.
Die ganze Stadt wimmelte von heiterem Volk. Ge-
putzt bunte Menschen, dazwischen hüpfte hie und da 
ein schwarz Pfäfflein. Das brauste und lachte und 
schwatzte, man hörte fast nicht das Glockengebim-
mel, das zu einer großen Messe einlud, in die Kathe-
drale. Diese ist eine schöne, einfache Kirche, deren 
buntmarmorne Fassade mit jenen kurzen, übereinan-
dergebauten Säulchen geziert ist, die uns so witzig 
trübe ansehen. Inwendig waren Pfeiler und Wände 
mit rotem Tuche überkleidet, und heitere Musik ergoß
sich über die wogende Menschenmenge. Ich führte Si-
gnora Franscheska am Arm, und als ich ihr beim Ein-
tritt das Weihwasser reichte und durch die süßfeuchte 
Fingerberührung unsere Seelen elektrisiert wurden, 
bekam ich auch zu gleicher Zeit einen elektrischen 
Schlag ans Bein, daß ich vor Schreck fast hinpurzelte 
über die knienden Bäuerinnen, die, ganz weiß geklei-
det und mit langen 0hrringen und Halsketten von gel-
bem Golde belastet, in dichten Haufen den Boden 
bedeckten. Als ich mich umsah, erblickte ich ein 
ebenfalls kniendes Frauenzimmer, das sich fächerte, 
und hinter dem Fächer erspähte ich Myladys ki-
chernde Augen. Ich beugte mich zu ihr hinab, und sie 
hauchte mir schmachtend ins Ohr: »Delightful!«
»Um Gottes willen!« flüsterte ich ihr zu, »bleiben 
Sie ernsthaft, lachen Sie nicht; sonst werden wir 
wahrhaftig hinausgeschmissen!«
Aber da half kein Bitten und Flehen. Zum Glück 
verstand man unsre Sprache nicht. Denn als Mylady 
aufstand und uns durch das Gedränge zum Hauptaltar
folgte, überließ sie sich ihren tollen Launen, ohne die 
mindeste Rücksicht, als stünden wir allein auf den 
Apenninen. Sie mokierte sich über alles, sogar die 
armen gemalten Bilder an den Wänden waren vor 
ihren Pfeilen nicht sicher.
»Sieh da!« rief sie, »auch Lady Eva, geborne von 
Rippe, wie sie mit der Schlange diskuriert! Es ist ein 
guter Einfall des Malers, daß er der Schlange einen 
menschlichen Kopf mit einem menschlichen Gesichte 
gab; es wäre jedoch noch weit sinnreicher gewesen, 
wenn er dieses Verführungsgesicht mit einem militäri-
schen Schnurrbart verziert hätte. Sehen Sie, Doktor, 
dort den Engel, welcher der hochgebenedeiten Jung-
frau ihren gesegneten Zustand verkündigt und dabei 
so ironisch lächelt? Ich weiß, was dieser Ruffiano 
denkt! Und diese Maria, zu deren Füßen die heilige 
Allianz des Morgenlandes, mit Gold- und Weihrauch-
gaben, niederkniet, sieht sie nicht aus wie die Cata-
lani?«
Signora Franscheska, welche von diesem Ge-
schwätz, wegen ihrer Unkenntnis des Englischen, 
nichts verstand als das Wort Catalani, bemerkte ha-
stig, daß die Dame, wovon unsre Freundin spreche, 
jetzt wirklich den größten Teil ihrer Renommee verlo-
ren habe. Unsre Freundin aber ließ sich nicht stören 
und kommentierte auch die Passionsbilder, bis zur 
Kreuzigung, einem überaus schönen Gemälde, worauf
unter anderen drei dumme untätige Gesichter abgebil-
det waren, die dem Gottesmärtyrtum gemächlich zusa-
hen und von denen Mylady durchaus behauptete, es 
seien die bevollmächtigten Kommissarien von Öst-
reich, Rußland und Frankreich.
Indessen die alten Freskos, die zwischen den roten 
Decken der Wände zum Vorschein kamen, vermoch-
ten einigermaßen mit ihrem inwohnenden Ernste die 
britische Spottlust abzuwehren. Es waren darauf Ge-
sichter aus jener heldenmütigen Zeit Luccas, wovon 
in den Geschichtsbüchern Machiavells, des romanti-
schen Sallusts, soviel die Rede ist und deren Geist 
uns aus den Gesängen Dantes, des katholischen Ho-
mers, so feurig entgegenweht. Wohl sprechen aus 
jenen Mienen die strengen Gefühle und barbarischen 
Gedanken des Mittelalters; wenn auch auf manchem 
stummen Jünglingsmunde das lächelnde Bekenntnis 
schwebt, daß damals nicht alle Rosen so ganz stei-
nern und umflort gewesen sind, und wenn auch durch 
die fromm gesenkten Augenwimpern mancher Ma-
donna aus jener Zeit ein so schalkhafter Liebeswink 
blinzelt, als ob sie uns gern noch ein zweites Christ-
kindlein schenken möchte. Jedenfalls ist es aber ein 
hoher Geist, der uns aus jenen altflorentinischen Ge-
mälden anspricht, es ist das eigentlich Heroische, das 
wir auch in den marmornen Götterbildern der Alten 
erkennen und das nicht, wie unsre Ästhetiker meinen, 
in einer ewigen Ruhe ohne Leidenschaft, sondern in 
einer ewigen Leidenschaft ohne Unruhe besteht. Auch
durch einige spätere Ölbilder, die im Dome von Lucca
hängen, zieht sich, vielleicht als traditioneller Nach-
hall, jener altflorentinische Sinn. Besonders fiel mir 
auf eine Hochzeit zu Kana, von einem Schüler des 
Andrea del Sarto, etwas hart gemalt und schroff ge-
staltet. Der Heiland sitzt zwischen der weichen schö-
nen Braut und einem Pharisäer, dessen steinernes Ge-
setztafelgesicht sich wundert über den genialen Pro-
pheten, der sich heiter mischt in die Reihen der Heite-
ren und die Gesellschaft mit Wundern regaliert, die 
noch größer sind als die Wunder des Moses; denn 
dieser konnte, wenn er noch so stark gegen den Felsen
schlug, nur Wasser hervorbringen, jener aber brauchte
nur ein Wort zu sprechen, und die Krüge füllten sich 
mit dem besten Wein. Viel weicher, fast venezianisch 
koloriert, ist das Gemälde von einem Unbekannten, 
das daneben hängt und worin der freundlichste Far-
benschmelz von einem durchbebenden Schmerze gar 
seltsam gedämpft wird. Es stellt dar, wie Maria ein 
Pfund Salbe nahm, von ungefälschter köstlicher 
Narde, und damit die Füße Jesu salbte und sie mit 
ihren Haaren trocknete. Christus sitzt da, im Kreise 
seiner Jünger, ein schöner, geistreicher Gott, mensch-
lich wehmütig fühlt er eine schaurige Pietät gegen sei-
nen eignen Leib, der bald soviel dulden wird und dem
die salbende Ehre, die man den Gestorbenen erweist, 
schon jetzt gebührt und schon jetzt widerfährt; er lä-
chelt gerührt hinab auf das kniende Weib, das, getrie-
ben von ahnender Liebesangst, jene barmherzige Tat 
verrichtet, eine Tat, die nie vergessen wird, solange es
leidende Menschen gibt, und die zur Erquickung aller 
leidenden Menschen durch die Jahrtausende duftet. 
Außer dem Jünger, der am Herzen Christi lag und der 
auch diese Tat verzeichnet hat, scheint keiner von den
Aposteln ihre Bedeutung zu fühlen, und der mit dem 
roten Barte scheint sogar, wie in der Schrift steht, die 
verdrießliche Bemerkung zu machen: »Warum ist 
diese Salbe nicht verkauft um dreihundert Groschen 
und den Armen gegeben?« Dieser ökonomische Apo-
stel ist eben derjenige, der den Beutel führt, die Ge-
wohnheit der Geldgeschäfte hat ihn abgestumpft 
gegen alle uneigen-nützigen Nardendüfte der Liebe, er
möchte Groschen dafür einwechseln zu einem nützli-
chen Zweck, und eben er, der Groschenwechsler, er 
war es, der den Heiland verriet - um dreißig Silber-
linge. So hat das Evangelium auch symbolisch, in der 
Geschichte des Bankiers unter den Aposteln, die un-
heimliche Verführungsmacht, die im Geldsacke lau-
ert, offenbart und vor der Treulosigkeit der Geldge-
schäftsleute gewarnt. Jeder Reiche ist ein Judas Ischa-
riot.
»Sie schneiden ja ein verbissen gläubiges Gesicht, 
teurer Doktor«, flüsterte Mylady, »ich habe Sie eben 
beobachtet, und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie etwa 
beleidige, Sie sahen aus wie ein guter Christ.«
»Unter uns gesagt, das bin ich; ja, Christus -«
»Glauben Sie vielleicht ebenfalls, daß er ein Gott 
sei?«
»Das versteht sich, meine gute Mathilde. Es ist der 
Gott, den ich am meisten liebe - nicht weil er so ein 
legitimer Gott ist, dessen Vater schon Gott war und 
seit undenklicher Zeit die Welt beherrschte, sondern 
weil er, obgleich ein geborener Dauphin des Him-
mels, dennoch, demokratisch gesinnt, keinen höfi-
schen Zeremonialprunk liebt, weil er kein Gott einer 
Aristokratie von geschorenen Schriftgelehrten und ga-
lonierten Lanzenknechten und weil er ein bescheide-
ner Gott des Volks ist, ein Bürgergott, un bon dieu 
citoyen. Wahrlich, wenn Christus noch kein Gott 
wäre, so würde ich ihn dazu wählen, und viel lieber 
als einem aufgezwungenen absoluten Gott würde ich 
ihm gehorchen, ihm, dem Wahlgotte, dem Gotte mei-
ner Wahl.«

Kapitel VIII

Der Erzbischof, ein ernster Greis, las selber die 
Messe, und ehrlich gestanden, nicht bloß ich, sondern
einigermaßen auch Mylady, wir wurden heimlich be-
rührt von dem Geiste, der in dieser heiligen Handlung
wohnt, und von der Weihe des alten Mannes, der sie 
vollzog; - ist ja doch jeder alte Mann an und für sich 
ein Priester, und die Zeremonien der katholischen 
Messe, sind sie doch so uralt, daß sie vielleicht das 
einzige sind, was sich aus dem Kindesalter der Welt 
erhalten hat und als Erinnerung an die ersten Vorfah-
ren aller Menschen unsere Pietät in Anspruch nimmt. 
»Sehen Sie, Mylady«, sagte ich, »jede Bewegung, die 
Sie hier erblicken, die Art des Zusammenlegens der 
Hände und des Ausbreitens der Arme, dieses Knick-
sen, dieses Händewaschen, dieses Beräuchertwerden, 
dieser Kelch, ja die ganze Kleidung des Mannes, von 
der Mitra bis zum Saume der Stola, alles dieses ist al-
tägyptisch und Überbleibsel eines Priestertums, von 
dessen wundersamem Wesen nur die ältesten Urkun-
den etwas weniges berichten, eines frühesten Priester-
tums, das die erste Weisheit erforschte, die ersten 
Götter erfand, die ersten Symbole bestimmte und die 
junge Menschheit -«
»Zuerst betrog«, setzte Mylady bitteren Tones 
hinzu, »und ich glaube, Doktor, aus dem frühesten 
Weltalter ist uns nichts übriggeblieben als einige tri-
ste Formeln des Betrugs. Und sie sind noch immer 
wirksam. Denn sehen Sie dort die stockfinsteren Ge-
sichter? Und gar jenen Kerl, der dort auf seinen dum-
men Knien liegt und mit seinem aufgesperrten Maule 
so ultradumm aussieht?«
»Um des lieben Himmels willen!« begütigte ich 
leise, »was ist daran gelegen, daß dieser Kopf so 
wenig von der Vernunft erleuchtet ist? Was geht das 
uns an? Was irritiert Sie dabei? Sehen Sie doch täg-
lich Ochsen, Kühe, Hunde, Esel, die ebenso dumm 
sind, ohne daß Sie durch solchen Anblick aus Ihrem 
Gleichmut aufgestört und zu unmutigen Äußerungen 
angeregt werden?«
»Ach, das ist was anderes«, fiel mir Mylady in die 
Rede, »diese Bestien tragen hinten Schwänze, und ich
ärgre mich eben, daß ein Kerl, der ebenso bestialisch 
dumm ist, dennoch hinten keinen Schwanz hat.«
»Ja, das ist was andres, Mylady.«

Kapitel IX

Nach der Messe gab's noch allerlei zu schauen und 
zu hören, besonders die Predigt eines großen, vier-
stämmigen Mönchs, dessen befehlend kühnes, altrö-
misches Gesicht gegen die grobe Bettelkutte gar wun-
dersam abstach, so daß der Mann aussah wie ein Im-
perator der Armut. Er predigte von Himmel und Hölle
und geriet zuweilen in die wütendste Begeisterung. 
Seine Schilderung des Himmels war ein bißchen bar-
barisch überladen, und es gab da viel Gold, Silber, 
Edelsteine, köstliche Speisen und Weine von den be-
sten Jahrgängen; dabei machte er ein so verklärt 
schlürfendes Gesicht, und er schob sich vor Wonne in
der Kutte hin und her, wenn er unter den Englein mit 
weißen Flüglein sich selber dachte als ein Englein mit
weißen Flüglein. Minder ergötzlich, ja sogar sehr 
praktisch ernsthaft war seine Schilderung der Hölle. 
Hier war der Mann weit mehr in seinem Elemente. Er 
eiferte besonders über die Sünder, die nicht mehr so 
recht christlich ans alte Feuer der Hölle glauben und 
sogar wähnen, sie habe sich in neuerer Zeit etwas ab-
gekühlt und werde nächstens ganz und gar erlöschen. 
»Und wäre auch«, rief er, »die Hölle am Erlöschen, so
würde ich, ich mit meinem Atem, die letzten glim-
menden Kohlen wieder anfachen, daß sie wieder auf-
lodern sollten zu ihrer alten Flammenglut.« Hörte 
man nun die Stimme, die gleich dem Nordwind diese 
Worte hervorheulte, sah man dabei das brennende Ge-
sicht, den roten, büffelstarken Hals und die gewalti-
gen Fäuste des Mannes, so hielt man jene höllische 
Drohung für keine Hyperbel.
»I like this man«, sagte Mylady.
»Da haben Sie recht«, antwortete ich, »auch mir 
gefällt er besser als mancher unserer sanften, homöo-
pathischen Seelenärzte, die 1/10000 Vernunft in 
einem Eimer Moralwasser schütten und uns damit des
Sonntags zur Ruhe predigen.«
»Ja, Doktor, für seine Hölle habe ich Respekt; aber
zu seinem Himmel hab ich kein rechtes Vertrauen. 
Wie ich mich denn überhaupt in Ansehung des Him-
mels schon sehr früh in geheimen Zweifel verfing. Als
ich noch klein war, in Dublin, lag ich oft auf dem 
Rücken im Gras und sah in den Himmel und dachte 
nach, ob wohl der Himmel wirklich so viele Herrlich-
keiten enthalten mag, wie man davon rühmt. Aber, 
dacht ich, wie kommt's, daß von diesen Herrlichkeiten
niemals etwas herunterfällt, etwa ein brillantener Ohr-
ring oder eine Schnur Perlen oder wenigstens ein 
Stückchen Ananaskuchen, und daß immer nur Hagel 
oder Schnee oder gewöhnlicher Regen uns von oben 
herabbeschert wird? Das ist nicht ganz richtig, dacht 
ich -«
»Warum sagen Sie das, Mylady? Warum diese 
Zweifel nicht lieber verschweigen? Ungläubige, die 
keinen Himmel glauben, sollten nicht Proselyten ma-
chen; minder tadelnswert, sogar lobenswert ist die 
Proselytenmacherei derjenigen Leute, die einen süper-
ben Himmel haben und dessen Herrlichkeiten nicht 
selbstsüchtig allein genießen wollen und deshalb ihre 
Nebenmenschen einladen, dran teilzunehmen, und 
sich nicht eher zufriedengeben, bis diese ihre gütige 
Einladung angenommen.«
»Ich habe mich aber immer gewundert, Doktor, daß
manche reiche Leute dieser Gattung, die wir, als Prä-
sidenten, Vizepräsidenten oder Sekretäre von Bekeh-
rungsgesellschaften, eifrigst bemüht sehen, etwa einen
alten verschimmelten Betteljuden himmelfähig zu ma-
chen und seine einstige Genossenschaft im Himmel-
reich zu erwerben, dennoch nie dran denken, ihn 
schon jetzt auf Erden an ihren Genüssen teilnehmen 
zu lassen, und ihn z.B. nie des Sommers auf ihre 
Landhäuser einladen, wo es gewiß Leckerbissen gibt, 
die dem armen Schelm ebensogut schmecken würden, 
als genösse er sie im Himmel selbst.«
»Das ist erklärlich, Mylady, die himmlischen Ge-
nüsse kosten sie nichts, und es ist ein doppeltes Ver-
gnügen, wenn wir so wohlfeilerweise unsre Neben-
menschen beglücken können. Zu welchen Genüssen 
aber kann der Ungläubige jemanden einladen?«
»Zu nichts, Doktor, als zu einem langen, ruhigen 
Schlafe, der aber zuweilen für einen Unglücklichen 
sehr wünschenswert sein kann, besonders wenn er 
vorher mit zudringlichen Himmelseinladungen gar zu 
sehr geplagt worden.«
Dieses sprach das schöne Weib mit stechend bitte-
ren Akzenten, und nicht ganz ohne Ernst antwortete 
ich ihr: »Liebe Mathilde, bei meinen Handlungen auf 
dieser Welt kümmert mich nicht einmal die Existenz 
von Himmel und Hölle, ich bin zu groß und zu stolz, 
als daß der Geiz nach himmlischen Belohnungen oder
die Furcht vor höllischen Strafen mich leiten sollten. 
Ich strebe nach dem Guten, weil es schön ist und 
mich unwiderstehlich anzieht, und ich verabscheue 
das Schlechte, weil es häßlich und mir zuwider ist. 
Schon als Knabe, wenn ich den Plutarch las - und ich
lese ihn noch jetzt alle Abend im Bette und möchte 
dabei manchmal aufspringen und gleich Extrapost 
nehmen und ein großer Mann werden - , schon da-
mals gefiel mir die Erzählung von dem Weibe, das 
durch die Straßen Alexandriens schritt, in der einen 
Hand einen Wasserschlauch, in der andern eine bren-
nende Fackel tragend, und den Menschen zurief, daß 
sie mit dem Wasser die Hölle auslöschen und mit der 
Fackel den Himmel in Brand stecken wolle, damit das
Schlechte nicht mehr aus Furcht vor Strafe unterlas-
sen und das Gute nicht mehr aus Begierde nach Be-
lohnung ausgeübt werde. Alle unsre Handlungen 
sollen aus dem Quell einer uneigennützigen Liebe 
hervorsprudeln, gleichviel, ob es eine Fortdauer nach 
dem Tode gibt oder nicht.«
»Sie glauben also auch nicht an Unsterblichkeit.«
»Oh, Sie sind schlau, Mylady! Ich daran zweifeln? 
Ich, dessen Herz in die entferntesten Jahrtausende der 
Vergangenheit und der Zukunft immer tiefer und tiefer
Wurzel schlägt, ich, der ich selbst einer der ewigsten 
Menschen bin, jeder Atemzug ein ewiges Leben, jeder
Gedanke ein ewiger Stern - ich sollte nicht an Un-
sterblichkeit glauben?«
»Ich denke, Doktor, es gehört eine beträchtliche 
Portion Eitelkeit und Anmaßung dazu, nachdem wir 
schon soviel Gutes und Schönes auf dieser Erde ge-
nossen, noch obendrein vom lieben Gott die Unsterb-
lichkeit zu verlangen! Der Mensch, der Aristokrat 
unter den Tieren, der sich besser dünkt als alle seine 
Mitgeschöpfe, möchte sich auch dieses Ewigkeitsvor-
recht, am Throne des Weltkönigs, durch höfische Lob
- und Preisgesänge und kniendes Bitten auswirken. - 
Oh, ich weiß, was dieses Zucken mit den Lippen be-
deutet, unsterblicher Herr!«

Kapitel X

Signora bat uns, mit ihr nach dem Kloster zu gehn, 
worin das wundertätige Kreuz, das Merkwürdigste in 
ganz Toskana, bewahrt wird. Und es war gut, daß wir
den Dom verließen denn Myladys Tollheiten würden 
uns doch zuletzt in Verlegenheiten gestürzt haben. Sie
sprudelte von witziger Laune; lauter lieblich närrische
Gedanken, so übermütig wie junge Kätzchen, die in 
der Maisonne herumspringen. Am Ausgang des Doms
tunkte sie den Zeigefinger dreimal ins Weihwasser, 
besprengte mich jedesmal und murmelte: »Dem Zefar-
deyim Kinnim«, welches nach ihrer Behauptung die 
arabische Formel ist, womit die Zauberinnen einen 
Menschen in einen Esel verwandeln.
Auf der Piazza vor dem Dome manövrierte eine 
Menge Militär, beinah ganz östreichisch uniformiert 
und nach deutschem Kommando. Wenigstens hörte 
ich die deutschen Worte: »Präsentiert's Gewehr! Fuß 
Gewehr! Schultert 's Gewehr! Rechtsum! Halt!« Ich 
glaube, bei allen Italienern, wie noch bei einigen an-
dern europäischen Völkern, wird auf deutsch kom-
mandiert. Sollen wir Deutschen uns etwas darauf zu-
gute tun? Haben wir in der Welt so viel zu befehlen, 
daß das Deutsche sogar die Sprache des Befehlens ge-
worden? Oder wird uns so viel befohlen, daß der 
Gehorsam am besten die deutsche Sprache versteht?
Mylady scheint von Paraden und Revuen keine 
Freundin zu sein. Sie zog uns mit ironischer Furcht-
samkeit von dannen. »Ich liebe nicht«, sprach sie, 
»die Nähe von solchen Menschen mit Säbeln und 
Flinten, besonders wenn sie in großer Anzahl, wie bei
außerordentlichen Manövern, in Reih und Glied auf-
marschieren. Wenn nun einer von diesen Tausenden 
plötzlich verrückt wird und mit der Waffe, die er 
schon in der Hand hat, mich auf der Stelle nieder-
sticht? Oder wenn er gar plötzlich vernünftig wird 
und nachdenkt: ›Was hast du zu riskieren? zu verlie-
ren? selbst wenn sie dir das Leben nehmen? Mag 
auch jene andre Welt, die uns nach dem Tode ver-
sprochen wird, nicht so ganz brillant sein, wie man 
sie rühmt, mag sie noch so schlecht sein, weniger, als 
man dir jetzt gibt, weniger als sechs Kreuzer per Tag, 
kann man dir auch dort nicht geben - drum mach dir 
den Spaß und erstich jene kleine Engländerin mit der 
impertinenten Nase!‹ Bin ich da nicht in der größten 
Lebensgefahr? Wenn ich König wäre, so würde ich 
meine Soldaten in zwei Klassen teilen. Die einen 
ließe ich an Unsterblichkeit glauben, um in der 
Schlacht Mut zu haben und den Tod nicht zu fürch-
ten, und ich würde sie bloß im Kriege gebrauchen. 
Die andern aber würde ich zu Paraden und Revuen 
bestimmen, und damit es ihnen nie in den Sinn 
komme, daß sie nichts riskieren, wenn sie des Spaßes 
wegen jemanden umbrächten, so würde ich ihnen bei 
Todesstrafe verbieten, an Unsterblichkeit zu glauben, 
ja, ich würde ihnen sogar noch etwas Butter zu ihrem 
Kommißbrot geben, damit sie das Leben recht liebge-
winnen. Erstern hingegen, jenen unsterblichen Hel-
den, würde ich das Leben sehr sauer machen, damit 
sie es recht verachten lernen und die Mündung der 
Kanonen für einen Eingang in eine bessere Welt anse-
hen.«
»Mylady«, sprach ich, »Sie wären ein schlechter 
Regent. Sie wissen wenig vom Regieren, und von der 
Politik verstehen Sie gar nichts. Hätten Sie die ›Poli-
tischen Annalen‹ gelesen -«
»Ich verstehe dergleichen vielleicht besser als Sie, 
teurer Doktor. Schon früh suchte ich mich darüber zu 
unterrichten. Als ich noch klein war, in Dublin -«
»Und auf dem Rücken lag, im Gras - und nach-
dachte oder auch nicht, wie in Ramsgate -«
Ein Blick, wie leiser Vorwurf der Undankbarkeit, 
fiel aus Myladys Augen, dann aber lachte sie wieder 
und fahr fort: »Als ich noch klein war, in Dublin, und 
auf einem Eckchen von dem Schemel sitzen konnte, 
worauf Mutters Füße ruhten, da hatte ich immer aller-
lei zu fragen, was die Schneider, die Schuster, die 
Bäcker, kurz, was die Leute in der Welt zu tun haben.
Und die Mutter erklärte dann: ›Die Schneider machen 
Kleider, die Schuster machen Schuhe, die Bäcker 
backen Brot‹ - Und als ich nun frug: ›Was tun denn 
die Könige?‹, da gab die Mutter zur Antwort: ›Die re-
gieren.‹ - ›Weißt du wohl, liebe Mutter‹, sagte ich da,
›wenn ich König wäre, so würde ich mal einen ganzen
Tag gar nicht regieren, bloß um zu sehen, wie es dann
in der Welt aussieht.‹ - ›Liebes Kind‹, antwortete die 
Mutter, ›das tun auch manche Könige, und es sieht 
auch dann danach aus.‹«
»Wahrhaftig, Mylady, Ihre Mutter hatte recht. Be-
sonders hier in Italien gibt es solche Könige, und man
merkt es wohl in Piemont und Neapel -«
»Aber, lieber Doktor, es ist so einem italienischen 
König nicht zu verargen, wenn er manchen Tag gar 
nicht regiert, wegen der allzu großen Hitze. Es ist nur 
zu befürchten, daß die Karbonari so einen Tag benut-
zen möchten; denn in der neuesten Zeit ist es mir be-
sonders aufgefallen, daß die Revolutionen immer an 
solchen Tagen ausgebrochen sind, wo nicht regiert 
wurde. Irrten sich einmal die Karbonari und glaubten 
sie, es wäre so ein unregierter Tag, und gegen alle Er-
wartung wurde dennoch regiert, so verloren sie die 
Köpfe. Die Karbonari können daher nie vorsichtig 
genug sein und müssen sich genau die rechte Zeit 
merken. Dagegen aber ist es die höchste Politik der 
Könige, daß sie es ganz geheimhalten, an welchen 
Tagen sie nicht regieren, daß sie sich an solchen 
Tagen wenigstens einigemal auf den Regierstuhl set-
zen und etwa Federn schneiden oder Briefkuverts ver-
siegeln oder weiße Blätter liniieren, alles zum Schein,
damit das Volk draußen, das neugierig in die Fenster 
des Palais hineinguckt, ganz sicher glaube, es werde 
regiert.«
Während solche Bemerkungen aus Myladys feinem
Mündchen hervorgaukelten, schwamm eine lächelnde 
Zufriedenheit um die vollen Rosenlippen Fransches-
kas. Sie sprach wenig. Ihr Gang war jedoch nicht 
mehr so seufzend entsagungsselig wie am verflosse-
nen Abend, sie trat vielmehr siegreich einher, jeder 
Schritt ein Trompetenton; es war indessen mehr ein 
geistlicher Sieg als ein weltlicher, der sich in ihren 
Bewegungen kundgab, sie war fast das Bild einer tri-
umphierenden Kirche, und um ihr Haupt schwebte 
eine unsichtbare Glorie. Die Augen aber, wie aus Trä-
nen hervorlachend, waren wieder ganz weltkindlich, 
und in dem bunten Menschenstrom, der uns vorbeiflu-
tete, ist auch kein einziges Kleidungsstück ihrem For-
scherblick entgangen. »Ecco!« war dann ihr Ausruf, 
»welcher Schal! der Marchese soll mir ebensolchen 
Kaschmir zu einem Turbane kaufen, wenn ich die Ro-
xelane tanze. Ach! er hat mir auch ein Kreuz mit Dia-
manten versprochen!«
Armer Gumpelino! zu dem Turbane wirst du dich 
leicht verstehen, jedoch das Kreuz wird dir noch 
manche saure Stunde machen; aber Signora wird dich 
so lange quälen und auf die Folter spannen, bis du 
dich endlich dazu bequemst.

Kapitel XI

Die Kirche, worin das wundertätige Kreuz von 
Lucca zu sehen ist, gehört zu einem Kloster, dessen 
Namen mir diesen Augenblick nicht im Gedächtnisse.
Bei unserem Eintritt in die Kirche lagen vor dem 
Hauptaltare ein Dutzend Mönche auf den Knien, in 
schweigendem Gebet. Nur dann und wann, wie im 
Chor, sprachen sie einige abgebrochene Worte, die in 
den einsamen Säulengängen etwas schauerlich wider-
hallten. Die Kirche war dunkel, nur durch kleine ge-
malte Fenster fiel ein buntes Licht auf die kahlen 
Häupter und braunen Kutten. Glanzlose Kupferlam-
pen beleuchteten spärlich die geschwärzten Freskos 
und Altarbilder, aus den Wänden traten hölzerne Hei-
ligenköpfe, grell bemalt und bei dem zweifelhaften 
Lichte wie lebendig grinsend - Mylady schrie laut auf
und zeigte zu unseren Füßen einen Grabstein, worauf 
in Relief das starre Bild eines Bischofs mit Mitra und 
Hirtenstab, gefalteten Händen und abgetretener Nase. 
»Ach!« flüsterte sie, »ich selbst trat ihm unsanft auf 
die steinerne Nase, und nun wird er mir diese Nacht 
im Traume erscheinen, und da gibt's eine Nase.«
Der Sakristan, ein bleicher, junger Mönch, zeigte 
uns das wundertätige Kreuz und erzählte dabei die 
Mirakel, die es verrichtet. Launisch, wie ich bin, habe
ich vielleicht kein ungläubiges Gesicht dazu gemacht;
ich habe dann und wann Anfälle von Wunderglauben,
besonders wo, wie hier, Ort und Stunde denselben be-
günstigt. Ich glaube dann, daß alles in der Welt ein 
Wunder sei und die ganze Weltgeschichte eine Legen-
de. War ich angesteckt von dem Wunderglauben 
Franscheskas, die das Kreuz mit wilder Begeisterung 
küßte? Verdrießlich wurde mir die ebenso wilde 
Spottlust der witzigen Britin. Vielleicht verletzte 
mich solche um so mehr, da ich mich selbst nicht 
davon frei fühlte und sie keineswegs als etwas Lo-
benswertes er achtete. Es ist nun mal nicht zu leug-
nen, daß die Spottlust, die Freude am Widerspruch 
der Dinge, etwas Bösartiges in sich trägt, statt daß der
Ernst mehr mit den besseren Gefühlen verwandt ist - 
die Tugend, der Freiheitssinn und die Liebe selbst 
sind sehr ernsthaft. Indessen, es gibt Herzen, worin 
Scherz und Ernst, Böses und Heiliges, Glut und Kälte
sich so abenteuerlich verbinden, daß es schwer wird, 
darüber zu urteilen. Ein solches Herz schwamm in der
Brust Mathildens; manchmal war es eine frierende Ei-
sinsel, aus deren glattem Spiegelboden die sehnsüch-
tig glühendsten Palmenwälder hervorblühten, 
manchmal war es wieder ein enthusiastisch flammen-
der Vulkan, der plötzlich von einer lachenden Schnee-
lawine überschüttet wird. Sie war durchaus nicht 
schlecht bei all ihrer Ausgelassenheit, nicht einmal 
sinnlich; ja, ich glaube, von der Sinnlichkeit hatte sie 
nur die witzige Seite aufgefaßt und ergötzte sich 
daran wie an einem närrischen Puppenspiele. Es war 
ein humoristisches Gelüste, eine süße Neugier, wie 
sich der oder jener bunte Kauz in verliebten Zustän-
den gebärden würde. Wie ganz anders war Fran-
scheska! In ihren Gedanken, Gefühlen war eine katho-
lische Einheit. Am Tage war sie ein schmachtend 
blasser Mond, des Nachts war sie eine glühende 
Sonne - Mond meiner Tage! Sonne meiner Nächte! 
ich werde dich niemals wiedersehen!
»Sie haben recht«, sagte Mylady, »ich glaube auch 
an die Wundertätigkeit eines Kreuzes. Ich bin über-
zeugt, wenn der Marchese an den Brillanten des ver-
sprochenen Kreuzes nicht zu sehr knickert, so bewirkt
es gewiß bei Signoren ein brillantes Wunder; sie wird
am Ende noch so sehr davon geblendet werden, daß 
sie sich in seine Nase verliebt. Auch habe ich oft ge-
hört von der Wundertätigkeit einiger Ordenskreuze, 
die einen ehrlichen Mann zum Schufte machen konn-
ten.«
So spöttelte die hübsche Frau über alles, sie koket-
tierte mit dem armen Sakristan, machte dem Bischof 
mit der abgetretenen Nase noch drollige Exküsen, 
wobei sie sich seinen etwaigen Gegenbesuch höflichst
verbat, und als wir an den Weihkessel gelangten, 
wollte sie mich durchaus wieder in einen Esel ver-
wandeln.
War es nun wirkliche Stimmung, die der Ort ein-
flößte, oder wollte ich diesen Spaß, der mich im 
Grunde verdroß, so scharf als möglich ablehnen, 
genug, ich warf mich in das gehörige Pathos und 
sprach:
»Mylady, ich liebe keine Religionsverächterinnen. 
Schöne Frauen, die keine Religion haben, sind wie 
Blumen ohne Duft; sie gleichen jenen kalten, nüchter-
nen Tulpen, die uns aus ihren chinesischen Porzellan-
töpfen so porzellanhaft ansehen und, wenn sie spre-
chen könnten, uns gewiß auseinandersetzen würden, 
wie sie ganz natürlich aus einer Zwiebel entstanden 
sind, wie es hinreichend sei, wenn man hienieden nur 
nicht übel riecht, und wie übrigens, was den Duft be-
trifft, eine vernünftige Blume gar keines Duftes be-
darf.«
Schon bei dem Wort Tulpe geriet Mylady in die 
heftigsten Bewegungen, und während ich sprach, 
wirkte ihre Idiosynkrasie gegen diese Blume so stark, 
daß sie sich verzweiflungsvoll die Ohren zuhielt. Zur 
Hälfte war es wohl Komödie, zur Hälfte aber auch 
wohl pikierter Ernst, daß sie mich mit bitterem Blicke
ansah und aus Herzensgrund spottscharf mich frug: 
»Und Sie, teure Blume, welche von den vorhandenen 
Religionen haben Sie?«
»Ich, Mylady, ich habe sie alle, der Duft meiner 
Seele steigt in den Himmel und betäubt selbst die 
ewigen Götter!«

Kapitel XII

Indem Signora unser Gespräch, das wir größten-
teils auf englisch führten, nicht verstehen konnte, ge-
riet sie, Gott weiß wie! auf den Gedanken, wir stritten
über die Vorzüglichkeit unserer respektiven Lands-
leute. Sie lobte nun die Engländer ebenso wie die 
Deutschen, obgleich sie im Herzen die ersteren für 
nicht klug und die letzteren für dumm hielt. Sehr 
schlecht dachte sie von den Preußen, deren Land, 
nach ihrer Geographie, noch weit über England und 
Deutschland hinausliegt, besonders schlecht dachte 
sie vom Könige von Preußen, dem großen Federigo, 
den ihre Feindin, Signora Seraphina, in ihrem Bene-
fizballette vorig Jahr getanzt hatte; wie denn, sonder-
bar genug, dieser König, nämlich Friedrich der 
Große, auf den italienischen Theatern und im Ge-
dächtnisse des italienischen Volks noch immer lebt.
»Nein«, sagte Mylady, ohne auf Signoras süßes 
Gekose hinzuhören, »nein, diesen Menschen braucht 
man nicht erst in einen Esel zu verwandeln; nicht nur,
daß er jede zehn Schritte seine Gesinnung wechselt 
und sich beständig widerspricht, wird er jetzt sogar 
ein Bekehrer, und ich glaube gar, er ist ein verkappter
Jesuit. Ich muß, meiner Sicherheit wegen, jetzt devote
Gesichter schneiden, sonst gibt er mich an bei seinen 
Mitheuchlern in Christo, bei den heiligen Inquisiti-
onsdilettanten, die mich in effigie verbrennen, da 
ihnen die Polizei noch nicht erlaubt, die Personen 
selbst ins Feuer zu werfen. Ach, ehrwürdiger Herr! 
glauben Sie nur nicht, daß ich so klug sei, wie ich 
aussehe, es fehlt mir durchaus nicht an Religion, ich 
bin keine Tulpe, beileibe keine Tulpe, nur um des 
Himmels willen keine Tulpe, ich will lieber alles 
glauben! Ich glaube jetzt schon das Hauptsächlichste, 
was in der Bibel steht, ich glaube, daß Abraham den 
Isaak und Isaak den Jakob und Jakob wieder den Juda
gezeugt hat, sowie auch, daß dieser wieder seine 
Schnur Tamar auf der Landstraße erkannt hat. Ich 
glaube auch, daß Lot mit seinen Töchtern zuviel ge-
trunken. Ich glaube, daß die Frau des Potiphar den 
Rock des frommen Josephs in Händen behalten. Ich 
glaube, daß die beiden Alten, die Susannen im Bade 
überraschten, sehr alt gewesen sind. Außerdem glaub 
ich noch, daß der Erzvater Jakob erst seinen Bruder 
und dann seinen Schwiegervater betrogen, daß König 
David dem Uria eine gute Anstellung bei der Armee 
gegeben, daß Salomo sich tausend Weiber ange-
schafft und nachher gejammert, es sei alles eitel. Auch
an die Zehn Gebote glaube ich und halte sogar die 
meisten; ich laß mich nicht gelüsten meines Nächsten 
Ochsen noch seiner Magd, noch seiner Kuh, noch sei-
nes Esels. Ich arbeite nicht am Sabbat, dem siebenten 
Tage, wo Gott geruht; ja, aus Vorsicht, da man nicht 
mehr genau weiß, welcher dieser siebente Ruhetag 
war, tue ich oft die ganze Woche nichts. Was aber gar
die Gebote Christi betrifft, so übte ich immer das 
wichtigste, nämlich daß man sogar seine Feinde lie-
ben soll - denn ach! diejenigen Menschen, die ich am
meisten geliebt habe, waren immer, ohne daß ich es 
wußte, meine schlimmsten Feinde.«
»Um Gottes willen, Mathilde, weinen Sie nicht!« 
rief ich als wieder ein Ton der schmerzhaftesten Bit-
terkeit aus der heitersten Neckerei, wie eine Schlange 
aus einem Blumenbeete, hervorschoß. Ich kannte ja 
diesen Ton, wobei das witzige Kristallherz der wun-
derbaren Frau zwar immer gewaltig, aber nicht lange 
erzitterte, und ich wußte, daß er ebenso leicht, wie er 
entsteht, auch wieder verscheucht wird, durch die 
erste beste lachende Bemerkung, die man ihr mitteilte 
oder die ihr selbst durch den Sinn flog. Während sie, 
gelehnt an das Portal des Klosterhofes, die glühende 
Wange an die kalten Steine preßte und sich mit ihren 
langen Haaren die Tränenspur aus den Augen wisch-
te, suchte ich ihre gute Laune wieder zu erwecken, 
indem ich, in ihrer eignen Spottweise, die arme Fran-
scheska zu mystifizieren suchte und ihr die wichtig-
sten Nachrichten mitteilte über den Siebenjährigen 
Krieg, der sie so sehr zu interessieren schien und den 
sie noch immer unbeendigt glaubte. Ich erzählte ihr 
viel Interessantes von dem großen Federigo, dem wit-
zigen Kamaschengott von Sanssouci, der die preußi-
sche Monarchie erfunden und in seiner Jugend recht 
hübsch die Flöte blies und auch französische Verse 
gemacht hat. Franscheska frug mich, ob die Preußen 
oder die Deutschen siegen werden. Denn, wie schon 
oben bemerkt, sie hielt erstere für ein ganz anderes 
Volk, und es ist auch gewöhnlich, daß in Italien unter 
dem Namen Deutsche nur die Östreicher verstanden 
werden. Signora wunderte sich nicht wenig, als ich ihr
sagte, daß ich selbst lange Zeit in der Capitale della 
Prussia gelebt habe, nämlich in Berelino, einer Stadt, 
die ganz oben in der Geographie liegt, unfern vom 
Eispol. Sie schauderte, als ich ihr die Gefahren schil-
derte, denen man dort zuweilen ausgesetzt ist, wenn 
einem die Eisbären auf der Straße begegnen. »Denn, 
liebe Franscheska«, erklärte ich ihr, »in Spitzbergen 
liegen gar zu viele Bären in Garnison, und diese kom-
men zuweilen auf einen Tag nach Berlin, um etwa aus
Patriotismus den ›Bär und den Bassa‹ zu sehen oder 
einmal bei Beyerman, im ›Cafe Royal‹, gut zu essen 
und Champagner zu trinken, was ihnen oft mehr Geld 
kostet, als sie mitgebracht; in welchem Falle einer 
von den Bären so lange dort angebunden wird, bis 
seine Kameraden zurückkehren und bezahlen, woher 
auch der Ausdruck ›einen Bären anbinden‹ entstanden
ist. Viele Bären wohnen in der Stadt selbst, ja man 
sagt, Berlin verdanke seine Entstehung den Bären und
hieße eigentlich Bärlin. Die Stadtbären sind aber üb-
rigens sehr zahm und einige darunter so gebildet, daß 
sie die schönsten Tragödien schreiben und die herr-
lichste Musik komponieren. Die Wölfe sind dort 
ebenfalls häufig, und da sie, der Kälte wegen, War-
schauer Schafpelze tragen, sind sie nicht so leicht zu 
erkennen. Schneegänse flattern dort umher und singen
Bravourarien, und Renntiere rennen da herum als 
Kunstkenner. Übrigens leben die Berliner sehr mäßig 
und fleißig, und die meisten sitzen bis am Nabel im 
Schnee und schreiben Dogmatiken, Erbauungsbücher,
Religionsgeschichten für Töchter gebildeter Stände, 
Katechismen, Predigten für alle Tage im Jahr, Eloha-
gedichte und sind dabei sehr moralisch, denn sie sit-
zen bis am Nabel im Schnee.«
»Sind die Berliner denn Christen?« rief Signora 
voller Verwundrung.
»Es hat eine eigne Bewandtnis mit ihrem Christen-
tum. Dieses fehlt ihnen im Grunde ganz und gar, und 
sie sind auch viel zu vernünftig, um es ernstlich aus-
zuüben. Aber da sie wissen, daß das Christentum im 
Staate nötig ist, damit die Untertanen hübsch demütig
gehorchen und auch außerdem nicht zuviel gestohlen 
und gemordet wird, so suchen sie mit großer Bered-
samkeit wenigstens ihre Nebenmenschen zum Chri-
stentume zu bekehren, sie suchen gleichsam Rempla-
cants in einer Religion, deren Aufrechthaltung sie 
wünschen und deren strenge Ausübung ihnen selbst 
zu mühsam wird. In dieser Verlegenheit benutzen sie 
den Diensteifer der armen Juden, diese müssen jetzt 
für sie Christen werden, und da dieses Volk für Geld 
und gute Worte alles aus sich machen läßt, so haben 
sich die Juden schon so ins Christentum hineinexer-
ziert, daß sie ordentlich schon über Unglauben schrei-
en, auf Tod und Leben die Dreieinigkeit verfechten, in
den Hundstagen sogar daran glauben, gegen die Ra-
tionalisten wüten, als Missionäre und Glaubensspione
im Lande herumschleichen und erbauliche Traktät-
chen verbreiten, in den Kirchen am besten die Augen 
verdrehen, die scheinheiligsten Gesichter schneiden 
und mit so viel hohem Beifalle frömmeln, daß sich 
schon hie und da der Gewerbsneid regt und die älteren
Meister des Handwerks schon heimlich klagen, das 
Christentum sei jetzt ganz in den Händen der Juden.«

Kapitel XIII

Wenn mich Signora nicht verstand, so wirst du, lie-
ber Leser, mich gewiß besser verstehen. Auch Mylady
verstand mich, und dies Verständnis weckte wieder 
ihre gute Laune. Doch als ich - ich weiß nicht mehr, 
ob mit ernsthaftem Gesichte - der Meinung beipflich-
ten wollte, daß das Volk einer bestimmten Religion 
bedürfe, konnte sie wieder nicht umhin, mir in ihrer 
Weise entgegenzustreiten.
»Das Volk muß eine Religion haben!« rief sie. 
»Eifrig höre ich diesen Satz predigen von tausend 
dummen und aber tausend scheinheiligen Lippen -«
»Und dennoch ist es wahr, Mylady. Wie die Mutter
nicht alle Fragen des Kindes mit der Wahrheit beant-
worten kann, weil seine Fassungskraft es nicht er-
laubt, so muß auch eine positive Religion, eine Kir-
che vorhanden sein, die alle übersinnlichen Fragen 
des Volks, seiner Fassungskraft gemäß, recht sinnlich
bestimmt beantworten kann.«
»O weh! Doktor, eben Ihr Gleichnis bringt mir eine
Geschichte ins Gedächtnis, die am Ende nicht günstig
für Ihre Meinung sprechen würde. Als ich noch klein 
war, in Dublin -«
»Und auf dem Rücken lag -«
»Aber, Doktor, man kann doch mit Ihnen kein ver-
nünftig Wort sprechen. Lächeln Sie nicht so 
unverschämt und hören Sie: Als ich noch klein war, in
Dublin, und zu Mutters Füßen saß, frug ich sie einst, 
was man mit den alten Vollmonden anfange ›Liebes 
Kind‹, sagte die Mutter ›die alten Vollmonde schlägt 
der liebe Gott mit dem Zuckerhammer in Stücke und 
macht daraus die kleinen Sterne.‹ Man kann der Mut-
ter diese offenbar falsche Erklärung nicht verdenken, 
denn mit den besten astronomischen Kenntnissen 
hätte sie doch nicht vermocht, mir das ganze Sonne-, 
Mond- und Sternesystem auseinanderzusetzen, und 
die übersinnlichen Fragen beantwortete sie sinnlich 
bestimmt. Es wäre aber doch besser gewesen, sie 
hätte die Erklärung für ein reiferes Alter verschoben 
oder wenigstens keine Lüge ausgedacht. Denn als ich 
mit der kleinen Lucie zusammenkam und der Voll-
mond am Himmel stand und ich ihr erklärte, wie man 
bald kleine Sterne draus machen werde, lachte sie 
mich aus und sagte, daß ihre Großmutter, die alte 
O'Meara, ihr erzählt habe, die Vollmonde würden in 
der Hölle als Feuermelonen verzehrt, und da man dort
keinen Zucker habe, müsse man Pfeffer und Salz 
draufstreuen. Hatte Lucie vorher über meine Mei-
nung, die etwas naiv evangelisch war, mich ausge-
lacht, so lachte ich noch mehr über ihre düster katho-
lische Ansicht, vom Auslachen kam es zu ernstem 
Streit, wir pufften uns, wir kratzten uns blutig, wir be-
spuckten uns polemisch, bis der kleine O'Donnel aus 
der Schule kam und uns auseinanderriß. Dieser Knabe
hatte dort besseren Unterricht in der Himmelskunde 
genossen, verstand sich auf Mathematik und belehrte 
uns ruhig über unsere beiderseitigen Irrtümer und die 
Torheit unseres Streits. Und was geschah? Wir beiden
Mädchen unterdrückten vorderhand unseren Mei-
nungsstreit und vereinigten uns gleich, um den klei-
nen, ruhigen Mathematikus durchzuprügeln.«
»Mylady, ich bin verdrießlich, denn Sie haben 
recht. Aber es ist nicht zu ändern, die Menschen wer-
den immer streiten über die Vorzüglichkeit derjenigen
Religionsbegriffe, die man ihnen früh beigebracht, 
und der Vernünftige wird immer doppelt zu leiden 
haben. Einst war es freilich anders, da ließ sich keiner
einfallen, die Lehre und die Feier seiner Religion be-
sonders anzupreisen oder gar sie jemanden aufzudrin-
gen Die Religion war eine liebe Tradition, heilige Ge-
schichten, Erinnerungsfeier und Mysterien, überliefert
von den Vorfahren gleichsam Familiensakra des 
Volks, und einem Griechen wäre es ein Greuel gewe-
sen, wenn ein Fremder, der nicht von seinem Ge-
schlechte, eine Religionsgenossenschaft mit ihm ver-
langt hätte; noch mehr würde er es für eine Un-
menschlichkeit gehalten haben, irgend jemand, durch 
Zwang oder List, dahin zu bringen, seine angeborene 
Religion aufzugeben und eine fremde dafür anzuneh-
men. Da kam aber ein Volk aus Ägypten, dem 
Vaterland der Krokodile und des Priestertums, und 
außer den Hautkrankheiten und den gestohlenen Gold
- und Silbergeschirren brachte es auch eine sogenann-
te positive Religion mit, eine sogenannte Kirche, ein 
Gerüste von Dogmen, an die man glauben, und heili-
ger Zeremonien, die man feiern mußte, ein Vorbild 
der späteren Staatsreligionen. Nun entstand ›die Men-
schenmäkelei‹, das Proselytenmachen, der Glaubens-
zwang und all jene heiligen Greuel, die dem Men-
schengeschlechte soviel Blut und Tränen gekostet.«
»Goddam! dieses Urübelvolk!«
»Oh, Mathilde, es ist längst verdammt und 
schleppt seine Verdammnisqualen durch die Jahrtau-
sende. Oh, dieses Ägypten! seine Fabrikate trotzen 
der Zeit, seine Pyramiden stehen noch immer uner-
schütterlich, seine Mumien sind noch so unzerstörbar 
wie sonst, und ebenso unverwüstlich ist jene Volkmu-
mie, die über die Erde wandelt, eingewickelt in ihren 
uralten Buchstabenwindeln, ein verhärtet Stück Welt-
geschichte, ein Gespenst, das zu seinem Unterhalte 
mit Wechseln und alten Hosen handelt - Sehen Sie, 
Mylady, dort jenen alten Mann, mit dem weißen 
Barte, dessen Spitze sich wieder zu schwärzen 
scheint, und mit den geisterhaften Augen -«
»Sind dort nicht die Ruinen der alten Römergrä-
ber?«
»Ja, ebenda sitzt der alte Mann, und vielleicht, 
Mathilde, verrichtet er eben sein Gebet, ein schauri-
ges Gebet, worin er seine Leiden bejammert und Völ-
ker anklagt, die längst von der Erde verschwunden 
sind und nur noch in Ammenmärchen leben - er aber,
in seinem Schmerze, bemerkt kaum, daß er auf den 
Gräbern derjenigen Feinde sitzt, deren Untergang er 
vom Himmel erfleht.«

Kapitel XIV

Ich sprach im vorigen Kapitel von den positiven 
Religionen nur, insofern sie als Kirchen, unter den 
Namen Staatsreligionen, noch besonders vom Staate 
privilegiert werden. Es gibt aber eine fromme Dialek-
tik, lieber Leser, die dir aufs bündigste beweisen 
wird, daß ein Gegner des Kirchtums einer solchen 
Staatsreligion auch ein Feind der Religion und des 
Staats sei, ein Feind Gottes und des Königs oder, wie 
die gewöhnliche Formel lautet, ein Feind des Throns 
und des Altars. Ich aber sage dir, das ist eine Lüge, 
ich ehre die innere Heiligkeit jeder Religion und un-
terwerfe mich den Interessen des Staates. Wenn ich 
auch dem Anthropomorphismus nicht sonderlich hul-
dige, so glaube ich doch an die Herrlichkeit Gottes, 
und wenn auch die Könige so töricht sind, dem Geiste
des Volks zu widerstreben, oder gar so unedel sind, 
die Organe desselben durch Zurücksetzungen und 
Verfolgungen zu kränken, so bleibe ich doch, meiner 
tiefsten Überzeugung nach, ein Anhänger des König-
tums, des monarchischen Prinzips. Ich hasse nicht den
Thron, sondern nur das windige Adelgeziefer, das 
sich in die Ritzen der alten Throne eingenistet und 
dessen Charakter uns Montesquieu so genau schildert 
mit den Worten: »Ehrgeiz im Bunde mit dem Müßig-
gange, die Gemeinheit im Bunde mit dem Hochmute, 
die Begierde, sich zu bereichern ohne Arbeit, die Ab-
neigung gegen die Wahrheit, die Schmeichelei, der 
Verrat, die Treulosigkeit, der Wortbruch, die Verach-
tung der Bürgerpflichten, die Furcht vor Fürstentu-
gend und das Interesse an Fürstenlaster!« Ich hasse 
nicht den Altar, sondern ich hasse die Schlangen, die 
unter dem Gerülle der alten Altäre lauern; die argklu-
gen Schlangen, die unschuldig wie Blumen zu lächeln
wissen, während sie heimlich ihr Gift spritzen in den 
Kelch des Lebens und Verleumdung zischen in das 
Ohr des frommen Beters, die gleisenden Würmer mit 
weichen Worten -

Mel in ore, verba lactis,
Fel in corde, fraus in factis.

Eben weil ich ein Freund des Staats und der Religi-
on bin, hasse ich jene Mißgeburt, die man 
Staatsreligion nennt, jenes Spottgeschöpf, das aus der
Buhlschaft der weltlichen und der geistlichen Macht 
entstanden, jenes Maultier, das der Schimmel des An-
tichrists mit der Eselin Christi gezeugt hat. Gäbe es 
keine solche Staatsreligion, keine Bevorrechtung 
eines Dogmas und eines Kultus, so wäre Deutschland 
einig und stark, und seine Söhne wären herrlich und 
frei. So aber ist unser armes Vaterland zerrissen durch
Glaubenszwiespalt, das Volk ist getrennt in feindliche
Religionsparteien, protestantische Untertanen hadern 
mit ihren katholischen Fürsten oder umgekehrt, über-
all Mißtrauen ob Kryptokatholizismus oder Krypto-
protestantismus, überall Verketzerung, Gesinnungs-
spionage, Pietismus, Mystizismus, Kirchenzeitungs-
schnüffeleien, Sektenhaß, Bekehrungssucht, und wäh-
rend wir über den Himmel streiten, gehen wir auf 
Erden zugrunde. Ein Indifferentismus in religiösen 
Dingen wäre vielleicht allein imstande, uns zu retten, 
und durch Schwächerwerden im Glauben könnte 
Deutschland politisch erstarken.
Für die Religion selber, für ihr heiliges Wesen, ist 
es ebenso verderblich, wenn sie mit Privilegien be-
kleidet ist, wenn ihre Diener vom Staate vorzugsweise
dotiert werden und zur Erhaltung dieser Dotationen 
ihrerseits verpflichtet sind, den Staat zu vertreten, und
solchermaßen eine Hand die andere wäscht, die geist-
liche die weltliche und umgekehrt, und ein 
Wischwasch entsteht, der dem lieben Gott eine Tor-
heit und den Menschen ein Greul ist. Hat nun der 
Staat Gegner, so werden diese auch Feinde der Religi-
on, die der Staat bevorrechtet und die deshalb seine 
Alliierte ist; und selbst der harmlose Gläubige wird 
mißtrauisch, wenn er in der Religion auch politische 
Absicht wittert. Am widerwärtigsten aber ist der 
Hochmut der Priester, wenn sie für die Dienste, die 
sie dem Staate zu leisten glauben, auch auf dessen 
Unterstützung rechnen dürfen, wenn sie für die geisti-
ge Fessel, die sie ihm, um die Völker zu binden, ge-
liehen haben, auch über seine Bajonette verfügen kön-
nen. Die Religion kann nie schlimmer sinken, als 
wenn sie solchermaßen zur Staatsreligion erhoben 
wird; es geht dann gleichsam ihre innere Unschuld 
verloren, und sie wird so öffentlich stolz wie eine de-
klarierte Mätresse. Freilich werden ihr dann mehr 
Huldigungen und Ehrfurchtsversicherungen darge-
bracht, sie feiert täglich neue Siege, in glänzenden 
Prozessionen, bei solchen Triumphen tragen sogar 
bonapartistische Generale ihr die Kerzen vor, die stol-
zesten Geister schwören zu ihrer Fahne, täglich wer-
den Ungläubige bekehrt und getauft - aber dies viele 
Wasseraufgießen macht die Suppe nicht fetter, und 
die neuen Rekruten der Staatsreligion gleichen den 
Soldaten, die Falstaff geworben - sie füllen die Kir-
che. Von Aufopfrung ist gar nicht mehr die Rede, wie 
Kaufmannsdiener mit ihren Musterkarten, so reisen 
die Missionäre mit ihren Traktätchen und Bekeh-
rungsbüchlein, es ist keine Gefahr mehr bei diesem 
Geschäfte, und es bewegt sich ganz in merkantilisch 
ökonomischen Formen.
Nur solange die Religionen mit anderen zu rivali-
sieren haben und weit mehr verfolgt werden als selbst 
verfolgen, sind sie herrlich und ehrenwert, nur da 
gibt's Begeisterung, Aufopferung, Märtyrer und Pal-
men. Wie schön, wie heilig lieblich, wie heimlich süß
war das Christentum der ersten Jahrhunderte, als es 
selbst noch seinem göttlichen Stifter glich im Helden-
tum des Leidens. Da war's noch die schöne Legende 
von einem heimlichen Gotte, der in sanfter Junglings-
gestalt unter den Palmen Palästinas wandelte und 
Menschenliebe predigte und jene Freiheit- und 
Gleichheitslehre offenbarte, die auch später die Ver-
nunft der größten Denker als wahr erkannt hat und 
die, als französisches Evangelium, unsere Zeit begei-
stert. Mit jener Religion Christi vergleiche man die 
verschiedenen Christentümer, die in den verschiede-
nen Ländern als Staatsreligionen konstituiert worden, 
z.B. die römisch-apostolischkatholische Kirche oder 
gar jenen Katholizismus ohne Poesie, den wir als 
High Church of England herrschen sehen, jenes kläg-
lich morsche Glaubensskelett, worin alles blühende 
Leben erloschen ist! Wie den Gewerben ist auch den 
Religionen das Monopolsystem schädlich, durch freie 
Konkurrenz bleiben sie kräftig, und sie werden erst 
dann zu ihrer ursprünglichen Herrlichkeit wieder er-
blühen, sobald die politische Gleichheit der Gottes-
dienste, sozusagen die Gewerbefreiheit der Götter ein-
geführt wird.
Die edelsten Menschen in Europa haben es längst 
ausgesprochen, daß dieses das einzige Mittel ist, die 
Religion vor gänzlichem Untergang zu bewahren; 
doch die Diener derselben werden eher den Altar 
selbst aufopfern, als daß sie von dem, was darauf ge-
opfert wird, das mindeste verlieren möchten; ebenso 
wie der Adel eher den Thron selbst und Hochdenjeni-
gen, der hochdarauf sitzt, dem sichersten Verderben 
überlassen würde, als daß er mit ernstlichem Willen 
die ungerechteste seiner Gerechtsame aufgäbe. Ist 
doch das affektierte Interesse für Thron und Altar nur 
ein Possenspiel, das dem Volke vorgegaukelt wird! 
Wer das Zunftgeheimnis belauert hat, weiß, daß die 
Pfaffen viel weniger als die Laien den Gott respektie-
ren, den sie zu ihrem eignen Nutzen, nach Willkür, 
aus Brot und Wort zu kneten wissen, und daß die Ad-
ligen viel weniger, als es ein Roturier vermöchte, den 
König respektieren und sogar eben das Königtum, 
dem sie öffentlich so viele Ehrfurcht zeigen und dem 
sie soviel Ehrfurcht bei anderen zu erwerben suchen, 
in ihrem Herzen verhöhnen und verachten: - 
wahrlich, sie gleichen jenen Leuten, die dem gaffen-
den Publikum in den Marktbuden irgendeinen Herku-
les oder Riesen oder Zwerg oder Wilden oder Feuer-
fresser oder sonstig merkwürdigen Mann für Geld zei-
gen und dessen Stärke, Erhabenheit, Kühnheit, Un-
verletzlichkeit oder, wenn er ein Zwerg ist, dessen 
Weisheit mit der übertriebensten Ruhmredigkeit aus-
preisen und dabei in die Trompete stoßen und eine 
bunte Jacke tragen, während sie darunter, im Herzen, 
die Leichtgläubigkeit des staunenden Volkes verla-
chen und den armen Hochgepriesenen verspotten, der 
ihnen aus Gewohnheit des täglichen Anblicks sehr 
uninteressant geworden und dessen Schwächen und 
nur andressierte Künste sie allzu genau kennen.
Ob der liebe Gott es noch lange dulden wird, daß 
die Pfaffen einen leidigen Popanz für ihn ausgeben 
und damit Geld verdienen, das weiß ich nicht; - we-
nigstens würde ich mich nicht wundern, wenn ich mal
im »Hamb. Unpart. Korrespondenten« läse, daß der 
alte Jehova jedermann warne, keinem Menschen, es 
sei, wer es wolle, nicht einmal seinem Sohne, auf sei-
nen Namen Glauben zu schenken. Überzeugt bin ich 
aber, wir werden's mit der Zeit erleben, daß die Köni-
ge sich nicht mehr hergeben wollen zu einer Schau-
puppe ihrer adligen Verächter, daß sie die Etiketten 
brechen, ihren marmornen Buden entspringen und un-
willig von sich werfen den glänzenden Plunder, der 
dem Volke imponieren sollte, den roten Mantel, der 
scharfrichterlich abschreckte, den diamantenen Reif, 
den man ihnen über die Ohren gezogen, um sie den 
Volksstimmen zu versperren, den goldnen Stock, den 
man ihnen als Scheinzeichen der Herrschaft in die 
Hand gegeben - und die befreiten Könige werden frei
sein wie andre Menschen und frei unter ihnen wan-
deln und frei fühlen und frei heuraten und frei ihre 
Meinung bekennen, und das ist die Emanzipation der 
Könige.

Kapitel XV

Was bleibt aber den Aristokraten übrig, wenn sie 
der gekrönten Mittel ihrer Subsistenz beraubt werden,
wenn die Könige ein Eigentum des Volks sind und 
ein ehrliches und sicheres Regiment führen, durch den
Willen des Volks, der alleinigen Quelle aller Macht? 
Was werden die Pfaffen beginnen, wenn die Könige 
einsehen, daß ein bißchen Salböl keinen menschli-
chen Kopf guillotinenfest machen kann, ebenso wie 
das Volk täglich mehr und mehr einsieht, daß man 
von Oblaten nicht satt wird? Nun freilich, da bleibt 
der Aristokratie und der Klerisei nichts übrig, als sich
zu verbünden und gegen die neue Weltordnung zu ka-
balieren und zu intrigieren.
Vergebliches Bemühen! Eine flammende Riesin, 
schreitet die Zeit ruhig weiter, unbekümmert um das 
Gekläffe bissiger Pfäffchen und Junkerlein da unten. 
Wie heulen sie jedesmal, wenn sie sich die Schnauze 
verbrannt an einem Fuße jener Riesin oder wenn diese
ihnen mal unversehens auf die Köpfe trat, daß das ob-
skure Gift herausspritzte! Ihr Grimm wendet sich 
dann um so tückischer gegen einzelne Kinder der Zeit,
und ohnmächtig gegen die Masse, suchen sie an Indi-
viduen ihr feiges Mütchen zu kühlen.
Ach! wir müssen es gestehen, manch armes Kind 
der Zeit fühlt darum nicht minder die Stiche, die ihm 
lauernde Pfaffen und Junker im Dunkeln beizubringen
wissen, und ach! wenn auch eine Glorie sich zieht um 
die Wunden des Siegers, so bluten sie dennoch und 
schmerzen dennoch! Es ist ein seltsames Martyrtum, 
das solche Sieger in unseren Tagen erdulden, es ist 
nicht abgetan mit einem kühnen Bekenntnisse wie in 
früheren Zeiten, wo die Blutzeugen ein rasches Scha-
fott fanden oder den jubelnden Holzstoß. Das Wesen 
des Martyrtums, alles Irdische aufzuopfern für den 
himmlischen Spaß, ist noch immer dasselbe; aber es 
hat viel verloren von seiner innern Glaubensfreudig-
keit, es wurde mehr ein resignierendes Ausdauern, ein
beharrliches Überdulden, ein lebenslängliches Ster-
ben, und da geschieht es sogar, daß in grauen, kalten 
Stunden auch die heiligsten Märtyrer vom Zweifel 
beschlichen werden. Es gibt nichts Entsetzlicheres als
jene Stunden, wo ein Marcus Brutus zu zweifeln be-
gann an der Wirklichkeit der Tugend, für die er alles 
geopfert! Und ach! jener war ein Römer und lebte in 
der Blütenzeit der Stoa; wir aber sind modern weiche-
ren Stoffes, und dazu sehen wir noch das Gedeihen 
einer Philosophie, die aller Begeisterung nur eine re-
lative Bedeutung zuspricht und sie somit in sich 
selbst vernichtet oder sie allenfalls zu einer selbstbe-
wußten Donquichotterie neutralisiert!
Die kühlen und klugen Philosophen! Wie mitleidig
lächeln sie herab auf die Selbstquälereien und Wahn-
sinnigkeiten eines armen Don Quixote, und in all 
ihrer Schulweisheit merken sie nicht, daß jene Don-
quichotterie dennoch das Preisenswerteste des Le-
bens, ja das Leben selbst ist und daß diese Donqui-
chotterie die ganze Welt mit allem, was darauf philo-
sophiert, musiziert, ackert und gähnt, zu kühnerem 
Schwunge beflügele! Denn die große Volksmasse, 
mitsamt den Philosophen, ist, ohne es zu wissen, 
nichts anders als ein kolossaler Sancho Pansa, der, 
trotz all seiner nüchternen Prügelscheu und hausback-
ner Verständigkeit, dem wahnsinnigen Ritter in allen 
seinen gefährlichen Abenteuern folge, gelockt von der
versprochenen Belohnung, an die er glaubt, weil er sie
wünscht, mehr aber noch getrieben von der mysti-
schen Gewalt, die der Enthusiasmus immer ausübe 
auf den großen Haufen - wie wir es in allen politi-
schen und religiösen Revolutionen und vielleicht täg-
lich im kleinsten Ereignisse sehen können.
So z.B. du, lieber Leser, bist unwillkürlich der 
Sancho Pansa des verrückten Poeten, dem du, durch 
die Irrfahrten dieses Buches, zwar mit Kopfschütteln 
folgst, aber dennoch folgst.

Kapitel XVI

Seltsam! »Leben und Taten des scharfsinnigen Jun-
kers Don Quixote von La Mancha, beschrieben von 
Miguel de Cervantes Saavedra« war das erste Buch, 
das ich gelesen habe, nachdem ich schon in ein ver-
ständiges Knabenalter getreten und des Buchstaben-
wesens einigermaßen kundig war. Ich erinnere mich 
noch ganz genau jener kleinen Zeit, wo ich mich eines
frühen Morgens von Hause wegstahl und nach dem 
Hofgarten eilte, um dort ungestört den »Don Quixote«
zu lesen. Es war ein schöner Maitag, lauschend im 
stillen Morgenlichte lag der blühende Frühling und 
ließ sich loben von der Nachtigall, seiner süßen 
Schmeichlerin, und diese sang ihr Loblied so kares-
sierend weich, so schmelzend enthusiastisch, daß die 
verschämtesten Knospen aufsprangen und die lüster-
nen Gräser und die duftigen Sonnenstrahlen sich 
hastiger küßten und Bäume und Blumen schauerten, 
vor eitelem Entzücken. Ich aber setzte mich auf eine 
alte moosige Steinbank in der sogenannten Seufzeral-
lee unfern des Wasserfalls und ergötzte mein kleines 
Herz an den großen Abenteuern des kühnen Ritters. 
In meiner kindischen Ehrlichkeit nahm ich alles für 
baren Ernst; so lächerlich auch dem armen Helden 
von dem Geschicke mitgespielt wurde, so meinte ich 
doch, das müsse so sein, das gehöre nun mal zum 
Heldentum, das Ausgelachtwerden ebensogut wie die 
Wunden des Leibes, und jenes verdroß mich ebenso-
sehr, wie ich diese in meiner Seele mitfühlte. Ich war 
ein Kind und kannte nicht die Ironie, die Gott in die 
Welt hineingeschaffen und die der große Dichter in 
seiner gedruckten Kleinwelt nachgeahmt hatte - und 
ich konnte die bittersten Tränen vergießen, wenn der 
edle Ritter, für all seinen Edelmut, nur Undank und 
Prügel genoß; und da ich, noch ungeübt im Lesen, 
jedes Wort laut aussprach, so konnten Vögel und 
Bäume, Bach und Blumen alles mit anhören, und da 
solche unschuldige Naturwesen, ebenso wie die Kin-
der, von der Weltironie nichts wissen, so hielten sie 
gleichfalls alles für baren Ernst und weinten mit über 
die Leiden des armen Ritters, sogar eine alte ausge-
diente Eiche schluchzte, und der Wasserfall schüttelte
heftiger seinen weißen Bart und schien zu schelten auf
die Schlechtigkeit der Welt. Wir fühlten, daß der 
Heldensinn des Ritters darum nicht mindere Bewun-
drung verdient, wenn ihm der Löwe ohne Kampflust 
den Rücken kehrte, und daß seine Taten um so prei-
senswerter, je schwächer und ausgedorrter sein Leib, 
je morscher die Rüstung, die ihn schützte, und je arm-
seliger der Klepper, der ihn trug. Wir verachteten den 
niedrigen Pöbel, der den armen Helden so prügelroh 
behandelte, noch mehr aber den hohen Pöbel, der, ge-
schmückt mit buntseidnen Mänteln, vornehmen Re-
densarten und Herzogstiteln, einen Mann verhöhnte, 
der ihm an Geisteskraft und Edelsinn so weit überle-
gen war. Dulcineas Ritter stieg immer höher in meiner
Achtung und gewann immer mehr meine Liebe, je 
länger ich in dem wundersamen Buche las, was in 
demselben Garten täglich geschah, so daß ich schon 
im Herbste das Ende der Geschichte erreichte - und 
nie werde ich den Tag vergessen, wo ich von dem 
kummervollen Zweikampfe las, worin der Ritter so 
schmählich unterliegen mußte!
Es war ein trüber Tag, häßliche Nebelwolken 
zogen dem grauen Himmel entlang, die gelben Blätter
fielen schmerzlich von den Bäumen, schwere Tränen-
tropfen hingen an den letzten Blumen, die gar traurig 
welk die sterbenden Köpfchen senkten, die Nachtigal-
len waren längst verschollen, von allen Seiten starrte 
mich an das Bild der Vergänglichkeit - und mein 
Herz wollte schier brechen, als ich las, wie der edle 
Ritter betäubt und zermalmt am Boden lag und, ohne 
das Visier zu erheben, als wenn er aus dem Grabe ge-
sprochen hätte, mit schwacher kranker Stimme zu 
dem Sieger hinaufsprach: »Dulcinea ist das schönste 
Weib der Welt und ich der unglücklichste Ritter auf 
Erden, aber es ziemt sich nicht, daß meine Schwäche 
diese Wahrheit verleugne - stoßt zu mit der Lanze, 
Ritter!«
Ach! dieser leuchtende Ritter vom silbernen 
Monde, der den mutigsten und edelsten Mann der 
Welt besiegte, war ein verkappter Barbier!

Kapitel XVII

Das ist nun lange her. Viele neue Lenze sind unter-
dessen hervorgeblüht, doch mangelte ihnen immer ihr 
mächtigster Reiz, denn ach! ich glaube nicht mehr den
süßen Lügen der Nachtigall, der Schmeichlerin des 
Frühlings, ich weiß, wie schnell seine Herrlichkeit 
verwelkt, und wenn ich die jüngste Rosenknospe er-
blicke, sehe ich sie im Geiste schmerzrot aufblühen, 
erbleichen und von den Winden verweht. Überall sehe
ich einen verkappten Winter.
In meiner Brust aber blüht noch jene flammende 
Liebe, die sich sehnsüchtig über die Erde emporhebt, 
abenteuerlich herumschwärmt in den weiten, 
gähnenden Räumen des Himmels, dort zurückgesto-
ßen wird von den kalten Sternen und wieder heim-
sinkt zur kleinen Erde und mit Seufzen und Jauchzen 
gestehen muß, daß es doch in der ganzen Schöpfung 
nichts Schöneres und Besseres gibt als das Herz der 
Menschen. Diese Liebe ist die Begeisterung, die 
immer göttlicher Art, gleichviel, ob sie törichte oder 
weise Handlungen verübt - Und so hat der kleine 
Knabe keineswegs unnütz seine Tränen verschwendet,
die er über die Leiden des närrischen Ritters vergoß, 
ebensowenig wie späterhin der Jüngling, als er man-
che Nacht im Studierstübchen weinte über den Tod 
der heiligsten Freiheitshelden, über König Agis von 
Sparta, über Cajus und Tiberius Gracchus von Rom, 
über Jesus von Jerusalem und über Robespierre und 
Saint-Just von Paris. Jetzt, wo ich die Toga virilis an-
gezogen und selbst ein Mann sein will, hat das Wei-
nen ein Ende, und es gilt, zu handeln wie ein Mann, 
nachahmend die großen Vorgänger und, will's Gott! 
künftig ebenfalls beweint von Knaben und Jünglin-
gen. Ja, diese sind es, auf die man noch rechnen kann 
in unserer kalten Zeit, denn diese werden noch ent-
zündet von dem glühenden Hauche, der ihnen aus den
alten Büchern entgegenweht, und deshalb begreifen 
sie auch die Flammenherzen der Gegenwart. Die Ju-
gend ist uneigennützig im Denken und Fühlen und 
denkt und fühlt deshalb die Wahrheit am tiefsten und 
geizt nicht, wo es gilt eine kühne Teilnahme an Be-
kenntnis und Tat. Die älteren Leute sind selbstsüchtig
und kleinsinnig; sie denken mehr an die Interessen 
ihrer Kapitalien als an die Interessen der Menschheit; 
sie lassen ihr Schifflein ruhig fortschwimmen im 
Rinnstein des Lebens und kümmern sich wenig um 
den Seemann, der auf hohem Meere gegen die Wellen 
kämpft; oder sie erkriechen mit klebrichter Beharr-
lichkeit die Höhe des Bürgermeistertums oder der 
Präsidentschaft ihres Klubs und zucken die Achsel 
über die Heroenbilder, die der Sturm hinabwarf von 
der Säule des Ruhms, und dabei erzählen sie viel-
leicht, daß sie selbst in ihrer Jugend ebenfalls mit dem
Kopf gegen die Wand gerennt seien, daß sie sich aber
nachher mit der Wand wieder versöhnt hätten, denn 
die Wand sei das Absolute, das Gesetzte, das an und 
für sich Seiende, das, weil es ist, auch vernünftig ist, 
weshalb auch derjenige unvernünftig ist, welcher 
einen allerhöchst vernünftigen, unwidersprechbar sei-
enden, festgesetzten Absolutismus nicht ertragen will.
Ach! diese Verwerflichen, die uns in eine gelinde 
Knechtschaft hineinphilosophieren wollen, sind 
immer noch achtenswerter als jene Verworfenen, die 
bei der Verteidigung des Despotismus sich nicht ein-
mal auf vernünftige Vernunftgründe einlassen, son-
dern ihn geschichtskundig als ein Gewohnheitsrecht 
verfechten, woran sich die Menschen im Laufe der 
Zeit allmählich gewöhnt hätten und das also rechts-
gültig und gesetzkräftig unumstößlich sei.
Ach! ich will nicht wie Ham die Decke aufheben 
von der Scham des Vaterlandes, aber es ist entsetz-
lich, wie man's bei uns verstanden hat, die Sklaverei 
sogar geschwätzig zu machen, und wie deutsche Phi-
losophen und Historiker ihr Gehirn abmartern, um 
jeden Despotismus, und sei er noch so albern und töl-
pelhaft, als vernünftig oder als rechtsgültig zu vertei-
digen. »Schweigen ist die Ehre der Sklaven«, sagt Ta-
citus; jene Philosophen und Historiker behaupten das 
Gegenteil und zeigen auf die Ehrenbändchen in ihrem 
Knopfloch.
Vielleicht habt ihr doch recht, und ich bin nur ein 
Don Quixote, und das Lesen von allerlei wunderbaren
Büchern hat mir den Kopf verwirrt, ebenso wie dem 
Junker von La Mancha, und Jean-Jacques Rousseau 
war mein Amadis von Gallien, Mirabeau war mein 
Roldan oder Agramant, und ich habe mich zu sehr 
hineinstudiert in die Heldentaten der französischen 
Paladine und der Tafelrunde des Nationalkonvents. 
Freilich, mein Wahnsinn und die fixen Ideen, die ich 
aus jenen Büchern geschöpft, sind von entgegenge-
setzter Art als der Wahnsinn und die fixen Ideen des 
Manchaners; dieser wollte die untergehende Ritterzeit
wiederherstellen, ich hingegen will alles, was aus 
jener Zeit noch übriggeblieben ist, jetzt vollends 
vernichten, und da handeln wir also mit ganz ver-
schiedenen Ansichten. Mein Kollege sah Windmüh-
len für Riesen an, ich hingegen kann in unseren heuti-
gen Riesen nur prahlende Windmühlen sehen; jener 
sah lederne Weinschläuche für mächtige Zauberer an, 
ich aber sehe in unseren jetzigen Zauberern nur den 
ledernen Weinschlauch; jener hielt Bettlerherbergen 
für Kastelle, Eseltreiber für Kavaliere, Stalldirnen für 
Hofdamen, ich hingegen halte unsre Kastelle nur für 
Lumpenherbergen, unsre Kavaliere nur für Eseltrei-
ber, unsere Hofdamen nur für gemeine Stalldirnen; 
wie jener eine Puppenkomödie für eine Staatsaktion 
hielt, so halte ich unsre Staatsaktionen für leidige 
Puppenkomödien - doch ebenso tapfer wie der tapfe-
re Manchaner schlage ich drein in die hölzerne Wirt-
schaft. Ach! solche Heldentat bekömmt mir oft eben-
so schlecht wie ihm, und ich muß, ebenso wie er, viel 
erdulden für die Ehre meiner Dame. Wollte ich sie 
verleugnen, aus eitel Furcht oder schnöder Gewinn-
sucht, so könnte ich behaglich leben in dieser seien-
den vernünftigen Welt, und ich würde eine schöne 
Maritorne zum Altare führen und mich einsegnen las-
sen von feisten Zauberern und mit edlen Eseltreibern 
bankettieren und gefahrlose Novellen und sonstige 
kleine Sklävchen zeugen! Statt dessen, geschmückt 
mit den drei Farben meiner Dame, muß ich beständig 
auf der Mensur liegen und mich durch unsägliches 
Drangsal durchschlagen, und ich erfechte keinen Sieg,
der mich nicht auch etwas Herzblut kostet. Tag und 
Nacht bin ich in Nöten; denn jene Feinde sind so 
tückisch, daß manche, die ich zu Tode getroffen, sich 
noch immer ein Air gaben, als ob sie lebten, und, in 
alle Gestalten sich verwandelnd, mir Tag und Nacht 
verleiden konnten. Wieviel Schmerzen habe ich durch
solchen fatalen Spuk schon erdulden müssen! Wo mir
etwas Liebes blühte, da schlichen sie hin, die heim-
tückischen Gespenster, und knickten sogar die un-
schuldigsten Knospen. Überall, und wo ich es am we-
nigsten vermuten sollte, entdecke ich am Boden ihre 
silbrichte Schleimspur, und nehme ich mich nicht in 
acht, so kann ich verderblich ausgleiten, sogar im 
Hause der nächsten Lieben. Ihr mögt lächeln und sol-
che Besorgnis für eitel Einbildungen, gleich denen 
des Don Quixote, halten. Aber eingebildete Schmer-
zen tun darum nicht minder weh, und bildet man sich 
ein, etwas Schierling genossen zu haben, so kann man
die Auszehrung bekommen, auf keinen Fall wird man 
davon fett. Und daß ich fett geworden sei, ist eine 
Verleumdung, wenigstens habe ich noch keine fette 
Sinekur erhalten, und ich hätte doch die dazu gehöri-
gen Talente. Auch ist von dem Fett der Vetterschaft 
nichts an mir zu verspüren. Ich bilde mir ein, man 
habe alles mögliche angewendet, um mich mager zu 
halten; als mich hungerte, da fütterte man mich mit 
Schlangen, als mich dürstete, da tränkte man mich mit
Wermut, man goß mir die Hölle ins Herz, daß ich 
Gift weinte und Feuer seufzte, man kroch mir nach bis
in die Träume meiner Nächte - und da sehe ich sie, 
die grauenhaften Larven, die noblen Lakaiengesichter 
mit fletschenden Zähnen, die drohenden 
Bankiernasen, die tödlichen Augen, die aus den Ka-
puzen hervorstechen, die bleichen Manschettenhände 
mit blanken Messern -
Auch die alte Frau, die neben mir wohnt, meine 
Wandnachbarin, hält mich für verrückt und behaup-
tet, ich spräche im Schlafe das wahnsinnigste Zeug, 
und die vorige Nacht habe sie deutlich gehört, daß ich
rief: »Dulcinea ist das schönste Weib der Welt und 
ich der unglücklichste Ritter auf Erden, aber es ziemt 
sich nicht, daß meine Schwäche diese Wahrheit ver-
leugne - stoßt zu mit der Lanze, Ritter!«

Spätere Nachschrift

November 1830

Ich weiß nicht, welche sonderbare Pietät mich 
davon abhielt, einige Ausdrücke, die mir bei späterer 
Durchsicht der vorstehenden Blätter etwas allzu herbe
erschienen, im mindesten zu ändern. Das Manuskript 
war schon so gelb verblichen wie ein Toter, und ich 
hatte Scheu, es zu verstümmeln. Alles verjährt Ge-
schriebene hat solch inwohnendes Recht der Unver-
letzlichkeit, und gar diese Blätter, die gewissermaßen 
einer dunkeln Vergangenheit angehören. Denn sie 
sind fast ein Jahr vor der dritten bourbonischen 
Hedschira geschrieben, zu einer Zeit, die weit herber 
war als der herbste Ausdruck, zu einer Zeit, wo es den
Anschein gewann, als könnte der Sieg der Freiheit 
noch um ein Jahrhundert verzögert werden. Es war 
wenigstens bedenklich, wenn man sah, wie unsere 
Ritter so sichere Gesichter bekamen, wie sie die ver-
blaßten Wappen wieder frischbunt anstreichen ließen,
wie sie mit Schild und Speer zu München und Pots-
dam turnierten, wie sie so stolz auf ihren hohen Ros-
sen saßen, als wollten sie nach Quedlinburg reiten um
sich neu auflegen zu lassen bei Gottfried Bassen. 
Noch unerträglicher waren die triumphierend tücki-
schen Äugelein unserer Pfäffelein, die ihre langen 
Ohren so schlau unter der Kapuze zu verbergen wu-
ßten, daß wir die verderblichsten Kniffe erwarteten. 
Man konnte gar nicht vorher wissen, daß die edlen 
Ritter ihre Pfeile so kläglich verschießen würden und 
meistens anonym oder wenigstens im Davonjagen, 
mit abgewendetem Gesichte, wie fliehende Baschki-
ren. Ebensowenig konnte man vorher wissen, daß die 
Schlangenlist unserer Pfäffelein so zuschanden 
werde - ach! es ist fast Mitleiden erregend, wenn man
sieht, wie schlecht sie ihr bestes Gift zu brauchen wis-
sen, da sie uns, aus Wut, in großen Stücken den Arse-
nik an den Kopf werfen, statt ihn lotweis und liebe-
voll in unsere Suppen zu schütten, wenn man sieht, 
wie sie aus der alten Kinderwäsche die verjährten 
Windeln ihrer Feinde hervorkramen, um Unrat zu 
erschnüffeln, wie sie sogar die Väter ihrer Feinde aus 
dem Grabe hervorwühlen, um nachzusehen, ob sie 
etwa beschnitten waren - O der Toren! die da meinen,
entdeckt zu haben, der Löwe gehöre eigentlich zum 
Katzengeschlecht, und die mit dieser 
naturgeschichtlichen Entdeckung noch so lang 
herumzischen werden, bis die große Katze das ex 
ungue leonem an ihrem eignen Fleische bewährt! O 
der obskuren Wichte, die nicht eher erleuchtet wer-
den, bis sie selbst an der Laterne hängen! Mit den 
Gedärmen eines Esels möchte ich meine Leier besai-
ten, um sie nach Würden zu besingen, die geschore-
nen Dummköpfe!
Eine gewaltige Lust ergreift mich! Während ich 
sitze und schreibe, erklingt Musik unter meinem Fen-
ster, und an dem elegischen Grimm der langgezoge-
nen Melodie erkenne ich jene Marseiller Hymne, 
womit der schöne Barbaroux und seine Gefährten die 
Stadt Paris begrüßten, jener Kuhreigen der Freiheit, 
bei dessen Tönen die Schweizer in den Tuilerien das 
Heimweh bekamen, jener triumphierende Todesge-
sang der Gironde, das alte, süße Wiegenlied -
Welch ein Lied! Es durchschauert mich mit Feuer 
und Freude und entzündet in mir die glühenden Sterne
der Begeisterung und die Raketen des Spottes. Ja, 
diese sollen nicht fehlen, bei dem großen Feuerwerk 
der Zeit. Klingende Flammenströme des Gesanges 
sollen sich ergießen von der Höhe der Freiheitslust, in
kühnen Kaskaden, wie sich der Ganges herabstürzt 
vom Himalaja! Und du, holde Satyra, Tochter der ge-
rechten Themis und des bocksfüßigen Pan, leih mir 
deine Hülfe, du bist ja mütterlicher Seite dem Tita-
nengeschlechte entsprossen und hassest gleich mir die
Feinde deiner Sippschaft, die schwächlichen Usurpa-
toren des Olymps. Leih mir das Schwert deiner Mut-
ter, damit ich sie richte, die verhafte Brut, und gib mir
die Pickelflöte deines Vaters, damit ich sie zu Tode 
pfeife -
Schon hören sie das tödliche Pfeifen, und es er-
greift sie der panische Schrecken, und sie entfliehen 
wieder, in Tiergestalten, wie damals, als wir den Peli-
on stülpten auf den Ossa -

Aux armes, citoyens!

Man tut uns armen Titanen sehr unrecht, als man 
die düstre Wildheit tadelte, womit wir, bei jenem 
Himmelssturm, herauftobten - ach, da unten im Tar-
taros, da war es grauenhaft und dunkel, und da hörten 
wir nur Zerberusgeheul und Kettengeklirr, und es ist 
verzeihlich, wenn wir etwas ungeschlacht erschienen, 
in Vergleichung mit jenen Göttern comme il faut, die 
fein und gesittet, in den heiteren Salons des Olymps, 
soviel lieblichen Nektar und süße Musenkonzerte ge-
nossen.
Ich kann nicht weiterschreiben, denn die Musik 
unter meinem Fenster berauscht mir den Kopf, und 
immer gewaltiger greift herauf der Refrain:

Aux armes, citoyens!


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