Die Macht der Kontraste
Heinrich Heines "Briefe aus Berlin"

Zusammenfassung der Magisterarbeit
von
Marita Salewski-Belkaid
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Original:http://www.comm-online.de/ep98/MSB/pages/magisterarbeit.htm
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"Alle Dinge sind uns ja nur durch ihren Gegensatz erkennbar, es gäbe für uns gar keine Poesie, wenn wir nicht überall auch das Gemeine und Triviale sehen könnten, wir selber erkennen unser eigenes Wesen nur dadurch daß uns das fremdartige Wesen eines andern Menschen bemerkbar wird und zur Vergleichung dient.„

Heinrich Heine in einem Brief an Immermann vom 10. Juni 1823

Einleitung

Heinrich Heine hat die „Briefe aus Berlin„ 1822 als eine Artikelserie für den „Rheinisch-Westfälischen Anzeiger„ (RWA) in seinem damaligen Studienort Berlin verfaßt. Über diese erste literarische Prosa Heines gibt es in der Sekundärliteratur nur sehr wenige ausführliche Auseinandersetzungen, da sie auch heute oft als marginal, unästhetisch und unbedeutend abgetan werden oder noch immer weitgehend unbekannt sind.

Die hier vorliegende Arbeit geht davon aus, daß die bisherige Forschung die Möglichkeiten der Interpretation der drei Artikel nicht ausgeschöpft hat und daß sich bei genauerer Analyse tiefgreifendere Erkenntnisse über Heines ästhetische wie auch politische und religiöse Einstellungen gewinnen lassen.

Häufig ergeben sich Hinweise nur in sehr kleinen, äußerst komprimierten Werkeinheiten, die von Heine bewußt so konstruiert wurden, daß sie durch ihre Stellung oder den Inhalt einen Kontrast erzeugen, der die Aufmerksamkeit auf bestimmte Sachverhalte lenkt, an deren Erkenntnis ihm besonders gelegen war. Der Vergleich von sich widersprechenden Möglichkeiten oder Tatsachen soll den Leser zu eigenen Gedanken und zum Suchen nach Lösungen anregen, die von Heine meist schon angedeutet werden.

Diese Kontraste sollen hier eingehender als bisher geschehen untersucht und in größere Zusammenhänge gestellt werden.

Besonderes Augenmerk gilt dabei, nach einer Betrachtung von Entstehung, Form, Aufbau und Inhalt, der Rolle von Frankreich und der Französischen Revolution sowie der Auseinandersetzung Heines mit der zeitgenössischen Literatur. Einen weiteren Untersuchungsgegenstand bildet die Lutherrezeption in den drei Korrespondenzartikeln.

Im Text und den Anmerkungen dieser Arbeit wird häufig auf Parallelstellen in anderen Schriften Heines verwiesen, um zum einen auf die Kontinuität in seinem Werk hinzudeuten und zum anderen die schon in den „Briefen aus Berlin„ vorhandenen ästhetischen und inhaltlichen Grundpositionen zu unterstreichen.

Textgestaltung und literarische Stilmittel

Heine entwirft in den drei Artikeln ein Bild vom gesellschaftlichen Leben Berlins und entwickelt dabei eine Verbindung von journalistischem und literarischem Schreiben, das zum einen die Tagesereignisse darstellt, zum anderen aber an ihnen exemplarisch bis zu den Wurzeln der Gesellschaft und des menschlichen Seins vordringt und das Wesentliche, den „Geist„ der Erscheinungen erfaßt.
Dieses Ziel erreicht er durch eine besondere Textgestaltung und durch die Verwendung von ausgewählten Stilmitteln, die die Leser sensibel machen für das Uneigentliche und die Doppeldeutigkeit der vordergründigen Aussagen.
Heine leitet in den „Briefen„ regelrecht ein in ein Textverständnis, das von der Fragwürdigkeit des Beschriebenen ausgeht. So kann er durch Ironie, die „Assoziation von Ideen„, Andeutungen und andere Mittel der Rhetorik zum einen den Schein der Dinge durchbrechen und zu ihren wahren Hintergründen vordringen und zum anderen die strengen Zensurbedingungen seiner Zeit umgehen. Schon hier benutzt er also seine Schreibweise als „Schmuggelinstrument„. Das hat den weiteren Vorteil, daß der Leser angeregt wird mitzudenken und der Text an Witzigkeit und Unterhaltungswert gewinnt.
Der sprachlichen Form Heines kommt eine bedeutende Rolle zu, da er einen ausgeprägten Begriff von ästhetischer Theorie hatte. Die Angemessenheit der Form und der richtige Ausdruck sind unabdingbar für die Vermittlung von Inhalten.

Das Mittel des Kontrastes

Häufig finden sich in den drei Korrespondenzartikeln Kontraste, z.B. der zeitlichen ( schlechte Gegenwart – gute Vergangenheit ) und der räumlichen Gegenüberstellung ( ernstes Abendland – heiterer Orient ) und der von Personen. Der Zweck dieser Kontrastierungen liegt darin, das Hier und Jetzt mit anderen Augen zu betrachten und einen neuen Blickwinkel zu bekommen. Der Vergleich mit anderen Möglichkeiten führt zur Bewußtmachung und kritischen Überprüfung der eigenen Situation und regt den Wunsch nach Veränderung an.
Heine verteidigt in den „Briefen aus Berlin„ seine bewußte Namensnennung ( was auch später in bezug auf seine Personalsatire häufig ein Kritikpunkt an ihm bleibt ), denn die Namen stehen immer für größere Zusammenhänge und die Personen sind Repräsentanten einer Idee oder eines Prinzips.

Frankreich und die Französische Revolution

Die zahlreichen Bezüge zu Frankreich und der Französischen Revolution ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamten „Briefe„. Sie dienen gleichsam als Kontrastfolie für die rückständige, deutschnationale Wirklichkeit Berlins und der deutschen Bundesstaaten insgesamt.
In der fiktiven Begebenheit eines Maskenballs geht Heine so weit, daß er die Losung der Französischen Revolution von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit„ mit den Begriffen von Gott, Religion und Bibel sowie der Liebe und Erotik verschmelzt und als wahrhaften Ausdruck seiner Seele beschreibt. Heine entwickelt schon hier eine neue Religion, die „Religion der Freude„, die er als Gegensatz aufbaut zur Religion der Deutschnationalen, die Deutschland als auserwähltes Volk betrachteten und Paris als „welsches Babel„ bezeichneten. Im Zuge der Befreiungskriege gegen die Revolutionstruppen Napoleons galten ihnen nur deutsche Frömmigkeit, Liebe und Glaube. Wenn Heine auch noch in weiteren Stellen der Korrespondezartikel diese Werte durch seine Frivolität ins Lächerliche umkehrt, so setzt er sich damit für eine befreite Sinnlichkeit ohne unterdrückende, idealisierende und tabuisierende Moralvorstellungen ein. Übrigens hat Freud, ein großer Heinekenner, vom „psychischen Machtfaktor„ des Witzes gesprochen, der als „Hilfe ... gegen die Unterdrückung„ dient.
In der Verknüpfung von menschheitsgeschichtlichen Entwicklungen wie der des Urchristentums mit seinen unverfälschten Inhalten, den Idealen der Französischen Revolution und einer befreiten Sinnlichkeit entwirft Heine eine Zukunftsperspektive im Kampf gegen die restaurative Wirklichkeit seiner eigenen Zeit.

Die Rolle der Literatur

Zum einen finden sich in den „Briefen„ zahlreiche Anspielungen auf die unterdrückenden Maßnahmen der Zensur, die fortschrittliche Bewegungen unterdrückte ( z.B. gegen den liberalen Brockhausverlag, Hoffmanns „Meister Floh„, Kleists „Prinz von Homburg„, politische und erotische Inhalte in den Leihbibliotheken).
Zum anderen findet eine Auseinandersetzung statt mit qualitativ hochwertiger Literatur, die aber keine direkten Auswirkungen auf die bestehenden Verhältnisse anstrebte. Hierbei handelt es sich insbesondere um Goethe und die Romantik.
Heine kritisiert nie Goethes Kunst, die er zeit seines Lebens schätzt, sondern seine Abgewandheit von den Entwicklungsinteressen der gesamten Menschheit in konkret-historischer Situation. Objektivität, Lebensgenuß und Veredelung des Einzelnen in der Kunst standen ihm näher als gesellschaftliche Ziele.
Durch Bezüge zu Rousseau und Byron entwickelt Heine den Gegensatz von objektiver, neutraler Beschreibung und subjektiver Betroffenheit und Parteinahme. Goethe wird in seiner Größe anerkannt aber als Greis beschrieben, nach dessen Ende eine neue Zeit, eine neue Literatur mit neuen Ideen folgt.

Des weiteren kontrastiert Heine die „wahre„ Romantik des Mittelalters mit der zeitgenössischen Romantik, die durch ihre Zuwendung zur Vergangenheit die Gegenwart diskreditiert. Sie verschließt sich den modernen widersprüchlichen Bestrebungen der Zeit und läßt sich vereinnahmen durch restaurative Tendenzen. Heine verurteilt die romantische Literatur dort, wo sie mit aristokratischen, klerikalen uns deutschtümelnden Bestrebungen gemeinsame Sache ,macht und sich den fortschrittlichen Umwandlungen entgegenstellt.
Im Sinne einer wahren Romantik bedient sich Heine selbst auch zeit seines Lebens literarischer Mittel, die in Anlehnung an Märchen, Sagen, Träume und Volkslieder Visionen einer glücklichen Welt aufzeigen. Allerdings benutzt er sie , um dem Menschen die potentiellen Möglichkeiten ihres Lebens in Freiheit, Liebe und Solidarität aufzuzeigen und sie zur Verwirklichung dieser Ziele zu ermuntern.
Heine geht in den „Briefen aus Berlin„ auf beide Arten der Romantik ein und es finden sich zahlreiche Parallelen zu den späteren Schriften „Die Nordsee„ und „Die Romantische Schule„.

Die Durchdringung von Poesie und Prosa

Die „Briefe aus Berlin„ sind Prosa, doch findet man in ihnen zahlreiche poetische Passagen und Bezüge zur Poesie früherer, von Heine geschätzter Schriftsteller (Byron, Schiller, Milton ). Außerdem wird Heine selbst in ihnen ab und zu poetisch. So wie Heines Lyrik durch den Bezug zur Realität und Banalität gebrochen ist, so ist auch diese frühe Prosa durchdrungen von poetischen Bildern, so daß schon hier zu erkennen ist, worauf es Heine in seiner Literatur ankommt: den Menschen als ganzheitliches Wesen zu betrachten, das sowohl durch seine Sinne als auch durch seine Vernunft, durch seine Gefühle und seine Seele bestimmt ist. Solch eine Haltung kommt nicht in die Gefahr, idealistisch zu verklären noch materialistische Werte überzubetonen, sondern ermöglicht es zum Wesentlichen der Dinge vorzudringen.

Heines Lutherrezeption in den „Briefen„

Heine verweist durch Andeutungen und Zitate auf Luthers reformatorisches Werk und seine Standhaftigkeit gegen die weltlichen Autoritäten des Papstes, des Konzils und des Kaisers sowie der Fürsten, die ihre Macht nicht in den Dienst der Volksinteressen und der Heiligen Schrift stellten, sondern für eigene Vorteile ausnutzten.
In diesem Sinne stellt sich Heine in die Nachfolge Luthers als Kämpfer für die Rechtfertigung von Macht und Wahrheit allein durch die Bibel und die Vernunft.
Auch in diesem Punkt verweisen die „Briefe aus Berlin„ auf ein viel später entstandenes Werk Heines, nämlich auf die „Geschichte zur Religion und Philosophie in Deutschland„, in dem veseutend ausführlicher aver im Kern gleichbleibend auf Luther eingegangen wird.

Abschließend sei hier nun noch der letzte Teil meines Schlußkapitels zitiert:

„... Neben der Französischen Revolution und dem Urchristentum nehmen vor allem Lesssing und Luther eine bedeutende Stellung in der deutschen Geschichte ein und dienen in den Korrespondenzartikeln als Kontraste zur trüben Gegenwart.
Die zahlreichen Parallelen zu späteren Schriften belegen, daß Heine weder in der Mitte noch zum Ende der zwanziger Jahre eine „große Umbruchsphase„ ( vgl. Walter, Peter: Heinrich Heines Frühwerk im Spannungsfeld von Deutschnationalismus und Judentum. Diss. Salzburg 1988, S.436) durchmachte und seine Urteile über Romantik und Politik revidierte ( vgl. Düsseldorfer Heine-Ausgabe, DHA: Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Hrsg. Manfred Windfuhr, Hamburg 1973ff., Band 8/2, S.1045), sondern daß seine Ansichten schon 1822 relativ klar umrissen waren, so daß man Heine Glauben schenken kann, wenn er im Nachwort zum „Romanzero„ behauptet:

Was mich betrifft, so kann ich mich in der Politik keines sonderlichen Fortschritts rühmen; ich verharrte bei denselben demokratischen Prinzipien, denen meine früheste Jugend huldigte und für die ich seitdem immer flammender erglühte.

Wenn Futterknecht auf die Frage nach der Modernität Heines und seiner Relevanz für die Orientierung in der Gegenwart fordert, daß „man sich sowohl denkformal als auch auch denkinhaltlich von den Illusionen Heines„ (Futterknecht, Franz: Heinrich Heine. Ein Versuch. Tübingen 1985, S. 295) freimachen sollte, so hat die hier vorliegende Arbeit zum Ziel gehabt, Heines Verständnis von menschlicher Gesellschaft und der Rolle der Literatur nachzuvollziehen, seine freiheitlichen und demokratischen Wurzeln und Traditionen aufzuzeigen und in seiner nach wie vor gültigen Aktualität zu verdeutlichen.„