Modernität bei Heine und Baudelaire

Christine Beirnaert

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5. Heines Modernität

5.1. Am Beispiel des Gedichts " Mein Herz, mein Herz ist traurig"

MEIN HERZ, MEIN HERZ IST TRAURIG

Mein Herz, mein Herz ist traurig,
Doch lustig leuchtet der Mai;
Ich stehe, gelehnt an der Linde,
Hoch auf der alten Bastei.

Da drunten fließt der blaue
Stadtgraben in stiller Ruh';
Ein Knabe fährt im Kahne,
Und angelt und pfeift dazu.

Jenseits erheben sich freundlich,
In winziger, bunter Gestalt,
Lusthäuser, und Gärten, und Menschen,
Und Ochsen, und Wiesen, und Wald.

Die Mägde bleichen Wäsche,
Und springen im Gras 'herum;
Das Mühlrad stäubt Diamanten,
Ich höre sein fernes Gesumm'.

Am alten grauen Turme
Ein Schilderhäuschen steht;
Ein rotgeröckter Bursche
Dort auf und nieder geht.

Er spielt mit seiner Flinte,
Die funkelt im Sonnenrot,
Er präsentiert und schultert -
Ich wollt', er schösse mich tot.

*

Im Jahre 1824 bei der Veröffentlichung des "Buch[s] der Lieder" war das deutsche Publikum sozusagen "lyrikfreudig" eingestimmt und ergötzte sich förmlich an der spätromantischen Sensibilität. Im dritten "Heimkehr"-Gedicht kommt Heine zunächst (Verse 1 und 2) anscheinend der Erwartungshaltung der Leser entgegen. In Anlehnung an das Loreley-Gedicht markiert das lyrische Ich aber ab dem dritten und vierten Vers seine Abkehr von der romantischen Idylle: eher nüchtern erscheint der Stadtgraben im Vergleich zum blauen Fluß der "Loreley".

Das Gesellschaftliche dringt in die Poesie ein: der Kahn, die Mägde, das Schilderhäuschen bekommen ihre Nutzungsfunktion zugewiesen. Das lyrische Ich bleibt jedoch seiner Umwelt fremd. So wie es die Verklärung der Natur als Lüge empfindet, so distanziert es sich auch von jedem Nützlichkeitsdenken.

Mit der kontrastiven und parataktisch konstruierten Aufzählung (Verse 11 und 12) und die unmittelbare Verbindung von Ochs' und Mensch drückt Heine aus, daß die Aufgabe der Poesie in der Reflexion der Realität zu liegen hat, auch wenn sie unschön ist, was Heine durch die illusionslose Abkehr von der harmonischen Poesie zu erkennen gibt. Das Nebeneinander der Naturbeschreibung wie der paradoxen Reihenfolge erzeugt eine Dissonanz, die nur als absichtliche Provokation verstanden werden kann.

Den Höhepunkt der gewollten Desillusionierung setzt Heine mit der Schlußpointe "Ich wollt', er schösse mich tot." Die hie und da klischeehaften romantischen Bilder "Die Mägde [...] springen im Gras herum / Das Mühlrad stäubt Diamanten" / "Die [Flinte] funkelt im Sonnenrot" werden abrupt zerstört. Durch diesen poetischen Brechungseffekt, den Heine im "Buch der Lieder" unzählige Male als anti-romantisches Verfahren einsetzt, kann er die Sehnsucht nach einer harmonischen Welt und deren poetischer Übertragung einlösen und zugleich die Konfrontation mit dem neuen Bild einer zerrissenen Welt aufzeigen, wobei er paradoxerweise eine Deadline zieht, um nicht seinen schmerzlichen Gemütsausbrüchen zu erliegen.

Die romantischen Bilder einerseits und die sich andeutenden Zeichen einer von Nützlichkeit geprägten modernen Welt andererseits erzeugen zwangsläufig den Widerspruch, den das Gedicht in Form und Inhalt zeigt.

5.2. Am Beispiel des Gedichts " Walküren "

WALKÜREN

Unten Schlacht. Doch oben schossen
Durch die Luft und Wolkenrossen
Drei Walküren, und es klang
Schilderklirrend ihr Gesang:

Fürsten hadern, Völker streiten,
Jeder will die Macht erbeuten;
Herrschaft ist das höchste Gut,
Höchste Tugend ist der Mut.

Heisa! vor dem Tod beschützen
Keine stolzen Eisenmützen,
Und das Heldenblut zerrinnt
Und der schlechtre Mann gewinnt.

Lorbeerkränze, Siegesbogen!
Morgen kommt er eingezogen,
Der den Bessern überwand
Und gewonnen Leut' und Land.

Bürgermeister und Senator
Holen ein den Triumphator,
Tragen ihm die Schlüssel vor,
Und der Zug geht durch das Tor.

Hei! da böllert's von den Wällen,
Zinken und Trompeten gellen,
Glockenklang erfüllt die Luft,
Und der Pöbel Vivat! ruft.

Lächelnd stehen auf Balkonen
Schöne Frau'n, und Blumenkronen
Werfen sie dem Sieger zu,
Dieser grüßt mit stolzer Ruh.

*

Im Zyklus "Romanzero" greift Heine auf die in Spanien im Mittelalter aufgekommene Tradition der Romanzen zurück, sprengt sie aber sofort, indem er sie zeitkritisch umfunktioniert. Das Gedicht "Waldeinsamkeit", in dem durch den Bezug auf eine Legende die Aufarbeitung der eigenen Geschichte möglich wird, eröffnet den Zyklus, der aus elf "Historien" besteht. Sie schildern eine Weltgeschichte, in der der Zusammenhang von Aufstieg und Untergang, von Kampf und Tod, mit schmerzlichen Humor thematisiert wird. Diese Thematik wird in der ersten Strophe der "Walküren" überaus gewaltsam eingeführt. Die Walküren, martialisch angekündigt ("Schlacht", "schossen", Wolkenrossen", "Schilderklirrend"), geben der politischen Situation entsprechend den Ernst wie das Motto des Gedichts und des "Romanzero" vor:

"Und das Heldenblut zerrinnt/
Und der Schlechtre Mann gewinnt",

womit Heine Homers "Ilias" aktualisiert:

"All' die Guten sind gefallen.
Nur Thersites kehrt zurück"
("Ilias", Homer, 2, 12-14,
Übersetzung von J.H.Voß).

Dieses Motiv wird in der folgenden Erzählung "Schlacht bei Hastings" anschaulich ausgeführt:

"Gefallen ist der beßre Mann
Es siegte der Bankert, der Schlechte!
Gewappnete Diebe verteilen das Land
Und machen den Freiling zum Knechte."

Die Wiederkehr des Schlechten deutet auf das Scheitern der Märzrevolution von 1848 (Der "Romanzero" entstand zwischen 1848 und 1851) und dessen Folgen die Kontinuität der Restauration und die Zerschlagung der Hoffnung des Vormärz.

Rezitativ klingt die zweite Strophe: die Walküren erklären stichwortartig, d.h. nüchtern, den ewigen Kampf um die Macht . Die dritte und vierte Strophe beschreibt den Einmarsch des Siegers ins eroberte Land; damit wird die Machtergreifung durch den jeweils "Schlechteren" zum historischen Gesetz erklärt. Das Lautmalerische in der folgenden Strophe läßt einen den Jubel zu Ehren des "Triumphators" nachempfinden und die auch akustisch überaus hart klingenden Wörter (Verse 21, 22 und 23) kontrastieren bewußt mit dem weichen, aber zugleich sarkastisch konnotierten Ton der letzten Strophe, der den Glaubenseifer des Pöbels verspottet. Er läßt wiederum die schnelle Anpassung der Masse an die neue/alte politische Ordnung erkennen. Der Schlußvers evoziert durch die Formulierung "stolze Ruhe" das Gefühl der Friedhofsruhe.

Die Einbettung des Politischen in die Balladenform dient der Charakterisierung der "Historien", die das Weltbild des Nachmärz mit seinen zerstörten Hoffnungen und geplatzten Illusionen nachzeichnet. "Walküren" ist einerseits politische Agitation, weil es den deutschen Michel aus seiner Lethargie aufrütteln will, andererseits ist es reines Gedicht aufgrund des ästhetischen Modus der Aussage. Der schwarze Humor, dessen Heine sich bedient, erweist sich in der Unmöglichkeit, "den Zusammenhang der geschichtlichen Wirklichkeit als einen in sich vernünftigen darzustellen" /32/. Daher die Verschränkung des Politischen und des Humors, die innerhalb einer Strophe (Strophe 2) die gewünschte Dissonanz erzeugt. Die Walküren, die ursprünglich unter den Gefallenen die Helden auswählten, besingen ironischerweise den Triumph des Schlechten, also der Restauration.

Diesen konstruierten Widerspruch deckt der Humor auf, aus dem aber keine Heiterkeit entspringt, womit Heine sich und seinen Lesern die einzige ihm verbleibende Strategie am Lebensende eingesteht.

32 Zit. nach H. P. Bayerdörfer, Heines Historien, S. 460

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