1.1. Die Literaturentwicklung in Frankreich
Von der zunehmend konservativen Gesellschaftsordnung der Julimonarchie und
deren wirtschaftlicher Zuspitzung nach der Julirevolution enttäuscht,
reagieren die zunächst für die Ziele der französischen Revolution von
1789 engagierten Romantiker mit resignativer Absage an die Gesellschaft.
Erst mit der Generation, die nach 1840 die Literaturszene betritt, löst
sich die gesellschaftsabgewandte "L'art pour l'art"-Haltung auf:
aufgrund der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, gestützt
auf die schon um 1830 entwickelten Thesen der Saint-Simonisten, bahnen sich
ästhetische Alternativen ihren Weg, welche die Harmonisierung der
gesellschaftlichen Widersprüche ablehnen und so ein neues Verständnis von
der Aufgabe der Literatur erschließen. Balzacs "Poésie du Mal"
problematisiert die durch die Industrialisierung herbeigeführte
Umbruchsituation der 40er Jahre und stellt dabei die in den 30er Jahren
herrschende Ästhetik infrage, indem sie die wirklichen Vorgänge des
gesellschaftlichen Lebens und dessen Widersprüche in realistischer Manier
gestaltet /1/. Die Unordnung, das Chaos, gelten von nun an endgültig als
ästhetisch darstellbar, nachdem Diderot schon Mitte des 18. Jahrhunderts
sie in seiner Enzyklopädie als mögliche Kunstauffassung angedeutet hatte
/2/.
Den wirklichen Durchbruch zu dieser "modernen" Kunsttheorie
hatte die "Querelle des Anciens et des modernes" an der Wende der
Aufklärung möglich gemacht, als man sich eingestehen konnte, daß die
Kunst jeder Epoche aufgrund des Wandels der Regierungsformen, der Sitten und
anderer geschichtlich bedingter Erscheinungen nicht mit demselben Maßstab
gemessen werden darf /3/.
Mit Anbruch der bürgerlich-kapitalistischen Zeit und den daraus
resultierenden politischen und sozialen Strukturveränderungen ändert sich
so bei den Schriftstellern, die die neue Wirklichkeit und den historischen
Bruch bewußt wahrnehmen, auch ihr Verhältnis zum Schönen.
1. Vgl. Stenzel, Historischer Ort Baudelaires, S. 75
2. Vgl. Diderot, Enzyklopädie, S. 178
3. Vgl. Jauß, Literaturgeschichte als Provokation, S.33
1.2. Die Literaturentwicklung in Deutschland
1832, im Todesjahr Goethes, herrscht in Deutschland noch weitgehend eine
aristokratisch-feudalistische Kultur, die "auf der höchsten
Durchbildung des Individuums beruhte" /4/; entsprechend ist diese,
durch politischen Stillstand gekennzeichnete Literaturperiode von Goethes
Kunstkonzeption der künstlerischen Perfektion geprägt. Was nicht heißt,
daß ihm das Bewußtsein einer kommenden literarisch-ästhetischen Wende
gefehlt hätte. So schreibt Goethe 1830 in einen Brief an seinen Freund
Zelter:
"Es stehen zwey Partheyen gegen einander, zwey Vor-
stellungsarten, die sich im Einzelnen bestreiten,
weil sie sich im ganzen beseitigen möchten. Wir kämp-
fen für die Vollkommenheit eines Kunstwerks, in und
an sich selbst, jene denken an dessen Wirkung nach
außen, um welche sich der wahre Künstler gar nicht
bekümmert" /5/.
Gemeint sind der Protest des "Jungen Deutschland" gegen die
Autorität der klassischen Ästhetik, die Abkehr von der romantischen
Kunstkonzeption, welche das Verhältnis zur Realität nicht über die
Gegenwart sucht, sowie der historische Befund der Hegelschen
Kunstphilosophie, wonach die Mittel der Kunst nicht mehr in der Lage sind,
den bürgerlich und gesellschaftlich geprägten Weltzustand darzustellen.
Die Gleichzeitigkeit sich einander ähnelnder literarisch-ästhetischer
Erscheinungen sind nicht allein der deutschen oder französischen
Nationalliteratur eigen, sondern überhaupt als Tendenzen einer
Epochenwende, Ausdruck des Aufbruchs einer neuen Welt und deren aus dem
Spannungsverhältnis zwischen oppositionellen und herrschenden Teilen des
Bürgertums einerseits und aus der Entwicklung des Proletariats entstandenen
Widersprüchen andererseits. In der Folge zeichnen sich literarische
Erscheinungen ab, die mit dem Primat der klassischen Ästhetik brechen und
sich der aktuellen Geschichte und Zeitbewegung öffnen.
4. Vgl. Windfuhr, H. Heines Modernität, S. 448
5. Vgl. ebd., S. 446