Die "Harzreise"
oder
Die Angst der Geisteswissenschaftler vor der Gegenwart

Ein Kommentar von Marcus Meier

1. Wen interessiert der Harz?

Der Harz? Ist das nicht dieses Gebirge im Süden? Oder war´s im Westen? Toll, toll, vielleicht mach ich dort mal irgendwann Urlaub (...wenn´s für Australien nicht mehr reicht). Oder wenn Naherholung für die Familie ansteht, später. Als Germanist und Tourist schau ich mir eventuell die Sehenswürdigkeiten an, Freizeit muß schließlich gefüllt werden. Und das Heine dort irgendwann herumgelaufen ist, na ja, der Mann konnte doch nicht ständig allein in Düsseldorf oder Hamburg sein. Vor lauter Großstädten, die damals eher Dörfer glichen, zog es den abgespannten Studenten zwangsläufig in die freie Natur, die so frei nun auch nicht mehr gewesen ist, um ein wenig über andere zu lästern und dies mit einem Urlaub zu verbinden.

2. Wen interessiert die Harzreise?

Der gemeine, bücherlesende Mensch hat Kundera im Regal stehen oder King oder Gaarders "Sophies Welt" oder Böll, noch aus der Schulzeit, vielleicht auch Grisham, mit dem Buchrücken zur Wand, oder Konsalik, wenn´s denn sein muß. Aber hat irgendwer aus ganz persönlichem Interesse, wenn er nicht gerade Germanistik studiert, daran gedacht, ein Buch von Heine oder viele Bücher von Heine zu kaufen? Um das zu konstatieren: Die Bildungsideale des 19. Jahrhunderts sind im Eimer. Statt in die Bibliothek geht man eben in die Videothek. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Man geht halt mit der Technik. Wenn diese Technik nun auch die Inhalte transportieren würde, die Bildungsbürger sich wünschen, wäre dagegen nichts einzuwenden. Der Zuschauer aber verlangt nach dem, was er light: Unterhaltung. Die Harzreise ist also mehr für Fachpersonal existent. Dazu ein Zitat aus der Sekundärliteratur, geschrieben von Klaus Pabel (erstes Kapitel, erster Satz):

Die Entwicklung der neueren Ästhetik von der Mitte des 18. Jahrhunderts über ihren Höhepunkt im klassischen Idealismus und bei Hegel bis zu ihrem Abgang bei Vischer kann als paradigmatischer Versuch begriffen werden, die geschichtlichen Widersprüche des Bürgertums zwischen Allgemeinheit und Partikularität, Universalität und Besonderheit, Objektivität und Interesse, Natur und Geschichte, Freiheit und Notwendigkeit, Gattung und Individuum auf nicht-politische Weise in Begriffen der Kunstproduktion und der Kunstrezeption zu lösen.[1]

Verstanden? Solche Sätze muß man oft und mit Ausdauer lesen. Ein beliebter Sport der Sekundärliteraten ist es, Schachtelsätze zu bauen, Fremdwörter zu benutzen, Sinn, insofern verhanden, zu entstellen, damit niemand weiß, was gesagt wird, damit es objektiv wirkt, damit sich der Sekundärliterat profilieren kann und zeigen, daß er einer geistigen Elite angehört, die sich selbst in den Himmel lobt. Heine hingegen hat, weswegen er vielleicht auch so beliebt geworden ist, den Weg des einfachen Ausdrucks gewählt. Zwar hat die Zeit das Verständnis zu einigen Sachverhalten verstellt, wie den Stellenwert bestimmter Personen, über die zu Heines Zeit geredet wurde, aber der Großteil kann bequem gelesen werden. Heine verbindet Aussage mit Unterhaltung.

3. Die Harzreise

Hierbei handelt es sich, wenn man Herrn Kindler und Frau Harenberg Glauben schenkt, um einen Reisebericht, der 1826 zensiert in der Berliner Zeitschrift "Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz" erschienen ist und im gleichen Jahr als erster Teil der "Reisebilder" in Hamburg veröffentlicht wurde. Durch dieses Werk wurde Heine populär, wobei fraglich ist, bei wem, denn ein nicht geringer Teil der Bevölkerung bestand aus Analphabeten. Die Harzreise schildert seine Fußreise, von Göttingen ausgehend, durch den Harz, und führt im September und Oktober 1824 über Northeim, Osterode, Clausthal und Goslar zum Brocken ins Ilsetal. Wobei fraglich ist, wie Heine das alles geschafft hat, traf er doch noch am 2. Oktober 1824 auf Goethe. Lesenswert ist der Brief, den Heine an Gothe sandte und den ich hier anführen möchte.

"Ew. Exzellenz bitte ich, mir das Glück zu gewähren, einige Minuten vor ihnen zu stehen. Ich will gar nicht beschwerlich fallen, will nur ihre Hand küssen und wieder fortgehen. Ich heiße H. Heine, bin Rheinländer, verweile seit kurzem in Göttingen und lebte vorher einige Jahre in Berlin, wo ich mit mehreren Ihrer alten Bekannten und Verehrer (dem sel. Wolf, Varnhagens & c.) und Sie täglich mehr lieben lernte. Ich bin auch ein Poet und war so frey, ihnen vor drey Jahren meine "Gedichte" und vor anderthalb Jahren meine "Tragödien" nebst einem lyrischen Intermezzo (Ratcliff und Almansor) zuzusenden. Außerdem bin ich auch krank, machte deshalb auch vor drey Wochen eine Gesundheitsreise nach dem Harze, und auf dem Brocken ergriff mich das Verlangen, zur Verehrung Göthes nach Weimar zu pilgern. Im wahren Sinne des Wortes bin ich nun hergepilgert, nemlich zu Fuße und in verwitterten Kleidern, und erwarte die Gewährung meiner Bitte, und verharre mit Begeisterung und Ergebenheit H. Heine."[2]

Über die Begegnung ist wenig bekannt. Goethe schrieb lediglich "Heine von Göttingen" in sein Tagebuch und Heine umhüllte sich mit Schweigen.

Später berichtete er vielgestaltig über den Besuch. In Briefen an Freunde berichtete er, von Goethe sei nur noch das Gebäude übrig, er sei ein zahnloser Greis mit gelblicher, mumienartiger Haut. Heine hatte sich überlegt, was er alles sagen wollte, erzählte dann doch lediglich, daß die sächsischen Pflaumen gut schmeckten, worüber er sich selber später wunderte, nebensächliches gesagt zu haben. Auf die Frage Goethes, welcher Art seine Geschäfte in Weimar seien, antwortete Heine, er wolle einen neuen Faust schreiben, seine Geschäfte seien beendet, da er über Goethes Schwelle getreten sei. In einer späteren Behandlung des Besuches verglich er Goethe mit einem Gott. Das Treffen wird nicht in der Harzreise thematisiert. Dagegen beschreibt er das Aufeinandertreffen verschiedener, anderer Personen, die sich später wiedererkannten und dies entweder belustigt kommentierten oder Heine auf offener Straße tätlich angingen. So wanderte Heine ein Stück mit einem Handlungsreisenden namens Karl Dörne, wobei sich Heine als Gesandter des türkischen Kaisers ausgab, der Soldaten rekrutieren wolle und prompt den leicht angetrunkenen Dörne fragte, ob dieser nicht interessiert sei. Dörne erkannte den Witz und gab sich seinerseits als Schneidergeselle aus, was widerrum nicht von Heine erkannt wurde. Desweiteren läßt sich Heine in der Harzreise über das muffige Spießertum der deutschen Gelehrtenschaft aus. Im Allgemeinen ergeben sich drei Schwerpunkte in der Harzreise:

1. Natur 2. Wissenschaft 3. Gesellschaft

Heine setzt das Egalitätsprinzip, das aus der französischen Revolution erwachsen ist, gegen die feudal-aristokratischen Formen in Deutschland („Alle Menschen, gleich geboren,/ sind ein adliges Geschlecht"). Wobei noch fraglich ist, inwiefern Heine selbst daran geglaubt hat. Sah er, der das eigene Ego oft in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellte, sich denn nicht selbst geradezu als geistigen Adel an?- Die Wissenschaft sieht er nicht den Menschen dienend, sondern sie versklavend. Heine ist ein Gesellschaftskritiker, der auf geistigem Wege versucht zu verändern. Die Handlungen, die er vollzieht, finden in seinem Kopf statt. Er stellt sich dem „Praktiker" Goethe entgegen, der nicht nur schrieb, sondern sich auch der Wissenschaft widmete und der Politik, u. a. als Minister. Heine hingegen erscheint als realistischer Träumer. Es muß betont werden, die Werke nicht überzubewerten im Hinblick auf die Gegenwart. Die Strukturen, die Heine kritisiert hatte, sind längst verschwunden, ebenso die beschriebenen Menschen. Zurück bleibt Geschichte. Es mag einen ästhetischen oder humorvollen Anreiz haben, Werke des Spötters und Dichters Heine zu lesen, aber sind Situationen auf unsere heutige Lage übertragbar? Sicherlich, die Türken sind immer noch Militaristen, die Gelehrtenschaft verschafft uns auch heute noch teilweise viel Muff in den Universitäten, doch wenn Tutoren und Dozenten leuchtende Augen angesichts von Werken bekommen, die überholte Strukturen beschreiben, muß da nicht irgendwo ein Warnlämpchen aufblinken? Sind die Texte nicht inzwischen eingefrorene Denkmäler, reizvoll, aber überholt? Was macht ihren besonderen Reiz aus? Werfen wir dafür einen Blick auf die Gegenwart. Wir haben (Stand 1/97) 4,1 Millionen Arbeitslose, Tendenz steigend, die Alterspyramide ist keine mehr, die Kriminalität steigt, die Depression gallopiert, und Dozenten bekommen leuchtende Augen bei dem „frechen" und witzigen und politischen Heine. Sind literarische Texte, die eine Änderung der „winterlichen" Situation zwischen 1825 und 1850 forderten, so weit pervertiert worden, daß sie als Fluchtliteratur dienen, um sich nicht um die gegenwärtige Lage kümmern zu müssen? Heine statt Heyne? Machen wir uns dafür erst einmal bewußt, wozu die Germanistik dient. Schriftsteller formulieren Geschichten und Gedichte, mit denen sie gegenwärtige persönliche oder gesellschaftliche Positionen fixieren. Wissenschaftler, Kritiker und Zielgruppen lesen die Texte oder Gedichte, erstere schreiben eventuell Sekundärlitertur und müssen die Sekundärliteratur anderer Sekundärliteraten lesen, nachdem Kritiker, die sie vielleicht auch sind, bestimmte Werke für gut befunden haben, die, bevor und nachdem die Werke sekundärliterarisert werden, von dem Publikum, eventuell Studenten und Dozenten, gelesen werden dürfen. Dieser in einem Satz beschriebene Zeitraum umfaßt Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte und sorgt zweifelsfrei für eine Menge Arbeitsplätze, in Forschung, Lehre, Schulen, Druckereien, Verlagen, Museen, Werbeagenturen, Reisebüros, im Fernsehen, etc., also sollte man, gerade in diesen Zeiten, nicht daran herummäkeln. Aber wenn dieser Prozeß des Erklärens, Findens und Formulierens nun sehr lange dauert, werden den Studenten einige schwere Brocken in den Magen gelegt, die sie, weil die Texte oft zu Denkmälern geworden sind, unverdaut ausscheiden. Sie werden sozusagen zu Geistesarbeitern an einer längst vollendeten Sache. Aber sollten die Texte, gerade die Texte Heines, nicht eher das Handeln lehren? Und geht das Handeln nicht durch das beliebte, ständige Zurückschauen verloren? Wer nur nach hinten schaut, verliert den Blick nach vorne. Oder ist das etwa Absicht?

Literatur: