Der Doktor Faust
Ein Tanzpoem nebst kuriosen Berichten über
Teufel, Hexen und Dichtkunst
Erläuterungen

Text by Heinrich Heine (1797-1856)

Einleitende Bemerkung | Der Doktor Faust | Erläuterungen

Dear Sir!

Eine leicht begreifliche Zagnis überfiel mich, als 
ich bedachte, daß ich zu meinem Ballette einen Stoff 
gewählt, den bereits unser großer Wolfgang Goethe, 
und gar in seinem größten Meisterwerke, behandelt 
hat. Wäre es aber schon gefährlich genug, bei glei-
chen Mitteln der Darstellung mit einem solchen Dich-
ter zu wetteifern, wieviel halsbrechender müßte das 
Unternehmen sein, wenn man mit ungleichen Waffen 
in die Schranken treten wollte! In der Tat, Wolfgang 
Goethe hatte, um seine Gedanken auszusprechen, das 
ganze Arsenal der redenden Künste zu seiner Verfü-
gung, er gebot über alle Truhen des deutschen 
Sprachschatzes, der so reich ist an ausgeprägten 
Denkworten des Tiefsinus und uralten Naturlauten der
Gemütswelt, Zaubersprüche, die, im Leben längst 
verhallt, gleichsam als Echo in den Reimen des 
Goetheschen Gedichtes widerklingen und des Lesers 
Phantasie so wunderbar aufregen! Wie kümmerlich 
dagegen sind die Mittel, womit ich Ärmster ausgerü-
stet bin, um das, was ich denke und fühle, zur äußern 
Erscheinung zu bringen! Ich wirke nur durch ein mag-
res Libretto, worin ich in aller Kürze andeute, wie 
Tänzer und Tänzerinnen sich gehaben und gebärden 
sollen und wie ich mir dabei die Musik und die Deko-
rationen ungefähr denke. Und dennoch hab ich es ge-
wagt, einen »Doktor Faustus« zu dichten in der Form 
eines Balletts, rivalisierend mit dem großen Wolfgang
Goethe, der mir sogar die Jugendfrische des Stoffes 
vorweggenommen und zur Bearbeitung desselben sein
langes blühendes Götterleben anwenden konnte - 
während mir, dem bekümmerten Kranken, von Ihnen, 
verehrter Freund, nur ein Termin von vier Wochen ge-
stellt ward, binnen welchen ich Ihnen mein Werk lie-
fern mußte.
Die Grenzen meiner Darstellungsmittel konnte ich 
leider nicht überschreiten, aber innerhalb derselben 
habe ich geleistet, was ein braver Mann zu leisten 
vermag, und ich habe wenigstens einem Verdienste 
nachgestrebt, dessen sich Goethe keineswegs rühmen 
darf: in seinem Faustgedichte nämlich vermissen wir 
durchgängig das treue Festhalten an der wirklichen 
Sage, die Ehrfurcht vor ihrem wahrhaftigen Geiste, 
die Pietät für ihre innere Seele, eine Pietät, die der 
Skeptiker des achtzehnten Jahrhunderts (und ein sol-
cher blieb Goethe bis an sein seliges Ende) weder 
empfinden noch begreifen konnte! Er hat sich in die-
ser Beziehung einer Willkür schuldig gemacht, die 
auch ästhetisch verdammenswert war und die sich zu-
letzt an dem Dichter selbst gerächt hat. Ja, die Mängel
seines Gedichts entsprangen aus dieser Versündigung,
denn indem er von der frommen Symmetrie abwich, 
womit die Sage im deutschen Volksbewußtsein lebte, 
konnte er das Werk nach dem neu ersonnenen ungläu-
bigen Bauriß nie ganz ausführen, es ward nie fertig, 
wenn man nicht etwa jenen lendenlahmen zweiten 
Teil des »Faustes«, welcher vierzig Jahre später er-
schien, als die Vollendung des ganzen Poems betrach-
ten will. In diesem zweiten Teile befreit Goethe den 
Nekromanten aus den Krallen des Teufels, er schickt 
ihn nicht zur Hölle, sondern läßt ihn triumphierend 
einziehen ins Himmelreich, unter dem Geleite tanzen-
der Englein, katholischer Amoretten, und das schauer-
liche Teufelsbündnis, das unsern Vätern soviel haar-
sträubendes Entsetzen einflößte, endigt wie eine frivo-
le Farce - ich hätte fast gesagt wie ein Ballett.
Mein Ballett enthält das Wesentlichste der alten 
Sage vom Doktor Faustus, und indem ich ihre Haupt-
momente zu einem dramatischen Ganzen verknüpfte, 
hielt ich mich auch in den Details ganz gewissenhaft 
an den vorhandenen Traditionen, wie ich sie zunächst 
vorfand in den Volksbüchern, die bei uns auf den 
Märkten verkauft werden, und in den Puppenspielen, 
die ich in meiner Kindheit tragieren sah.
Die Volksbücher, die ich hier erwähne, sind kei-
neswegs gleichlautend. Die meisten sind willkürlich 
zusammengestoppelt aus zwei ältern großen Werken 
über Faust, die, nebst den sogenannten »Höllenzwän-
gen«, als die Hauptquellen für die Sage zu betrachten 
sind. Diese Bücher sind in solcher Beziehung zu 
wichtig, als daß ich Ihnen nicht genauere Auskunft 
darüber geben müßte. Das älteste dieser Bücher über 
Faust ist 1587 zu Frankfurt erschienen bei Johann 
Spieß, der es nicht bloß gedruckt, sondern abgefaßt 
zu haben scheint, obgleich er in einer Zueignung an 
seine Gönner sagt, daß er das Manuskript von einem 
Freunde aus Speier erhalten. Dieses alte Frankfurter 
Faustbuch ist weit poetischer, weit tiefsinniger und 
weit symbolischer abgefaßt als das andere Faustbuch, 
welches Georg Rudolf Widmann geschrieben und 
1599 zu Hamburg herausgegeben. Letzteres jedoch 
gelangte zu größerer Verbreitung, vielleicht weil es 
mit homiletischen Betrachtungen durchwässert und 
mit gravitätischen Gelehrsamkeiten gespickt ist. Das 
bessere Buch ward dadurch verdrängt und versank 
schier in Vergessenheit. Beiden Büchern liegt die 
wohlgemeinteste Verwarnung gegen Teufelsbündnis-
se, ein frommer Zweck, zum Grunde. Die dritte 
Hauptquelle der Faustsage, die sogenannten »Höllen-
zwänge«, sind Geisterbeschwörungsbücher, die zum 
Teil in lateinischer, zum Teil in deutscher Sprache ab-
gefaßt und dem Doktor Faust selbst zugeschrieben 
sind. Sie sind sehr wunderlich voneinander abwei-
chend und kursieren auch unter verschiedenen Titeln. 
Der famoseste der »Höllenzwänge« ist »Der Meer-
geist« genannt; seinen Namen flüsterte man nur mit 
Zittern, und das Manuskript lag in den Klosterbiblio-
theken mit einer eisernen Kette angeschlossen. Dieses
Buch ward jedoch durch frevelhafte Indiskretion im 
Jahr 1692 zu Amsterdam bei Holbek in dem Kohlsteg
gedruckt.
Die Volksbücher, welche aus den angegebenen 
Quellen entstanden sind, benutzten auch mitunter ein 
ebenso merkwürdiges Opus über Doktor Fausts zau-
berkundigen Famulus, der Christoph Wagner gehei-
ßen und dessen Abenteuer und Schwänke nicht selten 
seinem berühmten Lehrer zugeschrieben werden. Der 
Verfasser, der sein Werk 1594, angeblich nach einem 
spanischen Originale, herausgab, nennt sich Tolet 
Schotus. Wenn es wirklich aus dem Spanischen über-
setzt, was ich aber bezweifle, so ist hier eine Spur, 
woraus sich die merkwürdige Übereinstimmung der 
Faustsage mit der Sage vom Don Juan ermitteln ließe.
Hat es in der Wirklichkeit jemals einen Faust gege-
ben? Wie manchen andern Wundertäter hat man auch 
den Faust für einen bloßen Mythos erklärt. Ja, es ging
ihm gewissermaßen noch schlimmer: die Polen, die 
unglücklichen Polen, haben ihn als ihren Landsmann 
reklamiert, und sie behaupten, er sei noch heutigenta-
ges bei ihnen bekannt unter dem Namen Twardowski.
Es ist wahr, nach frühesten Nachrichten über Faust 
hat derselbe auf der Universität zu Krakau die Zau-
berkunst studiert, wo sie öffentlich gelehrt ward, als 
freie Wissenschaft, was sehr merkwürdig; es ist auch 
wahr, daß die Polen damals große Hexenmeister ge-
wesen, was sie heutzutage nicht sind; aber unser Dok-
tor Johannes Faustus ist eine so grundehrliche, wahr-
heitliche, tiefsinnig naive, nach dem Wesen der Dinge
lechzende und selbst in der Sinnlichkeit so gelehrte 
Natur, daß er nur eine Fabel oder ein Deutscher sein 
konnte. Es ist aber an seiner Existenz gar nicht zu 
zweifeln, die glaubwürdigsten Personen geben davon 
Kunde, z.B. Johannes Wierus, der das berühmte Buch
über das Hexenwesen geschrieben, dann Philipp Me-
lanchthon, der Waffenbruder Luthers, sowie auch der 
Abt Tritheim, ein großer Gelehrter, welcher ebenfalls 
mit Geheimnissen sich abgab und daher, beiläufig ge-
sagt, vielleicht aus Handwerksneid den Faust herab-
zuwürdigen und ihn als einen unwissenden Markt-
schreier darzustellen suchte. Nach den eben erwähn-
ten Zeugnissen von Wierus und Melanchthon war 
Faust gebürtig aus Kundlingen, einem kleinen 
Städtchen in Schwaben. Beiläufig muß ich hier be-
merken, daß die obenerwähnten Hauptbücher über 
Faust voneinander abweichen in der Angabe seines 
Geburtsorts. Nach der älteren Frankfurter Version ist 
er als eines Bauern Sohn zu Rod bei Weimar geboren.
In der Hamburger Version von Widmann heißt es hin-
gegen: »Faustus ist gebürtig gewesen aus der Graf-
schaft Anhalt, und haben seine Ältern gewohnt in der 
Mark Soltwedel, die waren fromme Bauersleute.«
In einer Denkschrift über den fürtrefflichen und eh-
renfesten Bandwurmdoktor Calmonius, womit ich 
mich jetzt beschäftige, finde ich Gelegenheit, bis zur 
Evidenz zu beweisen, daß der wahre historische Faust
kein anderer ist als jener Sabellicus, den der Abt Trit-
heim als einen Marktschreier und Erzschelm schilder-
te, welcher Gott und die Welt besefelt habe. Der Um-
stand, daß derselbe auf einer Visitenkarte, die er an 
Tritheim schickte, sich Faustus junior nannte, verlei-
tete viele Schriftsteller zu der irrigen Annahme, als 
habe es einen älteren Zauberer dieses Namens gege-
ben. Das Beiwort »junior« soll aber hier nur bedeu-
ten, daß der Faust einen Vater oder älteren Bruder 
besaß, der noch am Leben gewesen, was für uns von 
keiner Bedeutung ist. Ganz anders wäre es z.B., wenn
ich unserm heutigen Calmonius das Epithet »junior« 
beilegen wollte, indem ich dadurch auf einen ältern 
Calmonius hindeuten würde, der in der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts gelebt und ebenfalls ein großer 
Prahlhans und Lügner gewesen sein mochte; er rühm-
te sich z. B. der vertrauten Freundschaft Friedrichs 
des Großen und erzählte oft, wie der König eines 
Morgens mit der ganzen Armee seinem Hause vorbei-
marschiert sei und, vor seinem Fenster stillehaltend, 
zu ihm hinaufgerufen habe: »Adies, Calmonius, ich 
gehe jetzt in den Siebenjährigen Krieg, und ich hoffe 
Ihn einst gesund wiederzusehen!«
Viel verbreitet im Volke ist der Irrtum, unser Zau-
berer sei auch derselbe Faust, welcher die Buch-
druckerkunst erfunden. Dieser Irrtum ist bedeutungs-
voll und tiefsinnig. Das Volk identifizierte die Perso-
nen, weil es ahnte, daß die Denkweise, die der 
Schwarzkünstler repräsentiert, in der Erfindung des 
Buchdruckes das furchtbarste Werkzeug der Verbrei-
tung gefunden und dadurch eine Solidarität zwischen 
beiden entstanden. Jene Denkweise ist aber das Den-
ken selbst in seinem Gegensatze zum blinden Credo 
des Mittelalters, zum Glauben an alle Autoritäten des 
Himmels und der Erde, einem Glauben an Entschädi-
gung dort oben für die Entsagungen hienieden, wie 
die Kirche ihn dem knienden Köhler vorbetete. Faust 
fängt an zu denken, seine gottlose Vernunft empört 
sich gegen den heiligen Glauben seiner Vater, er will 
nicht länger im dunkeln tappen und dürftig lungern, er
verlangt nach Wissenschaft, nach weltlicher Macht, 
nach irdischer Lust, er will wissen, können und genie-
ßen - und, um die symbolische Sprache des Mittelal-
ters zu reden, er fällt ab von Gott, verzichtet auf seine 
himmlische Seligkeit und huldigt dem Satan und des-
sen irdischen Herrlichkeiten. Diese Revolte und ihre 
Doktrin ward nun eben durch die Buchdruckerkunst 
so zauberhaft gewaltig gefördert, daß sie im Laufe der
Zeit nicht bloß hochgebildete Individuen, sondern 
sogar ganze Volksmassen ergriffen. Vielleicht hat die 
Legende von Johannes Faustus deshalb einen so ge-
heimnisvollen Reiz für unsre Zeitgenossen, weil sie 
hier so naiv faßlich den Kampf dargestellt sehen, den 
sie selber jetzt kämpfen, den modernen Kampf zwi-
schen Religion und Wissenschaft, zwischen Autorität 
und Vernunft, zwischen Glauben und Denken, zwi-
schen demütigem Entsagen und frecher Genußsucht -
ein Todeskampf, wo uns am Ende vielleicht ebenfalls 
der Teufel holt wie den armen Doktor aus der Graf-
schaft Anhalt oder Kundlingen in Schwaben.
Ja, unser Schwarzkünstler wird in der Sage nicht 
selten mit dem ersten Buchdrucker identifiziert. Dies 
geschieht namentlich in den Puppenspielen, wo wir 
den Faust immer in Mainz finden, während die Volks-
bücher Wittenberg als sein Domizil bezeichnen. Es 
ist tief bedeutsam, daß hier der Wohnort des Faustes, 
Wittenberg, auch zugleich die Geburtsstätte und das 
Laboratorium des Protestantismus ist.
Die Puppenspiele, deren ich abermals erwähne, 
sind nie im Druck erschienen, und erst jüngst hat 
einer meiner Freunde nach den handschriftlichen Tex-
ten ein solches Opus herausgegeben. Dieser Freund 
ist Herr Karl Simrock, welcher mit mir auf der Uni-
versität zu Bonn die Schlegelschen Kollegien über 
deutsche Altertumskunde und Metrik hörte, auch 
manchen guten Schoppen Rheinwein mit mir ausstach
und sich solchermaßen in den Hülfswissenschaften 
perfektionierte, die ihm später zustatten kamen bei der
Herausgabe des alten Puppenspiels. Mit Geist und 
Takt restaurierte er die verlorenen Stellen, wählte er 
die vorhandenen Varianten, und die Behandlung der 
komischen Person bezeugt, daß er auch über deutsche
Hanswürste, wahrscheinlich ebenfalls im Kollegium 
A. W. Schlegels zu Bonn, die besten Studien gemacht
hat. Wie köstlich ist der Anfang des Stücks, wo Faust
allein im Studierzimmer bei seinen Büchern sitzt und 
folgenden Monolog hält:

So weit hab ich's nun mit Gelehrsamkeit gebracht,
Daß ich allerorten werd ausgelacht.
Alle Bücher durchstöbert von vorne bis hinten
Und kann doch den Stein der Weisen nicht finden.
Jurisprudenz, Medizin, alles umsunst,
Kein Heil als in der nekromantischen Kunst.
Was half mir das Studium der Theologie?
Meine durchwachten Nächte, wer bezahlt mir die?
Keinen heilen Rock hab ich mehr am Leibe
Und weiß vor Schulden nicht, wo ich bleibe.
Ich muß mich mit der Hölle verbünden,
Die verborgenen Tiefen der Natur zu ergründen.
Aber um die Geister zu zitieren,
Muß ich mich in der Magie informieren.

Die hierauf folgende Szene enthält hochpoetische 
und tiefergreifende Motive, die einer großen Tragödie 
würdig wären und auch wirklich größern dramati-
schen Dichtungen entlehnt sind. Diese Dichtungen 
sind zunächst der »Faust« von Marlowe, ein geniales 
Meisterwerk, dem augenscheinlich die Puppenspiele 
nicht bloß in bezug auf den Inhalt, sondern auch in 
betreff der Form nachgeahmt sind. Marlowes »Faust« 
mag auch andern englischen Dichtern seiner Zeit bei 
der Behandlung desselben Stoffes zum Vorbild ge-
dient haben, und Stellen aus solchen Stücken sind 
dann wieder in die Puppenspiele übergegangen. Sol-
che englische Faustkomödien sind wahrscheinlich 
später ins Deutsche übersetzt und von den sogenann-
ten englischen Komödianten gespielt worden, die 
auch schon die besten Shakespeareschen Werke auf 
deutschen Brettern tragierten. Nur das Repertoire 
jener englischen Komödiantengesellschaft ist uns not-
dürftig überliefert; die Stücke selbst, die nie gedruckt 
wurden, sind jedoch verschollen und erhielten sich 
vielleicht auf Winkeltheatern oder bei herumziehen-
den Truppen niedrigsten Ranges. So erinnere ich mich
selbst, daß ich zweimal von solchen Kunstvagabon-
den das »Leben des Fausts« spielen sah, und zwar 
nicht in der Bearbeitung neuerer Dichter, sondern 
wahrscheinlich nach Fragmenten alter, längst ver-
schollener Schauspiele. Das erste dieser Stücke sah 
ich vor fünfundzwanzig Jahren in einem Winkelthea-
ter auf dem sogenannten Hamburger Berge zwischen 
Hamburg und Altona. Ich erinnere mich, die zitierten 
Teufel erschienen alle tief vermummt in grauen 
Laken. Auf die Anrede Fausts: »Seid ihr Männer oder
Weiber?« antworteten sie: »Wir haben kein Ge-
schlecht.« Faust fragt ferner, wie sie eigentlich aussä-
hen unter ihrer grauen Hülle, und sie erwidern: »Wir 
haben keine Gestalt, die uns eigen wäre, wir entleh-
nen nach deinem Belieben jede Gestalt, worin du uns 
zu erblicken wünschest; wir werden immer aussehen 
wie deine Gedanken.« Nach abgeschlossenem Ver-
trag, worin ihm Kenntnis und Genuß aller Dinge ver-
sprochen wird, erkundigt sich Faust zunächst nach der
Beschaffenheit des Himmels und der Hölle, und hier-
über belehrt, bemerkt er, daß es im Himmel zu kühl 
und in der Hölle zu heiß sein müsse; am leidlichsten 
sei das Klima wohl auf unserer lieben Erde. Die köst-
lichsten Frauen dieser lieben Erde gewinnt er durch 
den magischen Ring, der ihm die blühendste Jugend-
gestalt, Schönheit und Anmut, auch die brillanteste 
Ritterkleidung verleiht. Nach vielen durchschlemmten
und verluderten Jahren hat er noch ein Liebesverhält-
nis mit der Signora Lucrezia, der berühmtesten Kurti-
sane von Venedig; er verläßt sie aber verräterisch und
schifft nach Athen, wo sich die Tochter des Herzogs 
in ihn verliebt und ihn heiraten will. Die verzweifeln-
de Lucrezia sucht Rat bei den Mächten der Unterwelt,
um sich an dem Ungetreuen zu rächen, und der Teufel
vertraut ihr, daß alle Herrlichkeit des Faust mit dem 
Ringe schwinde, den er am Zeigefinger trage. Signora
Lucrezia reist nun in Pilgertracht nach Athen und ge-
langt dort an den Hof, als eben Faust, hochzeitlich ge-
schmückt, der schönen Herzogstochter die Hand rei-
chen will, um sie zum Altar zu führen. Aber der ver-
mummte Pilger, das rachsüchtige Weib, reißt dem 
Bräutigam hastig den Ring vom Finger, und plötzlich 
verwandeln sich die jugendlichen Gesichtszüge des 
Faust in ein runzlichtes Greisenantlitz mit zahnlosem 
Munde; statt der goldenen Lockenfülle umflattert nur 
noch spärliches Silberhaar den armen Schädel, die 
funkelnde, purpurne Pracht fällt wie dürres Laub von 
dem gebückten, schlottrigen Leib, den jetzt nur noch 
schäbige Lumpen bedecken. Aber der entzauberte 
Zauberer merkt nicht, daß er sich solcherweise verän-
dert, oder vielmehr, daß Körper und Kleider jetzt die
wahre Zerstörnis offenbaren, die sie seit zwanzig Jah-
ren erlitten, während höllisches Blendwerk dieselbe 
unter erlogener Herrlichkeit den Augen der Menschen 
verbarg; er begreift nicht, warum das Hofgesinde mit 
Ekel von ihm zurückweicht, warum die Prinzessin 
ausruft: »Schafft mir den alten Bettler aus den 
Augen!« Da hält ihm die vermummte Lucrezia scha-
denfroh einen Spiegel vor, er sieht darin mit Beschä-
mung seine wirkliche Gestalt und wird von der fre-
chen Dienerschaft zur Tür hinausgetreten, wie ein räu-
diger Hund. -
Das andre Faustdrama, dessen ich oben erwähnt, 
sah ich zur Zeit eines Pferdemarktes in einem hannö-
verschen Flecken. Auf freier Wiese war ein kleines 
Theater aufgezimmert, und trotzdem daß am hellen 
Tage gespielt ward, wirkte die Beschwörungsszene 
hinlänglich schauervoll. Der Dämon, welcher er-
schien, nannte sich nicht Mephistopheles, sondern 
Astaroth, ein Name, welcher ursprünglich vielleicht 
identisch ist mit dem Namen der Astarte, obgleich 
letztere in den Geheimschriften der Magiker für die 
Gattin des Astaroths gehalten wird. Diese Astarte 
wird in jenen Schriften dargestellt mit zwei Hörnern 
auf dem Haupte, die einen Halbmond bilden, wie sie 
denn wirklich einst in Phönizien als eine Mondgöttin 
verehrt und deshalb von den Juden, gleich allen ande-
ren Gottheiten ihrer Nachbaren, für einen Teufel 
gehalten ward. König Salomon, der Weise, hat sie je-
doch heimlich angebetet, und Byron hat in seinem 
Faust, den er »Manfred« nannte, sie gefeiert. In dem 
Puppenspiele, das Simrock herausgegeben, heißt das 
Buch, wodurch Faust verführt wird, »Clavis Astarti 
de magica«.
In dem Stücke, wovon ich reden wollte, bevorwor-
tet Faust seine Beschwörung mit der Klage, er sei so 
arm, daß er immer zu Fuße laufen müsse und nicht 
einmal von der Kuhmagd geküßt werde; er wolle sich 
dem Teufel verschreiben, um ein Pferd und eine schö-
ne Prinzessin zu bekommen. Der beschworene Teufel 
erscheint zuerst in der Gestalt verschiedener Tiere, 
eines Schweins, eines Ochsen, eines Affen, doch 
Faust weist ihn zurück mit dem Bedeuten: »Du mußt 
bösartiger aussehen, um mir Schrecken einzuflößen.« 
Der Teufel erscheint alsdann wie ein Löwe, brüllend, 
quaerens quem devoret - auch jetzt ist er dem kecken 
Nekromanten nicht furchtbar genug, er muß sich mit 
eingekniffenem Schweife in die Kulissen zurückzie-
hen und kehrt wieder als eine riesige Schlange. »Du 
bist noch nicht entsetzlich und grauenhaft genug«, 
sagt Faust. Der Teufel muß nochmals beschämt von 
dannen trollen, und jetzt sehen wir ihn hervortreten in 
der Gestalt eines Menschen von schönster Leibesbil-
dung und gehüllt in einen roten Mantel. Faust gibt 
ihm seine Verwunderung darüber zu erkennen, und 
der Rotmantel antwortet: »Es ist nichts Entsetzliche-
res und Grauenhafteres als der Mensch, in ihm grunzt 
und brüllt und meckert und zischt die Natur aller an-
dern Tiere, er ist so unflätig wie ein Schwein, so bru-
tal wie ein Ochse, so lächerlich wie ein Affe, so zor-
nig wie ein Löwe, so giftig wie eine Schlange, er ist 
ein Kompositum der ganzen Animalität.«
Die sonderbare Übereinstimmung dieser alten Ko-
mödiantentirade mit einer der Hauptlehren der neuern 
Naturphilosophie, wie sie besonders Oken entwickelt,
frappierte mich nicht wenig. Nachdem der Teufels-
bund geschlossen, bringt Astaroth mehrere schöne 
Weiber in Vorschlag, die er dem Faust anpreist, z.B. 
die Judith. »Ich will keine Kopfabschneiderin«, ant-
wortet jener. »Willst du die Kleopatra?« fragt alsdann
der Geist. »Auch diese nicht«, erwidert Faust, »sie ist 
zu verschwenderisch, zu kostspielig und hat sogar den
reichen Antonius ruinieren können; sie säuft Perlen.« 
- »So rekommandiere ich dir die schöne Helena von 
Sparta«, spricht lächelnd der Geist und setzt ironisch 
hinzu: »Mit dieser Person kannst du griechisch spre-
chen.« Der gelehrte Doktor ist entzückt über diese 
Proposition und fordert jetzt, daß der Geist ihm kör-
perliche Schönheit und ein prächtiges Kleid verleihe, 
damit er erfolgreich mit dem Ritter Paris wetteifern 
könne; außerdem verlangt er ein Pferd, um gleich 
nach Troja zu reiten. Nach erlangter Zusage geht er ab
mit dem Geiste, und beide kommen alsbald außerhalb
der Theaterbude zum Vorschein, und zwar auf zwei 
hohen Rossen. Sie werfen ihre Mäntel von sich, und 
Faust sowohl als Astaroth sehen wir jetzt im glän-
zendsten Flitterstaate englischer Reiter die erstaun-
lichsten Reitkunststücke verrichten, angestaunt von 
den versammelten Roßkämmen, die mit hannöverisch 
roten Gesichtern im Kreise umherstanden und vor 
Entzücken auf ihre gelbledernen Hosen schlugen, daß 
es klatschte, wie ich noch nie bei einer dramatischen 
Vorstellung klatschen hörte. Astaroth ritt aber wirk-
lich allerliebst und war ein schlankes, hübsches Mäd-
chen mit den größten, schwarzen Augen der Hölle. 
Auch Faust war ein schmucker Bursche in seinem 
brillanten Reiterkostüme, und er ritt besser als alle 
anderen deutschen Doktoren, die ich jemals zu Pferde 
gesehen. Er jagte mit Astaroth um die Schaubühne 
herum, wo man jetzt die Stadt Troja und auf den Zin-
nen derselben die schöne Helena erblickte.
Unendlich bedeutungsvoll ist die Erscheinung der 
schönen Helena in der Sage vom Doktor Faust. Sie 
charakterisiert zunächst die Epoche, in welcher diesel-
be entstanden, und gibt uns wohl den geheimsten Auf-
schluß über die Sage selbst. Jenes ewig blühende 
Ideal von Anmut und Schönheit, jene Helena von 
Griechenland, die eines Morgens zu Wittenberg als 
Frau Doktorin Faust ihre Aufwartung macht, ist eben
Griechenland und das Hellenentum selbst, welches 
plötzlich im Herzen Deutschlands emportaucht, wie 
beschworen durch Zaubersprüche. Das magische 
Buch aber, welches die stärksten jener Zaubersprüche 
enthielt, hieß Homeros, und dieses war der wahre, 
große Höllenzwang, welcher den Faust und so viele 
seiner Zeitgenossen köderte und verführte. Faust, so-
wohl der historische als der sagenhafte, war einer 
jener Humanisten, welche das Griechentum, griechi-
sche Wissenschaft und Kunst, in Deutschland mit En-
thusiasmus verbreiteten. Der Sitz jener Propaganda 
war damals Rom, wo die vornehmsten Prälaten dem 
Kultus der alten Götter anhingen und sogar der Papst,
wie einst sein Reichsvorgänger Constantinus, das 
Amt eines Pontifex maximus des Heidentums mit der 
Würde eines Oberhauptes der christlichen Kirche ku-
mulierte. Es war die sogenannte Zeit der Wiederaufer-
stehung oder, besser gesagt, der Wiedergeburt der an-
tiken Weltanschauung, wie sie auch ganz richtig mit 
dem Namen Renaissance bezeichnet wird. In Italien 
konnte sie leichter zur Blüte und Herrschaft gelangen 
als in Deutschland, wo ihr durch die gleichzeitige 
neue Bibelübersetzung auch die Wiedergeburt des ju-
däischen Geistes, die wir die evangelische Renais-
sance nennen möchten, so bilderstürmend fanatisch 
entgegentrat. Sonderbar! die beiden großen Bücher 
der Menschheit, die sich vor einem Jahrtausend so 
feindlich befehdet und wie kampfmüde während dem 
ganzen Mittelalter vom Schauplatz zurückgezogen 
hatten, der Homer und die Bibel, treten zu Anfang des
sechzehnten Jahrhunderts wieder öffentlich in die 
Schranken. Wenn ich oben aussprach, daß die Revol-
te der realistischen, sensualistischen Lebenslust gegen
die spiritualistisch altkatholische Askese die eigentli-
che Idee der Faustsage ist, so will ich hier darauf hin-
deuten, wie jene sensualistische, realistische Lebens-
lust selbst im Gemüte der Denker zunächst dadurch 
entstanden ist, daß dieselben plötzlich mit den Denk-
malen griechischer Kunst und Wissenschaft bekannt 
wurden, daß sie den Homer lasen sowie auch die Ori-
ginalwerke von Plato und Aristoteles. In diese beiden 
hat Faust, wie die Tradition ausdrücklich erzählt, sich
so sehr vertieft, daß er sich einst vermaß: gingen jene 
Werke verloren, so würde er sie aus dem Gedächtnis-
se wiederherstellen können, wie weiland Esra mit dem
Alten Testamente getan. Wie tief Faust in den Homer 
eingedrungen, merken wir durch die Sage, daß er den 
Studenten, die bei ihm ein Kollegium über diesen 
Dichter hörten, die Helden des Trojanischen Krieges 
in Person vorzuzaubern wußte. In derselben Weise 
beschwor er ein andermal, zur Unterhaltung seiner 
Gäste, ebendie schöne Helena, die er später für sich 
selber vom Teufel begehrte und bis zu seinem unseli-
gen Ende besaß, wie das ältere Faustbuch berichtet. 
Das Buch von Widmann übergeht diese Geschichten, 
und der Verfasser äußert sich mit den Worten:
»Ich mag dem christlichen Leser nicht fürenthalten,
daß ich an diesem Orte etliche Historien von D. Jo-
hanne Fausto gefunden, welche ich aus hochbedenkli-
chen christlichen Ursachen nicht habe hierher setzen 
wollen, als daß ihn der Teufel noch fortan vom Ehe-
stand abgehalten und in sein höllisches, abscheuliches
Hurennetz gejagt, ihm auch Helenam aus der Hölle 
zur Beischläferin zugeordnet hat, die ihm auch fürs 
erste ein erschreckliches Monstrum und darnach einen
Sohn mit Namen Justum geboren.«
Die zwei Stellen im älteren Faustbuch, welche sich 
auf die schöne Helena beziehen, lauten wie folgt:
»Am weißen Sonntag kamen oftgemeldete Studen-
ten unversehens wieder in D. Fausti Behausung zum 
Nachtessen, brachten ihr Essen und Trank mit sich, 
welches angenehme Gäste waren. Als nun der Wein 
einging, wurde am Tisch von schönen Weibsbildern 
geredet, da einer unter ihnen anfing, daß er kein 
Weibsbild lieber sehen wollte als die schöne Helenam
aus Graecia, derowegen die schöne Stadt Troja zu-
grund gegangen wäre, sie müßte schön gewesen sein, 
weil sie so oft geraubt worden und wodurch solche 
Empörung entstanden wäre. ›Weil ihr denn so begie-
rig seid, die schöne Gestalt der Königin Helenae, Me-
nelai Hausfrau oder Tochter Tyndari und Ledae, 
Castoris und Pollucis Schwester (welche die Schönste
in Graecia gewesen sein soll), zu sehen, will ich euch 
dieselbe fürstellen, damit ihr persönlich ihren Geist in
Form und Gestalt, wie sie im Leben gewesen, sehen 
sollt, dergleichen ich auch Kaiser Carolo Quinto auf 
sein Begehren, mit Fürstellung Kaiser Alexandri 
Magni und seiner Gemahlin, willfahren habe.‹ Darauf
verbot D. Faustus, daß keiner nichts reden sollte, 
noch vom Tische aufstehen, oder sie zu empfahen sich
anmaßen, und geht zur Stube hinaus. Als er wieder 
hineingeht, folgte ihm die Königin Helena auf dem 
Fuße nach, so wunderschön, daß die Studenten nicht 
wußten, ob sie bei sich selbst wären oder nicht, so 
verwirrt und inbrünstig waren sie. Diese Helena er-
schien in einem köstlichen schwarzen Purpurkleid, ihr
Haar hatte sie herabhangen, das so schön und herrlich
als Goldfarbe schien, auch so lang, daß es ihr bis in 
die Kniebiegen hinabging, mit schönen kohlschwar-
zen Augen, ein lieblich Angesicht, mit einem runden 
Köpflein, ihre Lefzen rot wie Kirschen, mit einem 
kleinen Mündlein, einen Hals wie ein weißer Schwan,
rote Bäcklein wie ein Röslein, ein überaus schön glei-
ßend Angesicht, eine länglichte aufgerichtete gerade 
Person. In summa, es war an ihr kein Untädlein zu 
finden, sie sahe sich allenthalben in der Stube um, mit
gar frechem und bübischem Gesicht, daß die Studen-
ten gegen sie in Liebe entzündet wurden; weil sie es 
aber für einen Geist achteten, verginge ihnen solche 
Brunst leichtlich, und ging also Helena mit D. Fausto 
wiederum zur Stube hinaus. Als die Studenten solches
alles gesehen, baten sie D. Faustum, er solle ihnen so-
viel zu Gefallen tun und sie morgen wiederum fürstel-
len, so wollten sie einen Maler mit sich bringen, der 
sollte sie abkonterfeien, welches ihnen aber D. Faus-
tus abschlug und sagte, daß er ihren Geist nicht alle-
zeit erwecken könnte. Er wollte ihnen aber ein Kon-
terfei davon zukommen lassen, welches sie, die Stu-
denten, abreißen lassen möchten, was dann auch ge-
schah und welches die Maler hernach weit hin und 
wider schickten, denn es war eine sehr herrliche Ge-
stalt eines Weibsbildes. Wer aber solches Gemälde 
dem Fausto abgerissen, hat man nicht erfahren kön-
nen. Die Studenten aber, als sie zu Bett gekommen, 
haben wegen der Gestalt und Form, so sie sichtbarlich
gesehen, nicht schlafen können. Hieraus ist dann zu 
sehen, daß der Teufel oft die Menschen in Liebe ent-
zündet und verblendet, daß man ins Hurenleben gerät 
und hernach nicht leicht wieder herauszubringen ist.«
Später heißt es in dem alten Buche:
»Damit nun der elende Faustus seines Fleisches 
Lüsten genugsam Raum gebe, fällt ihm um Mitter-
nacht, als er erwachte, die Helena aus Graecia, die er 
vormals den Studenten am weißen Sonntag erweckt 
hat, in den Sinn, derhalben er morgens seinen Geist 
anmahnt, er sollte ihm die Helenam darstellen, die 
seine Konkubine sein möchte, was auch geschah, und 
diese Helena war ebenmäßiger Gestalt, wie er sie den 
Studenten erweckt hat, mit lieblichem und holdseli-
gem Anblicken. Als nun D. Faustus solches sah, hat 
sie ihm sein Herz dermaßen gefangen, daß er mit ihr 
anfing zu buhlen und sie für sein Schlafweib bei sich 
behielt, die er so lieb gewann, daß er schier keinen 
Augenblick von ihr sein konnte, wurde also im letzten
Jahre schwangeres Leibs von ihm, gebar ihm einen 
Sohn, dessen sich Faustus heftig freute und ihn Ju-
stum Faustum nannte. Dies Kind erzählet D. Fausto 
viel zukünftige Dinge, die in allen Ländern sollten ge-
schehen. Als er aber hernach um sein Leben kam, ver-
schwanden zugleich mit ihm Mutter und Kind.«
Da die meisten Volksbücher über Faust aus dem 
Widmannschen Werke entstanden, so geschieht darin 
von der schönen Helena nur kärgliche Erwähnung, 
und ihre Bedeutsamkeit konnte leicht übersehen wer-
den. Auch Goethe übersah sie anfänglich, wenn er 
überhaupt, als er den ersten Teil des »Faust« schrieb, 
jene Volksbücher kannte und nicht bloß in den Pup-
penspielen schöpfte. Erst vier Dezennien später, als er
den zweiten Teil zum »Faust« dichtete, läßt er darin 
auch die Helena auftreten, und in der Tat, er behan-
delte sie con amore. Es ist das Beste oder vielmehr 
das einzig Gute in besagtem zweiten Teile, in dieser 
allegorischen und labyrinthischen Wildnis, wo jedoch
plötzlich, auf erhabenem Postamente, ein wunderbar 
vollendetes griechisches Marmorbild sich erhebt und 
uns mit den weißen Augen so heidengöttlich liebrei-
zend anblickt, daß uns fast wehmütig zu Sinne wird. 
Es ist die kostbarste Statue, welche jemals das Goe-
thesche Atelier verlassen, und man sollte kaum glau-
ben, daß eine Greisenhand sie gemeißelt. Sie ist aber 
auch viel mehr ein Werk des ruhig besonnenen Bil-
dens als eine Geburt der begeisterten Phantasie, wel-
che letztere bei Goethe nie mit besonderer Stärke her-
vorbrach, bei ihm ebensowenig wie bei seinen Lehr-
meistern und Wahlverwandten, ich möchte fast sagen 
bei seinen Landsleuten, den Griechen. Auch diese be-
saßen mehr harmonischen Formensinn als über-
schwellende Schöpfungsfülle, mehr gestaltende, Be-
gabnis als Einbildungskraft, ja, ich will die Ketzerei 
aussprechen, mehr Kunst als Poesie.
Sie werden, teuerster Freund, nach obigen Andeu-
tungen leicht begreifen, warum ich der schönen Hele-
na einen ganzen Akt in meinem Ballette gewidmet 
habe. Die Insel, wohin ich sie versetzt, ist übrigens 
nicht von meiner eigenen Erfindung. Die Griechen 
hatten sie schon längst entdeckt, und nach der Be-
hauptung der alten Autoren, besonders des Pausanias 
und des Plinius, lag sie im Pontus Euxinus, ungefähr 
bei der Mündung der Donau, und sie führte den 
Namen Achillea, wegen des Tempels des Achilles, der
sich darauf befand. Er selbst, hieß es, der aus dem 
Grab erstandene Pelide, wandle dort umher in Gesell-
schaft der andern Berühmtheiten des Trojanischen 
Krieges, worunter auch die ewig blühende Helena von
Sparta. Heldentum und Schönheit müssen zwar früh-
zeitig untergehen, zur Freude des Pöbels und der Mit-
telmäßigkeit, aber großmütige Dichter entreißen sie 
der Gruft und bringen sie rettend nach irgendeiner 
glückseligen Insel, wo weder Blumen noch Herzen 
welken.
Ich habe über den zweiten Teil des Goetheschen 
»Faustes« etwas mürrisch abgeurteilt, aber ich kann 
wirklich nicht Worte finden, um meine ganze Bewun-
derung auszusprechen über die Art und Weise, wie 
die schöne Helena darin behandelt ist. Hier blieb 
Goethe auch dem Geiste der Sage getreu, was leider, 
wie ich schon bemerkt, so selten bei ihm der Fall, ein 
Tadel, den ich nicht oft genug wiederholen kann. In 
dieser Beziehung hat sich am meisten der Teufel über 
Goethe zu beklagen. Sein Mephistopheles hat nicht 
die mindeste innere Verwandtschaft mit dem wahren 
»Mephostophiles«, wie ihn die älteren Volksbücher 
nennen. Auch hier bestärkt sich meine Vermutung, 
daß Goethe letztere nicht kannte, als er den ersten Teil
des »Faustes« schrieb. Er hätte sonst in keiner so säu-
isch spaßhaften, so zynisch skurrilen Maske den 
Mephistopheles erscheinen lassen. Dieser ist kein ge-
wöhnlicher Höllenlump, er ist ein »subtiler Geist«, 
wie er sich selbst nennt, sehr vornehm und nobel und 
hochgestellt in der unterweltlichen Hierarchie, im höl-
lischen Gouvernemente, wo er einer jener Staatsmän-
ner ist, woraus man einen Reichskanzler machen 
kann. Ich verlieh ihm daher eine Gestalt, die seiner 
Würde angemessen. Verwandelte sich doch der Teufel
immer am liebsten in ein schönes Frauenzimmer, und 
im älteren Faustbuche weiß auch Mephistopheles den 
armen Doktor in dieser Gestalt zu kirren, wenn den 
Ärmsten manchmal fromme Skrupel überschlichen. 
Das alte Faustbuch erzählt ganz naiv:
»Wenn der Faust allein war und dem Wort Gottes 
nachdenken wollte, schmücket sich der Teufel in Ge-
stalt einer schönen Frauwen für ihn, hälset ihn und 
trieb mit ihm alle Unzucht, also daß er des göttlichen 
Worts bald vergaß und in Wind schlug und in seinem 
bösen Fürhaben fortfuhr.«
Indem ich den Teufel und seine Gesellen als Tänze-
rinnen erscheinen lasse, bin ich der Tradition treuer 
geblieben, als Sie vermuten. Daß es zur Zeit des Dok-
tor Faust schon corps de ballets von Teufeln gegeben 
hat, ist keine Fiktion Ihres Freundes, sondern es ist 
eine Tatsache, die ich mit Stellen aus dem Leben des 
Christoph Wagner, welcher Fausts Schüler war, be-
weisen kann. In dem sechzehnten Kapitel dieses alten 
Buches lesen wir, daß der arge Sünder ein Gastgelag 
in Wien gab, wo die Teufel, in Frauenzimmergestalt, 
mit Saitenspielen die schönste und lieblichste Musik 
machten und andre Teufel »allerlei seltsame und un-
züchtige Tänze tanzten«. Auch in Affengestalt tanzten
sie bei dieser Gelegenheit, und da heißt es: »Bald 
kamen zwölf Affen, die machten einen Reigen, tanz-
ten französische Ballette, wie jetzt die Leute in 
Welschland, Frankreich und Deutschland zu tun pfle-
gen, sprungen und hüpften sehr wohl, daß sich män-
niglich verwunderte.« Der Teufel Auerhahn, der dem 
Wagner als dienender Geist angehörte, zeigte sich ge-
wöhnlich in der Gestalt eines Affen. Er debütiert ganz
eigentlich als Tanzaffe. Als Wagner ihn beschwur, 
ward er ein Affe, erzählt das alte Buch, und da heißt 
es: »Der sprang auf und nieder, tanzte Gaillarde und 
andere üppige Tänze, schlug bisweilen auf dem 
Hackebrett, pfiff auf der Querpfeife, blies auf der 
Trompete, als wären ihrer hundert.«
Ich kann hier, liebster Freund, der Versuchung 
nicht widerstehen, Ihnen zu erklären, was der Bio-
graph des Nekromanten unter dem Namen »Gaillarde 
tanzen« versteht. Ich finde nämlich in einem noch äl-
tern Buche von Johann Prätorius, welches 1688 zu 
Leipzig gedruckt ist und Nachrichten über den 
Blocksberg enthält, die merkwürdige Belehrung, daß 
oberwähnter Tanz vom Teufel erfunden worden; der 
ehrbare Autor sagt dabei ausdrücklich:
»Von der neuen gaillardischen Volta, einem wel-
schen Tanze, wo man einander an schamigen Orten 
fasset und wie ein getriebener Topf herumhaspelt und 
wirbelt und welcher durch die Zauberer aus Italien 
nach Frankreich ist gebracht worden, mag man auch 
wohl sagen, daß zu dem, daß solcher Wirbeltanz vol-
ler schändlicher unflätiger Gebärden und unzüchtiger 
Bewegungen ist, er auch das Unglück auf sich trage, 
daß unzählig viel Morde und Mißgeburten daraus ent-
stehen. Welches wahrlich bei einer wohlbestellten Po-
lizei ist wahrzunehmen und aufs allerschärfste zu ver-
bieten. Und dieweil die Stadt Genf fürnehmlich das 
Tanzen hasset, so hat der Satan eine junge Tochter 
von Genf gelehret, alle die tanzend und springend zu 
machen, die sie mit einer eisernen Gerte oder Rute, 
welche der Teufel ihr gegeben gehabt, möchte berüh-
ren. Auch hat sie der Richter gespottet und gesagt, sie
werden sie nicht mögen umbringen; hat deshalb der 
Übeltat nie keine Reue gehabt.«
Sie sehen aus dieser Zitation, liebster Freund, er-
stens, was die Gaillarde ist, und zweitens, daß der 
Teufel die Tanzkunst aus dem Grunde fördert, um den
Frommen ein Ärgernis zu geben. Daß er gar die from-
me Stadt Genf, das kalvinistische Jerusalem, mit sei-
ner Zaubergerte zum Tanzen zwang, das war der Gip-
fel der Frevelhaftigkeit! Denken Sie sich alle diese 
kleinen Genfer Heiligen, alle diese gottesfürchtigen 
Uhrmacher, alle diese Auserwählten des Herren, alle 
diese tugendhaften Erzieherinnen, diese steifen, ecki-
gen Prediger- und Schulmeisterfiguren, welche auf 
einmal die Gaillarde zu tanzen beginnen! Die Ge-
schichte muß wahr sein, denn ich erinnere mich, sie 
auch in der »Daemonomania« des Bodinus gelesen zu
haben, und ich hätte nicht übel Lust, sie zu einem 
Ballette zu bearbeiten, betitelt: »Das tanzende Genf«!
Der Teufel ist ein großer Tanzkünstler, wie Sie 
sehen, und es darf wahrlich niemanden wundern, 
wenn er in der Gestalt einer Tänzerin sich einem ver-
ehrungswerten Publiko präsentiert. Eine minder na-
türliche, aber sehr tiefsinnige Metamorphose ist es, 
daß sich, im älteren Faustbuche, der Mephistopheles 
in ein geflügeltes Roß verwandelt und auf seinem 
Rücken den Faust nach allen Ländern und Orten 
brachte, wohin dessen Sinn oder Sinnlichkeit begehr-
te. Der Geist hat hier nicht bloß die Geschwindigkeit 
des Gedankens, sondern auch die Macht der Poesie; er
ist hier ganz eigentlich der Pegasus, der den Faust zu 
allen Herrlichkeiten und Genüssen dieser Erde hin-
trägt, in der kürzesten Frist. Er bringt ihn im Nu nach 
Konstantinopel, und zwar direkt in den Harem des 
Großtürken, wo Faust unter den erstaunten Odalisken,
die ihn für den Gott Mahomet hielten, sich göttlich 
ergötzt. Auch trägt er ihn nach Rom und hier direkt in
den Vatikan, wo Faust, unsichtbar allen Augen, dem 
Papste seine besten Gerichte und Getränke vor der 
Nase wegstibitzt und sich selber zu Gemüte führt; 
manchmal lacht er laut auf, so daß der Papst, der sich 
im Zimmer allein glaubte, innerlich erschrak. Eine 
Animosität gegen Papsttum und katholische Kirche 
überhaupt tritt überall grell hervor in der Faustsage. 
In dieser Beziehung ist es auch charakteristisch, daß 
Faust, nach den ersten Beschwörungen, dem Mephi-
stopheles ausdrücklich befiehlt, ihm hinfüro, wenn er 
ihn rufe, in der Kutte eines Franziskaners zu erschei-
nen. In dieser Mönchstracht zeigen ihn uns die alten 
Volksbücher (nicht die Puppenspiele), zumal, wenn er
mit Faust über Religionsthemata disputiert. Hier weht
der Atem der Reformationszeit.
Mephistopheles hat nicht bloß keine wirkliche Ge-
stalt, sondern er ist auch unter keiner bestimmten Ge-
stalt populär geworden wie andere Helden der Volks-
bücher, z. B. wie Till Eulenspiegel, dieses personifi-
zierte Gelächter, in der derben Figur eines deutschen 
Handwerksburschen oder gar wie der Ewige Jude mit 
dem langen achtzehnhundertjährigen Barte, dessen 
weiße Haare an der Spitze wie verjüngt wieder 
schwarz geworden. Mephistopheles hat auch in den 
Büchern der Magie keine determinierte Bildung wie 
andre Geister, wie z.B. Aziabel, der immer als ein 
kleines Kind erscheint, oder wie der Teufel Marbuel,
der sich ausdrücklich in der Gestalt eines zehnjähri-
gen Knaben präsentiert.
Ich kann nicht umhin, hier die Bemerkung einflie-
ßen zu lassen, daß ich es ganz dem Belieben Ihres 
Maschinisten überlasse, ob er den Faust nebst seinem 
höllischen Gesellen auf zwei Pferden oder beide in 
einen großen Zaubermantel gehüllt durch die Lüfte 
reisen lassen will. Der Zaubermantel ist volkstümli-
cher.
Die Hexen, die zum Sabbat fahren, müssen wir je-
doch reiten lassen, gleichviel auf welchem Haushal-
tungsgeräte oder Untier. Die deutsche Hexe bedient 
sich gewöhnlich des Besenstiels, den sie mit dersel-
ben Zaubersalbe bestreicht, womit sie auch ihren ei-
genen nackten Leib vorher eingerieben hat. Kommt 
ihr höllischer Galan etwa in Person sie abzuholen, so 
sitzt er vorne und sie hinter ihm bei der Luftfahrt. Die
französischen Hexen sagen: »Emen-Hetan, Emen-
Hetan!«, während sie sich einsalben. »Oben hinaus 
und nirgends an!« ist der Spruch der deutschen Be-
senreuterinnen, wenn sie zum Schornstein hinausflie-
gen. Sie wissen es so einzurichten, daß sie sich in den
Lüften begegnen und rottenweis zum Sabbat anlan-
gen. Da die Hexen, ebenso wie die Feen, das christli-
che Glockengeläute aus tiefstem Herzen hassen, so 
pflegen sie auch wohl auf ihrem Fluge, wenn sie 
einem Kirchturm vorbeikommen, die Glocke 
mitzunehmen und dann in irgendeinen Sumpf hinab-
zuwerfen, mit fürchterlichem Gelächter. Auch diese 
Anklage kommt vor in den Hexenprozessen, und das 
französische Sprüchwort sagt mit Recht, daß man nur
gleich die Flucht ergreifen solle, wenn man angeklagt 
sei, eine Glocke vom Kirchturm Notre-Dame gestoh-
len zu haben.
Über den Schauplatz ihrer Versammlung, den die 
Hexen ihren Konvent, auch ihren Reichstag nennen, 
herrschen im Volksglauben sehr abweichende Ansich-
ten. Doch nach übereinstimmenden Aussagen sehr 
vieler Hexen, die auf der Folter gewiß die Wahrheit 
bekannt, sowie auch nach den Autoritäten eines Re-
migius, eines Godelmanus, eines Wierus, eines Bo-
dinus und gar eines de Lancre habe ich mich für eine 
mit Bäumen umpflanzte Bergkoppe entschieden, wie 
ich solches im dritten Akte meines Ballettes vorge-
zeichnet. In Deutschland soll der Hexenkonvent ge-
wöhnlich auf dem Blocksberge, welcher den Mittel-
punkt des Harzgebirges bildet, stattgefunden haben 
oder noch stattfinden. Aber es sind nicht bloß deut-
sche Nationalhexen, welche sich dort versammeln, 
sondern auch viele ausländische, und nicht bloß le-
bende, sondern auch längst verstorbene Sünderinnen, 
die im Grabe keine Ruhe haben und, wie die Willis, 
auch nach dem Tode von üppiger Tanzlust gepeinigt 
werden. Deshalb sehen wir beim Sabbat eine 
Mischung von Trachten aus allen Ländern und Zeital-
tern. Vornehme Damen erscheinen meistens verlarvt, 
um ganz ungeniert zu sein. Die Hexenmeister, die in 
großer Menge sich hier einfinden, sind oft Leute, die 
im gewöhnlichen Leben den ehrbarsten, christlichsten
Wandel erheucheln. Was die Teufel anbelangt, die als
Liebhaber der Hexen fungieren, so sind sie von sehr 
verschiedenem Range, so daß eine alte Köchin oder 
Kuhmagd sich mit einem sehr untergeordneten armen 
Teufel begnügen muß, während vornehmere Patrizier-
frauen und große Damen auch standesgemäß sich mit 
sehr gebildeten und feingeschwänzten Teufeln, mit 
den galantesten Junkern der Hölle, erlustigen können. 
Letztere tragen gewöhnlich die altspanisch burgundi-
sche Hoftracht, doch entweder von ganz schwarzer 
oder gar zu schreiend heller Farbe, und auf ihrem Ba-
rette schwankt die unerläßliche blutrote Hahnenfeder. 
So wohlgestaltet und schöngekleidet diese Kavaliere 
beim ersten Anblick erscheinen, so ist es doch auffal-
lend, daß ihnen immer ein gewisses »finished« fehlt 
und sich bei näherer Betrachtung in ihrem ganzen 
Wesen eine Disharmonie verrät, welche Auge und 
Ohr beleidigt: sie sind entweder etwas zu mager oder 
etwas zu korpulent, ihr Gesicht ist entweder zu blaß 
oder zu rot, die Nase zu kurz oder ein bißchen zu 
lang, und dabei kommen manchmal Finger wie Vo-
gelkrallen, wo nicht gar ein Pferdefuß, zum 
Vorschein. Nach Schwefel riechen sie nicht, wie die 
Liebhaber der armen Volksweiber, die sich, wie ge-
sagt, mit allerlei ordinären Kobolden, mit Ofenheizern
der Hölle, abgeben müssen. Aber gemein ist allen 
Teufeln eine fatale Infirmität, worüber die Hexen 
jedes Ranges in den gerichtlichen Verhandlungen 
Klage führten, nämlich die Eiskälte ihrer Umarmun-
gen und Liebesergüsse.
Luzifer, von Gottes Ungnaden König der Finster-
nis, präsidiert dem Hexenkonvente in Gestalt eines 
schwarzen Bocks mit einem schwarzen Menschenge-
sichte und einem Lichte zwischen den zwei Hörnern. 
Inmitten des Schauplatzes der Versammlung steht 
Seine Majestät auf einem hohen Postamente, oder 
einem steinernen Tische, und sieht sehr ernsthaft und 
melancholisch aus, wie einer, der sich schmählich en-
nuyiert. Ihm, dem Oberherrn, huldigen alle versam-
melten Hexen, Zauberer, Teufel und sonstige Vasal-
len, indem sie, mit brennenden Kerzen in der Hand, 
paarweise vor ihm das Knie beugen und nachher an-
dächtig sein Hinterteil küssen. Auch dieses Homa-
gium scheint ihn wenig zu erheitern, und er bleibt me-
lancholisch und ernsthaft, während jubelnd die ganze 
vermischte Gesellschaft um ihn herumtanzt. Diese 
Ronde ist nun jener berühmte Hexentanz, dessen cha-
rakteristische Eigentümlichkeit darin besteht, daß die 
Tänzer ihre Gesichter alle nach außen kehren, so daß 
sie sich einander nur den Rücken zeigen und keiner 
des andern Antlitz schaut. Dies ist gewiß eine Vor-
sichtsmaßregel und geschieht, damit die Hexen, die 
später gerichtlich eingezogen werden möchten, bei der
peinlichen Frage nicht so leicht die Gefährtinnen an-
geben können, mit welchen sie den Sabbat begangen. 
Aus Furcht vor solcher Angeberei besuchen vornehme
Damen den Ball mit verlarvtem Gesichte. Viele tan-
zen im bloßen Hemde, viele entäußern sich auch die-
ses Gewandes. Manche verschränken im Tanzen ihre 
Hände, einen Kreis mit den Armen bildend, oder sie 
strecken einen Arm weit aus; manche schwingen ihren
Besenstiel und jauchzen: »Har! Har! Sabbat! Sab-
bat!« Es ist ein böses Vorzeichen, wenn man während
des Tanzes zur Erde fällt. Verliert die Hexe gar im 
Tanztumult einen Schuh, so bedeutet dieser Umstand,
daß sie noch in demselben Jahre den Scheiterhaufen 
besteigen müsse.
Die Musikanten, welche zum Tanze aufspielen, 
sind entweder höllische Geister in fabelhafter Fratzen-
bildung oder vagabundierende Virtuosen, die von der 
Landstraße aufgegriffen worden. Am liebsten nimmt 
man dazu Fiedler oder Flötenspieler, welche blind 
sind, damit sie nicht vor Entsetzen im Musizieren ge-
stört werden, wenn sie die Greuel der Sabbatfeier 
sähen. Zu diesen Greueln gehört namentlich die Auf-
nahme neuer Hexen in den schwarzen Bund, wo die 
Novize eingeweiht wird in die grausenhaftesten My-
sterien. Sie wird gleichsam offiziell mit der Hölle ver-
mählt, und der Teufel, ihr finsterer Gatte, gibt ihr bei 
dieser Gelegenheit auch einen neuen Namen, einen 
nom d'amour, und brennt ihr ein geheimes Merkmal 
ein, als ein Andenken seiner Zärtlichkeit. Besagtes 
Merkmal ist so verborgen, daß der Untersuchungs-
richter bei den Hexenprozessen oft seine liebe Not 
hatte, dasselbe aufzufinden und deshalb der Inquisitin
von der Hand des Büttels alle Haare vom Leibe ab-
schneiden ließ.
Der Fürst der Hölle besitzt aber unter den Hexen 
der Versammlung noch eine Auserwählte, welche den 
Titel Oberste Braut, »Archi-sposa«, führt und gleich-
sam seine Leihmätresse ist. Ihr Ballkostüm ist sehr 
einfach, mehr als einfach, denn es besteht aus einem 
einzigen goldnen Schuh, weshalb sie auch die Domi-
na mit dem güldenen Schuh genannt wird. Sie ist ein 
schönes, großes, beinahe kolossales Weib, denn der 
Teufel ist nicht bloß ein Kenner schöner Formen, ein 
Artist, sondern auch ein Liebhaber von Fleisch, und 
er denkt, je mehr Fleisch, desto größer die Sünde. Ja, 
in seinem Raffinement der Frevelhaftigkeit sucht er 
die Sünde noch dadurch zu steigern, daß er nie eine 
unverheuratete Person, sondern immer eine Vermählte
zu seiner Oberbraut wählt, den Ehebruch kumulierend
mit der einfachen Unzucht. Auch eine gute Tänzerin 
muß sie sein, und bei einer außerordentlichen Sabbat-
feier sah man wohl den erlauchten Bock von seinem 
Postamente herabsteigen und höchstselbst, mit seiner 
nackten Schönen, einen sonderbaren Tanz aufführen, 
den ich nicht beschreiben will, »aus hochbedenkli-
chen christlichen Ursachen«, wie der alte Widmann 
sagen würde. Nur soviel darf ich andeuten, daß es ein 
alter Nationaltanz Sodomas ist, dessen Traditionen, 
nachdem diese Stadt unterging, von den Töchtern 
Lots gerettet wurden und sich bis auf heutigen Tag 
erhalten haben, wie ich denn selber jenen Tanz sehr 
oft tanzen sah zu Paris, Rue Saint-Honoré No. 359, 
neben der Kirche der heiligen Assomption. Erwägt 
man nun, daß es auf dem Tanzplatz der Hexen keine 
bewaffnete Moral gibt, die in der Uniform von Muni-
zipalgardisten die bacchantische Lust zu hemmen 
weiß, so läßt sich leicht erraten, welche Bocksprünge 
bei oberwähntem Pas de deux zum Vorschein kom-
men mochten.
Nach manchen Aussagen pflegt auch der große 
Bock und seine Oberbraut dem Bankette zu präsidie-
ren, welches nach dem Tanze gehalten wird. Das Ta-
felgeschirr und die Speisen bei jenem Gastmahl sind 
von außerordentlicher Kostbarkeit und Köstlichkeit; 
doch wer etwas davon einsteckt, findet den andern 
Tag, daß der goldne Becher nur ein irdenes Töpfchen 
und der schöne Kuchen nur ein Mistfladen war. 
Charakteristisch bei dem Mahle ist der gänzliche 
Mangel an Salz. Die Lieder, welche die Gäste singen, 
sind eitel Gotteslästerungen, und sie plärren sie nach 
der Melodie frommer Kantiken. Die ehrwürdigsten 
Zeremonien der Religion werden dann durch schändli-
che Possenreißerei nachgeäfft. So wird z. B. unsere 
heilige Taufe verhöhnt, indem man Kröten, Igel oder 
Ratten tauft, ganz nach dem Ritus der Kirche, und 
während dieser scheußlichen Handlung gebärden sich 
Pate und Patin wie devote Christen und schneiden die 
scheinheiligsten Gesichter. Das Weihwasser, womit 
sie jene Taufe verrichten, ist eine sehr frevelhafte 
Flüssigkeit, nämlich der Urin des Teufels. Auch das 
Zeichen des Kreuzes machen die Hexen, aber ganz 
verkehrt und mit der linken Hand; die von der romani-
schen Zunge sprechen dabei die Worte: »In nomine 
patrica aragueaco petrica, agora, agora, valentia, 
jouando goure gaits goustia«, welches soviel heißt 
wie: »Im Namen des Patrike, des Petrike, von Arago-
nien, zu dieser Stunde, zu dieser Stunde, Valencia, all
unser Elend ist vorbei!« Zur Verhöhnung der göttli-
chen Lehre von der Liebe und Vergebung erhebt der 
höllische Bock zuletzt seine furchtbarste Donnerstim-
me und ruft: »Rächt euch, rächt euch, sonst müßt ihr 
sterben!« Dieses sind die sakramentalen Worte, 
womit er den Hexenkonvent aufhebt, und um den er-
habensten Akt der Passion zu parodieren, will auch 
der Antichrist sich selbst zum Opfer bringen, aber 
nicht zum Heil, sondern zum Unheil der Menschheit: 
der Bock verbrennt sich endlich selbst, er lodert auf 
mit großem Flammengeprassel, und von seiner Asche 
sucht jede Hexe eine Handvoll zu erhaschen, um sie 
zu späteren Malefizien zu gebrauchen. Der Ball und 
der Schmaus sind alsdann zu Ende, der Hahn kräht, 
die Damen fangen an sehr zu frieren, und wie sie ge-
kommen, so fahren sie von dannen, aber noch schnel-
ler, und manche Frau Hexe legt sich wieder zu Bette 
zu ihrem schnarchenden Gemahle, der es nicht be-
merkt hatte, daß nur ein Scheit Holz, welches die Ge-
stalt seiner Ehehälfte angenommen, in ihrer Abwesen-
heit an seiner Seite lag.
Auch ich will mich jetzt zu Bette begeben, denn ich
habe, teurer Freund, bis tief in die Nacht hinein ge-
schrieben, um die Notizen zusammenzustellen, die 
Sie aufgezeichnet zu sehen wünschten. Ich habe weni-
ger dabei an einen Theaterdirektor gedacht, der mein 
Ballett auf die Bühne bringen soll, als vielmehr an 
den Gentleman von hoher Bildung, den alles interes-
siert, was Kunst und Gedanken ist. Ja, mein Freund, 
Sie verstehen den flüchtigsten Wink des Dichters, und
jedes Wort von Ihnen ist wieder befruchtend für die-
sen. Es ist mir unbegreiflich, wie Sie, der erprobt 
praktische Geschäftsmann, doch zugleich mit jenem 
außerordentlichen Sinn für das Schöne begabt sein 
konnten, und noch mehr erstaune ich darüber, wie Sie 
unter allen Tribulationen Ihrer Berufstätigkeit sich so-
viel Liebe und Begeisterung für Poesie zu erhalten 
wußten!

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