Ludwig Börne.
Eine Denkschrift

Fünftes Buch

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Text by Heinrich Heine (1797-1856)


»--- Die politischen Verhältnisse jener Zeit (1799) 
haben eine gar betrübende Ähnlichkeit mit den neue-
sten Zuständen in Deutschland, nur daß damals der 
Freiheitssinn mehr unter Gelehrten, Dichtern und son-
stigen Literaten blühete, heutigentags aber unter die-
sen viel minder, sondern weit mehr in der großen akti-
ven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten, 
sich ausspricht. Während zur Zeit der ersten Revoluti-
on die bleiern deutscheste Schlafsucht auf dem Volke 
lastete und gleichsam eine brutale Ruhe in ganz Ger-
manien herrschte. Offenbarte sich in unserer Schrift-
welt das wildeste Gären und Wallen. Der einsamste 
Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen 
Deutschlands lebte, nahm teil an dieser Bewegung; 
fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgän-
gen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale 
Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. 
Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemu-
scheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Ka-
mine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom 
Meere entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen 
beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die 
Wellen gegen die Küste heranbrechen. Als hier in 
Paris, in dem großen Menschenozean, die Revolution 
losflutete, als es hier brandete und stürmte, da 
rauschten und brausten jenseits des Rheins die deut-
schen Herzen... Aber sie waren so isoliert, sie standen
unter lauter fühllosem Porzellan, Teetassen und Kaf-
feekannen und chinesischen Pagoden, die mechanisch 
mit dem Kopfe nickten, als wüßten sie, wovon die 
Rede sei. Ach! unsere armen Vorgänger in Deutsch-
land mußten für jene Revolutionssympathie sehr arg 
büßen. Junker und Pfäffchen übten an ihnen ihre 
plumpsten und gemeinsten Tücken. Einige von ihnen 
flüchteten nach Paris und sind hier in Armut und 
Elend verkommen und verschollen. Ich habe jüngst 
einen blinden Landsmann gesehen, der noch seit jener
Zeit in Paris ist; ich sah ihn im Palais Royal, wo er 
sich ein bißchen an der Sonne gewärmt hatte. Es war 
schmerzlich anzusehen, wie er blaß und mager war 
und sich seinen Weg an den Häusern weiterfühlte. 
Man sagte mir, es sei der alte dänische Dichter Hei-
berg. Auch die Dachstube habe ich jüngst gesehen, 
wo der Bürger Georg Forster gestorben. Den Frei-
heitsfreunden, die in Deutschland blieben, wäre es 
aber noch weit schlimmer ergangen, wenn nicht bald 
Napoleon und seine Franzosen uns besiegt hätten. 
Napoleon hat gewiß nie geahnt, daß er selber der Ret-
ter der Ideologie gewesen. Ohne ihn wären unsere 
Philosophen mitsamt ihren Ideen durch Galgen und 
Rad ausgerottet worden. Die deutschen Freiheits-
freunde jedoch, zu republikanisch gesinnt, um dem 
Napoleon zu huldigen, auch zu großmütig, um sich 
der Fremdherrschaft anzuschließen, hüllten sich seit-
dem in ein tiefes Schweigen. Sie gingen traurig herum
mit gebrochenen Herzen, mit geschlossenen Lippen. 
Als Napoleon fiel, da lächelten sie, aber wehmütig, 
und schwiegen; sie nahmen fast gar keinen Teil an 
dem patriotischen Enthusiasmus, der damals, mit al-
lerhöchster Bewilligung, in Deutschland emporjubel-
te. Sie wußten, was sie wußten, und schwiegen. Da 
diese Republikaner eine sehr keusche, einfache Le-
bensart führen, so werden sie gewöhnlich sehr alt, 
und als die Juliusrevolution ausbrach, waren noch 
viele von ihnen am Leben, und nicht wenig wunderten
wir uns, als die alten Käuze, die wir sonst immer so 
gebeugt und fast blödsinnig schweigend umherwan-
deln gesehen, jetzt plötzlich das Haupt erhoben und 
uns Jungen freundlich entgegenlachten und die Hände
drückten und lustige Geschichten erzählten. Einen 
von ihnen hörte ich sogar singen; denn im Kaffeehau-
se sang er uns die Marseiller Hymne vor, und wir 
lernten da die Melodie und die schönen Worte, und es
dauerte nicht lange, so sangen wir sie besser als der 
Alte selbst, denn der hat manchmal in der besten Stro-
phe wie ein Narr gelacht oder geweint wie ein Kind. 
Es ist immer gut, wenn so alte Leute leben bleiben, 
um den Jungen die Lieder zu lehren. Wir Jungen wer-
den sie nicht vergessen, und einige von uns werden 
sie einst jenen Enkeln einstudieren, die jetzt noch 
nicht geboren sind. Viele von uns werden aber unter-
dessen verfault sein, daheim im Gefängnisse oder auf 
einer Dachstube in der Fremde. ---«
Obige Stelle, aus meinem Buche »De l'Allemagne«
(sie fehlt in der deutschen Ausgabe), schrieb ich vor 
etwa sechs Jahren, und indem ich sie heute wieder 
überlese, lagern sich über meine Seele, wie feuchte 
Schatten, alle jene trostlosen Betrübnisse, wovon 
mich damals nur die ersten Ahnungen anwehten. Es 
rieselt mir wie Eiswasser durch die glühendsten Emp-
findungen, und mein Leben ist nur ein schmerzliches 
Erstarren. O kalte Winterhölle, worin wir zähneklap-
pernd leben!... O Tod, weißer Schneemann im unend-
lichen Nebel, was nickst du so verhöhnend!...
Glücklich sind die, welche in den Kerkern der Hei-
mat ruhig hinmodern... denn diese Kerker sind eine 
Heimat mit eisernen Stangen, und deutsche Luft weht 
hindurch, und der Schlüsselmeister, wenn er nicht 
ganz stumm ist, spricht er die deutsche Sprache!... Es 
sind heute über sechs Monde, daß kein deutscher Laut
an mein Ohr klang, und alles, was ich dichte und 
trachte, kleidet sich mühsam in ausländische Redens-
arten... Ihr habt vielleicht einen Begriff vom leibli-
chen Exil, jedoch vom geistigen Exil kann nur ein 
deutscher Dichter sich eine Vorstellung machen, der 
sich gezwungen sähe, den ganzen Tag französisch zu 
sprechen, zu schreiben und sogar des Nachts am Her-
zen der Geliebten französisch zu seufzen! Auch meine
Gedanken sind exiliert, exiliert in eine fremde Spra-
che.
Glücklich sind die, welche in der Fremde nur mit 
der Armut zu kämpfen haben, mit Hunger und Kälte, 
lauter natürlichen Übeln... Durch die Luken ihrer 
Dachstuben lacht ihnen der Himmel und alle seine 
Sterne... Oh, goldenes Elend mit weißen Glacéhand-
schuhen, wie bist du unendlich qualsamer!... Das ver-
zweifelnde Haupt muß sich frisieren lassen, wo nicht 
gar parfümieren, und die zürnenden Lippen, welche 
Himmel und Erde verfluchen möchten, müssen lä-
cheln und immer lächeln...
Glücklich sind die, welche, über das große Leid, 
am Ende ihr letztes bißchen Verstand verloren und ein
sicheres Unterkommen gefunden in Charenton oder in
Bicêtre, wie der arme F., wie der arme B., wie der 
arme L. und so manche andere, die ich weniger kann-
te... Die Zelle ihres Wahnsinns dünkt ihnen eine ge-
liebte Heimat, und in der Zwangsjacke dünken sie 
sich Sieger über allen Despotismus, dünken sie sich 
stolze Bürger eines freien Staates... Aber das alles 
hätten sie zu Hause ebensogut haben können!
Nur der Übergang von der Vernunft zur Tollheit ist
ein verdrießlicher Moment und gräßlich... Mich 
schaudert, wenn ich daran denke, wie der F. zum 
letzten Male zu mir kam, um ernsthaft mit mir zu ver-
handeln, daß man auch die Mondmenschen und die 
entferntesten Sternenbewohner in den großen Völker-
bund aufnehmen müsse. Aber wie soll man ihnen un-
sere Vorschläge ankündigen? Das war die große 
Frage. Ein anderer Patriot hatte in ähnlicher Absicht 
eine Art kolossaler Spiegel erdacht, womit man Pro-
klamationen mit Riesenbuchstaben in der Luft abspie-
gelt, so daß die ganze Menschheit sie auf einmal lesen
könnte, ohne daß Zensor und Polizei es zu verhindern
vermöchten... Welches staatsgefährliche Projekt!
Und doch geschieht dessen keine Erwähnung in 
dem Bundestagsberichte über die revolutionäre Pro-
paganda!
Am glücklichsten sind wohl die Toten, die im 
Grabe liegen, auf dem Père-Lachaise, wie du, armer 
Börne!
Ja, glücklich sind diejenigen, welche in den Ker-
kern der Heimat, glücklich die, welche in den Dach-
stuben des körperlichen Elends, glücklich die Ver-
rückten im Tollhaus, am glücklichsten die Toten! 
Was mich betrifft, den Schreiber dieser Blätter, ich 
glaube mich am Ende gar nicht so sehr beklagen zu 
dürfen, da ich des Glückes aller dieser Leute gewis-
sermaßen teilhaft werde, durch jene wunderliche 
Empfänglichkeit, jene unwillkürliche Mitempfindung,
jene Gemütskrankheit, die wir bei den Poeten finden 
und mit keinem rechten Namen zu bezeichnen wissen.
Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachend da-
hinwandle durch die funkelnden Gassen Babylons, 
glaubt mir's! sobald der Abend herabsinkt, erklingen 
die melancholischen Harfen in meinem Herzen, und 
gar des Nachts erschmettern darin alle Pauken und 
Zimbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik 
der Weltqual, und es steigt empor der entsetzlich gel-
lende Mummenschanz...
O welche Träume! Träume des Kerkers, des 
Elends, des Wahnsinns, des Todes! Ein schrillendes 
Gemisch von Unsinn und Weisheit, eine bunte vergif-
tete Suppe, die nach Sauerkraut schmeckt und nach 
Orangenblüten riecht! Welch ein grauenhaftes Gefühl,
wenn die nächtlichen Träume das Treiben des Tages 
verhöhnen und aus den flammenden Mohnblumen die 
ironischen Larven hervorgucken und Rübchen scha-
ben und die stolzen Lorbeerbäume sich in graue Di-
steln verwandeln und die Nachtigallen ein Spottge-
lächter erheben...
Gewöhnlich, in meinen Träumen, sitze ich auf 
einem Eckstein der Rue Laffitte an einem feuchten 
Herbstabend, wenn der Mond auf das schmutzige 
Boulevardpflaster herabstrahlt mit langen Streiflich-
tern, so daß der Kot vergoldet scheint, wo nicht gar 
mit blitzenden Diamanten übersät... Die vorüberge-
henden Menschen sind ebenfalls nur glänzender Kot: 
Stockjobbers, Spieler, wohlfeile Skribenten, Falsch-
münzer des Gedankens, noch wohlfeilere Dirnen, die 
freilich nur mit dem Leibe zu lügen brauchen, satte 
Faulbäuche, die im Café de Paris gefüttert worden 
und jetzt nach der Académie de musique hinstürzen, 
nach der Kathedrale des Lasters, wo Fanny Elßler 
tanzt und lächelt... Dazwischen rasseln auch die Ka-
rossen und springen die Lakaien, die bunt wie Tulpen
und gemein wie ihre gnädige Herrschaft... Und wenn 
ich nicht irre, in einer jener frechen goldnen Kutschen 
sitzt der ehemalige Zigarrenhändler Aguado, und 
seine stampfenden Rosse bespritzen von oben bis 
unten meine rosaroten Trikotkleider... Ja, zu meiner 
eigenen Verwunderung bin ich ganz in rosaroten Tri-
kot gekleidet, in ein sogenanntes fleischfarbiges Ge-
wand, da die vorgerückte Jahrzeit und auch das Klima
keine völlige Nacktheit erlaubt wie in Griechenland, 
bei den Thermopylen, wo der König Leonidas mit sei-
nen dreihundert Spartanern, am Vorabend der 
Schlacht, ganz nackt tanzte, ganz nackt, das Haupt 
mit Blumen bekränzt... Eben wie Leonidas auf dem 
Gemälde von David bin ich kostümiert, wenn ich in 
meinen Träumen auf dem Eckstein sitze, an der Rue 
Laffitte, wo der verdammte Kutscher von Aguado mir
meine Trikothosen bespritzt... Der Lump, er bespritzt 
mir sogar den Blumenkranz, den schönen Blumen-
kranz, den ich auf meinem Haupte trage, der aber, 
unter uns gesagt, schon ziemlich trocken und nicht 
mehr duftet... Ach! es waren frische, freudige Blumen,
als ich mich einst damit schmückte, in der Meinung, 
den anderen Morgen ginge es zur Schlacht, zum heili-
gen Todessieg für das Vaterland - - - Das ist nun 
lange her, mürrisch und müßig sitze ich an der Rue 
Laffitte und harre des Kampfes, und unterdessen wel-
ken die Blumen auf meinem Haupte, und auch meine 
Haare färben sich weiß, und mein Herz erkrankt mir 
in der Brust... Heiliger Gott! was wird einem die Zeit 
so lange bei solchem tatlosen Harren, und am Ende 
stirbt mir noch der Mut... Ich sehe, wie die Leute vor-
beigehen, mich mitleidig anschauen und einander zu-
flüstern: »Der arme Narr!«
Wie die Nachtträume meine Tagesgedanken ver-
höhnen, so geschieht es auch zuweilen, daß die Ge-
danken des Tages über die unsinnigen Nachtträume 
sich lustig machen, und mit Recht, denn ich handle im
Traume oft wie ein wahrer Dummkopf. Jüngst träum-
te mir, ich machte eine große Reise durch ganz Euro-
pa, nur daß ich mich dabei keines Wagens mit Pfer-
den, sondern eines gar prächtigen Schiffes bediente. 
Das ging gut, wenn ein Fluß oder ein See sich auf 
meinem Wege befand. Solches war aber der seltenere 
Fall, und gewöhnlich mußte ich über festes Land, was
für mich sehr unbequem, da ich alsdann mein Schiff 
über weite Ebenen, Waldstege, Moorgründe und 
sogar über sehr hohe Berge fortschleppen mußte, bis 
ich wieder an einen Fluß oder See kam, wo ich ge-
mächlich segeln konnte. Gewöhnlich aber, wie gesagt,
mußte ich mein Fahrzeug selber fortschleppen, was 
mir sehr viel Zeitverlust und nicht geringe Anstren-
gung kostete, so daß ich am Ende vor Überdruß und 
Müdigkeit erwachte. Nun aber, des Morgens, beim 
ruhigen Kaffee, machte ich die richtige Bemerkung, 
daß ich weit schneller und bequemer gereist wäre, 
wenn ich gar kein Schiff besessen hätte und wie ein 
gewöhnlicher armer Teufel immer zu Fuß gegangen 
wäre.
Am Ende kommt es auf eins heraus, wie wir die 
große Reise gemacht haben, ob zu Fuß oder zu Pferd 
oder zu Schiff... Wir gelangen am Ende alle in diesel-
be Herberge, in dieselbe schlechte Schenke, wo man 
die Türe mit einer Schaufel aufmacht, wo die Stube so
eng, so kalt, so dunkel, wo man aber gut schläft, fast 
gar zu gut...
Ob wir einst auferstehen? Sonderbar! meine Tages-
gedanken verneinen diese Frage, und aus reinem Wi-
derspruchsgeiste wird sie von meinen Nachtträumen 
bejaht. So z.B. träumte mir unlängst: ich sei in der er-
sten Morgenfrühe nach dem Kirchhof gegangen, und 
dort, zu meiner höchsten Verwunderung, sah ich, wie 
bei jedem Grabe ein Paar blankgewichster Stiefel 
stand, ungefähr wie in den Wirtshäusern vor den 
Stuben der Reisenden... Das war ein wunderlicher 
Anblick, es herrschte eine sanfte Stille auf dem gan-
zen Kirchhof, die müden Erdenpilger schliefen, Grab 
neben Grab, und die blankgewichsten Stiefel, die dort
in langen Reihen standen, glänzten im frischen Mor-
genlicht, so hoffnungsreich, so verheißungsvoll, wie 
ein sonnenklarer Beweis der Auferstehung.
Ich vermag den Ort nicht genau zu bezeichnen, wo 
auf dem Père-Lachaise sich Börnes Grab befindet. Ich
bemerke dieses ausdrücklich. Denn während er lebte, 
ward ich nicht selten von reisenden Deutschen be-
sucht, die mich frugen, wo Börne wohne, und jetzt 
werde ich sehr oft mit der Anfrage behelligt, wo 
Börne begraben läge. Soviel man mir sagt, liegt er 
unten auf der rechten Seite des Kirchhofs, unter lauter
Generälen aus der Kaiserzeit und Schauspielerinnen 
des Théâtre Français... unter toten Adlern und toten 
Papageien.
In der »Zeitung für die elegante Welt« las ich 
jüngst, daß das Kreuz auf dem Grabe Börnes vom 
Sturme niedergebrochen worden. Ein jüngerer Poet 
besang diesen Umstand in einem schönen Gedichte, 
wie denn überhaupt Börne, der im Leben so oft mit 
den faulsten Äpfeln der Prosa beschmissen worden, 
jetzt nach seinem Tode mit den wohlduftigsten Versen
beräuchert wird. Das Volk steinigt gern seine Prophe-
ten, um ihre Reliquien desto inbrünstiger zu verehren;
die Hunde, die uns heute anbellen, morgen küssen sie 
gläubig unsere Knochen! --
Wie ich bereits gesagt habe, ich liefere hier weder 
eine Apologie noch eine Kritik des Mannes, womit 
sich diese Blätter beschäftigen. Ich zeichne nur sein 
Bild, mit genauer Angabe des Ortes und der Zeit, wo 
er mir saß. Zugleich verhehle ich nicht, welche günsti-
ge oder ungünstige Stimmung mich während der Sit-
zung beherrschte. Ich liefere dadurch den besten Maß-
stab für den Glauben, den meine Angaben verdienen.
Ist aber einerseits dieses beständige Konstatieren 
meiner Persönlichkeit das geeignetste Mittel, ein 
Selbsturteil des Lesers zu fördern, so glaube ich ande-
rerseits zu einem Hervorstellen meiner eigenen Person
in diesem Buche besonders verpflichtet zu sein, da, 
durch einen Zusammenfluß der heterogensten Um-
stände, sowohl die Feinde wie die Freunde Börnes nie
aufhörten, bei jeder Besprechung desselben über mein
eigenes Tichten und Trachten mehr oder minder wohl-
wollend oder böswillig zu räsonieren. Die aristokrati-
sche Partei in Deutschland, wohl wissend, daß ihr die 
Mäßigung meiner Rede weit gefährlicher sei als die 
Berserkerwut Börnes, suchte mich gern als einen 
gleichgesinnten Kumpan desselben zu verschreien, 
um mir eine gewisse Solidarität seiner politischen 
Tollheiten aufzubürden. Die radikale Partei, weit ent-
fernt, diese Kriegslist zu enthüllen, unterstützte sie 
vielmehr, um mich in den Augen der Menge als ehren 
Genossen erscheinen zu lassen und dadurch die Auto-
rität meines Namens auszubeuten. Gegen solche Ma-
chinationen öffentlich aufzutreten war unmöglich; ich 
hätte nur den Verdacht auf mich geladen, als desavou-
ierte ich Börne, um die Gunst seiner Feinde zu gewin-
nen. Unter diesen Umständen tat mir Börne wirklich 
einen Gefallen, als er nicht bloß in kurz hingeworfe-
nen Worten, sondern auch in erweiterten Auseinan-
dersetzungen mich öffentlich angriff und über die 
Meinungsdifferenz, die zwischen uns herrschte, das 
Publikum selber aufklärte. Das tat er namentlich im 
sechsten Bande seiner »Pariser Briefe« und in zwei 
Artikeln, die er in der französischen Zeitschrift »Le 
Réformateur« abdrucken ließ. Diese Artikel worauf 
ich, wie bereits erwähnt worden, nie antwortete, 
gaben wieder Gelegenheit, bei jeder Besprechung 
Börnes auch von mir zu reden, jetzt freilich in einem 
ganz anderen Tone wie früher. Die Aristokraten über-
häuften mich mit den perfidesten Lobsprüchen, sie 
priesen mich fast zugrunde: ich wurde plötzlich wie-
der ein großer Dichter, nachdem ich ja eingesehen 
hätte, daß ich meine politische Rolle, den lächerlichen
Radikalismus, nicht weiterspielen könne. Die Radika-
len hingegen fingen nun an, öffentlich gegen mich los-
zuziehen - privatim taten sie es zu jeder Zeit -, sie 
ließen kein gutes Haar an mir, sie sprachen mir allen 
Charakter ab und ließen nur noch den Dichter gelten. 
- Ja, ich bekam sozusagen meinen politischen Ab-
schied und wurde gleichsam in Ruhestand nach dem 
Parnassus versetzt. Wer die erwähnten zwei Parteien 
kennt, wird die Großmut, womit sie mir den Titel 
eines Poeten ließen, leicht würdigen. Die einen sehen 
in einem Dichter nichts anderes als einen träumeri-
schen Höfling müßiger Ideale. Die anderen sehen in 
dem Dichter gar nichts; in ihrer nüchternen Hohlheit 
findet Poesie auch nicht den dürftigsten Widerklang.
Was ein Dichter eigentlich ist, wollen wir dahinge-
stellt sein lassen. Doch können wir nicht umhin, über 
die Begriffe, die man mit dem Worte »Charakter« ver-
bindet, unsere unmaßgebliche Meinung auszuspre-
chen.
Was versteht man unter dem Wort »Charakter«?
Charakter hat derjenige, der in den bestimmten 
Kreisen einer bestimmten Lebensanschauung lebt und
waltet, sich gleichsam mit derselben identifiziert und 
nie in Widerspruch gerät mit seinem Denken und 
Fühlen. Bei ganz ausgezeichneten, über ihr Zeitalter 
hinausragenden Geistern kann daher die Menge nie 
wissen, ob sie Charakter haben oder nicht, denn die 
große Menge hat nicht Weitblick genug, um die Krei-
se zu überschauen, innerhalb derselben sich jene 
hohen Geister bewegen. Ja, indem die Menge nicht 
die Grenzen des Wollens und Dürfens jener hohen 
Geister kennt, kann es ihr leicht begegnen, in den 
Handlungen derselben weder Befugnis noch Notwen-
digkeit zu sehen, und die geistig Blöd- und Kurzsich-
tigen klagen dann über Willkür, Inkonsequenz, Cha-
rakterlosigkeit. Minder begabte Menschen, deren 
oberflächlichere und engere Lebensanschauung leich-
ter ergründet und überschaut wird und die gleichsam 
ihr Lebensprogramm in populärer Sprache ein für al-
lemal auf öffentlichem Markte proklamiert haben, 
diese kann das verehrungswürdige Publikum immer 
im Zusammenhang begreifen, es besitzt einen Maß-
stab für jede ihrer Handlungen, es freut sieh dabei 
über seine eigene Intelligenz, wie bei einer aufgelö-
sten Scharade, und jubelt: »Seht, das ist ein Charak-
ter!«
Es ist immer ein Zeichen von Borniertheit, wenn 
man von der bornierten Menge leicht begriffen und 
ausdrücklich als Charakter gefeiert wird. Bei Schrift-
stellern ist dies noch bedenklicher, da ihre Taten ei-
gentlich in Worten bestehen, und was das Publikum 
als Charakter in ihren Schriften verehrt, ist am Ende 
nichts anders als knechtische Hingebung an den Mo-
ment, als Mangel an Bildnerruhe, an Kunst.
Der Grundsatz, daß man den Charakter eines 
Schriftstellers aus seiner Schreibweise erkenne, ist 
nicht unbedingt richtig; er ist bloß anwendbar bei 
jener Masse von Autoren, denen beim Schreiben nur 
die augenblickliche Inspiration die Feder führt und 
die mehr dem Worte gehorchen als befehlen. Bei Arti-
sten ist jener Grundsatz unzuläßlich, denn diese sind 
Meister des Wortes, handhaben es zu jedem beliebi-
gen Zwecke, prägen es nach Willkür, schreiben ob-
jektiv, und ihr Charakter verrät sich nicht in ihrem 
Stil.
Ob Börne ein Charakter ist, während andere nur 
Dichter sind, diese unfruchtbare Frage können wir nur
mit dem mitleidigsten Achselzucken beantworten.
»Nur Dichter« - wir werden unsere Gegner nie so 
bitter tadeln, daß wir sie in eine und dieselbe Katego-
rie setzen mit Dante, Milton, Cervantes, Camões, 
Philipp Sidney, Friedrich Schiller, Wolfgang Goethe, 
welche nur Dichter waren... Unter uns gesagt, diese 
Dichter, sogar der letztere, zeigten manchmal Charak-
ter!
»Sie haben Augen und sehen nicht, sie haben 
Ohren und hören nicht, sie haben sogar Nasen und 
riechen nichts.« - Diese Worte lassen sich sehr gut 
anwenden auf die plumpe Menge, die nie begreifen 
wird, daß ohne innere Einheit keine geistige Größe 
möglich ist und daß, was eigentlich Charakter ge-
nannt werden muß, zu den unerläßlichsten Attributen 
des Dichters gehört.
Die Distinktion zwischen Charakter und Dichter ist
übrigens zunächst von Börne selbst ausgegangen, und
er hatte selber schon allen jenen schnöden Folgerun-
gen vorgearbeitet, die seine Anhänger später gegen 
den Schreiber dieser Blätter abhaspelten. In den »Pa-
riser Briefen« und den erwähnten Artikeln des 
»Réformateurs« wird bereits von meinem charakterlo-
sen Poetentum und meiner poetischen Charakterlosig-
keit hinlänglich gezüngelt, und es winden und krüm-
men sich dort die giftigsten Insinuationen. Nicht mit 
bestimmten Worten, aber mit allerlei Winken werde 
ich hier der zweideutigsten Gesinnungen, wo nicht gar
der gänzlichen Gesinnungslosigkeit, verdächtigt! Ich 
werde in derselben Weise nicht bloß des Indifferentis-
mus, sondern auch des Widerspruchs mit mir selber 
bezüchtigt. Es lassen sich hier sogar einige Zischlaute
vernehmen, die - können die Toten im Grabe errö-
ten? -, ja, ich kann dem Verstorbenen diese Beschä-
mung nicht ersparen: er hat sogar auf Bestechlichkeit 
hingedeutet...
Schöne, süße Ruhe, die ich in diesem Augenblick 
in tiefster Seele empfinde! Du belohnst mich hinrei-
chend für alles, was ich getan, und für alles, was ich 
verschmäht... Ich werde mich weder gegen den Vor-
wurf der Indifferenz noch gegen den Verdacht der 
Feilheit verteidigen. Ich habe es vor Jahren, bei Leb-
zeiten der Insinuanten, meiner unwürdig gehalten; 
jetzt fordert Schweigen sogar der Anstand. Das gäbe 
ein grauenhaftes Schauspiel... Polemik zwischen dem 
Tod und dem Exil! - Du reichst mir aus dem Grabe 
die bittende Hand?.. Ohne Groll reiche ich dir die 
meinige... Sieh, wie schon ist sie und rein! Sie ward 
nie besudelt von dem Händedruck des Pöbels, eben-
sowenig wie vom schmutzigen Golde der Volksfein-
de... Im Grunde hast du mich ja nie beleidigt... In 
allen deinen Insinuationen ist auch für keinen Louis-
dor Wahrheit!
Die Stelle in Börnes »Pariser Briefen«, wo er am 
unumwundensten mich angriff, ist zugleich so charak-
teristisch zur Beurteilung des Mannes selbst, seines 
Stiles, seiner Leidenschaft und seiner Blindheit, daß 
ich nicht umhinkann, sie hier mitzuteilen. Trotz des 
bittersten Wollens war er nie imstande, mich zu ver-
letzen, und alles, was er hier sowie auch in den er-
wähnten Artikeln des »Réformateurs« zu meinem 
Nachteil vorbrachte, konnte ich mit einem Gleichmute
lesen, als wäre es nicht gegen mich gerichtet, sondern 
etwa gegen Nebukodonosor, König von Babylon, 
oder gegen den Kalifen Harun al Raschid oder gegen 
Friedrich den Großen, welcher die Pasquille auf seine 
Person, die an den Berliner Straßenecken etwas zu 
hoch hingen, viel niedriger anzuheften befahl, damit 
das Publikum sie besser lesen könne. Die erwähnte 
Stelle ist datiert von Paris, den 25. Februar 1833, und
lautet folgendermaßen:
»Soll ich über Heines ›Französische Zustände‹ ein 
vernünftiges Wort versuchen? Ich wage es nicht. Das 
fliegenartige Mißbehagen, das mir beim Lesen des 
Buches um den Kopf summte und sich bald auf diese,
bald auf jene Empfindung setzte, hat mich so ärger-
lich gestimmt, daß ich mich nicht verbürge - ich sage
nicht für die Richtigkeit meines Urteils, denn solche 
anmaßliche Bürgschaft übernehme ich nie -, sondern 
nicht einmal für die Aufrichtigkeit meines Urteils. 
Dabei bin ich aber besonnen genug geblieben, um zu 
vermuten, daß diese Verstimmung meine, nicht Hei-
nes Schuld ist. Wer so große Geheimnisse wie er be-
sitzt, als wie: in der dreihundertjährigen Unmensch-
lichkeit der österreichischen Politik eine erhabene 
Ausdauer zu finden und in dem Könige von Bayern 
einen der edelsten und geistreichsten Fürsten, die je 
einen Thron geziert; den König der Franzosen, als 
hätte er das kalte Fieber, an dem einen Tage für gut, 
an dem andern für schlecht, am dritten Tage wieder 
für gut, am vierten wieder für schlecht zu erklären; 
wer es kühn und großartig findet, daß die Herrn von 
Rothschild während der Cholera ruhig in Paris geblie-
ben, aber die unbezahlten Mühen der deutschen Pa-
trioten lächerlich findet; und wer bei aller dieser 
Weichmütigkeit sich selbst noch für einen gefesteten 
Mann hält - wer so große Geheimnisse besitzt, der 
mag noch größere haben, die das Rätselhafte seines 
Buches erklären; ich aber kenne sie nicht. Ich kann 
mich nicht bloß in das Denken und Fühlen jedes an-
dern, sondern auch in sein Blut und seine Nerven ver-
setzen, mich an die Quellen aller seiner Gesinnungen 
und Gefühle stellen und ihrem Laufe nachgehen mit 
unermüdlicher Geduld. Doch muß ich dabei mein ei-
genes Wesen nicht aufzuopfern haben, sondern nur zu
beseitigen auf eine Weile. Ich kann Nachsicht haben 
mit Kinderspielen, Nachsicht mit den Leidenschaften 
eines Jünglings. Wenn aber an einem Tage des blutig-
sten Kampfes ein Knabe, der auf dem Schlachtfelde 
nach Schmetterlingen jagt, mir zwischen die Beine 
kömmt, wenn an einem Tage der höchsten Not, wo 
wir heiß zu Gott beten, ein junger Geck uns zur Seite 
in der Kirche nichts sieht als die schönen Mädchen 
und mit ihnen liebäugelt und flüstert - so darf uns 
das, unbeschadet unserer Philosophie und Mensch-
lichkeit, wohl ärgerlich machen.
Heine ist ein Künstler, ein Dichter, und zur allge-
meinsten Anerkennung fehlt ihm nur noch seine eigne.
Weil er oft noch etwas anders sein will als ein Dich-
ter, verliert er sich oft. Wem, wie ihm, die Form das 
Höchste ist, dem muß sie auch das einzige bleiben; 
denn sobald er den Rand übersteigt, fließt er ins 
Schrankenlose hinab, und es trinkt ihn der Sand. Wer 
die Kunst als seine Gottheit verehrt und je nach Laune
auch manches Gebet an die Natur richtet, der frevelt 
gegen Kunst und Natur zugleich. Heine bettelt der 
Natur ihren Nektar und Blütenstaub ab und bauet mit 
bildendem Wachse der Kunst ihre Zellen, aber er bil-
det die Zelle nicht, daß sie den Honig bewahre, son-
dern sammelt den Honig, damit die Zelle auszufüllen. 
Darum rührt er auch nicht, wenn er weint; denn man 
weiß, daß er mit den Tränen nur seine Nelkenbeete 
begießt. Darum überzeugt er nicht, wenn er auch die 
Wahrheit spricht; denn man weiß, daß er an der 
Wahrheit nur das Schöne liebt. Aber die Wahrheit ist 
nicht immer schön, sie bleibt es nicht immer. Es dau-
ert lange, bis sie in Blüte kömmt, und sie muß verblü-
hen, ehe sie Früchte trägt. Heine würde die deutsche 
Freiheit anbeten, wenn sie in voller Blüte stände; da 
sie aber, wegen des rauhen Winters, mit Mist bedeckt 
ist, erkennt er sie nicht und verachtet sie. Mit welcher 
schönen Begeisterung hat er nicht von dem Kampfe 
der Republikaner in der St.-Mery-Kirche und von 
ihrem Heldentode gesprochen! Es war ein glücklicher 
Kampf, es war ihnen vergönnt, den schönen Trotz 
gegen die Tyrannei zu zeigen und den schönen Tod 
für die Freiheit zu sterben. Wäre der Kampf nicht 
schön gewesen, und dazu hätte es nur einer andern 
Örtlichkeit bedurft, wo man die Republikaner hätte 
zerstreuen und fangen können - hätte sich Heine über
sie lustig gemacht. Was Brutus getan, würde Heine 
verherrlichen, so schön er nur vermag; würde aber ein
Schneider den blutigen Dolch aus dem Herzen einer 
entehrten jungen Nähterin ziehen, die gar Bärbelchen 
hieße, und damit die dummträgen Bürger zu ihrer 
Selbstbefreiung stacheln - er lachte darüber. Man 
versetze Heine in das Ballhaus zu jener denkwürdigen
Stunde, wo Frankreich aus seinem tausendjährigen 
Schlafe erwachte und schwur, es wolle nicht mehr 
träumen - er wäre der tollheißeste Jakobiner, der wü-
tendste Feind der Aristokraten und ließe alle Edelleute
und Fürsten mit Wonne an einem Tage niedermetzeln.
Aber suche er aus der Rocktasche des feuerspeienden 
Mirabeau auf deutsche Studentenart eine Tabakspfeife
mit rotschwarzgoldner Quaste hervorragen - dann 
pfui, Freiheit! Und er ginge hin und machte schöne 
Verse auf Marie Antoinettens schöne Augen. Wenn er
in seinem Buche die heilige Würde des Absolutismus 
preist, so geschah es, außer daß es eine Redeübung 
war, die sich an dem Tollsten versuchte, nicht darum, 
weil er politisch reinen Herzens ist, wie er sagt; son-
dern er tat es, weil er atemreines Mundes bleiben 
möchte und er wohl an jenem Tage, als er das schrieb,
einen deutschen Liberalen Sauerkraut mit Bratwurst 
essen gesehen.
Wie kann man je dem glauben, der selbst nichts 
glaubt? Heine schämt sich so sehr, etwas zu glauben, 
daß er Gott den ›Herrn‹ mit lauter Initialbuchstaben 
drucken läßt, um anzuzeigen, daß es ein Kunstaus-
druck sei, den er nicht zu verantworten habe. Den 
verzärtelten Heine, bei seiner sybaritischen Natur, 
kann das Fallen eines Rosenblattes im Schlafe stören;
wie sollte er behaglich auf der Freiheit ruhen, die so 
knorrig ist? Er bleibe fern von ihr. Wen jede Uneben-
heit ermüdet, wen jeder Widerspruch verwirrt macht, 
der gehe nicht, denke nicht, lege sich in sein Bett und 
schließe die Augen. Wo gibt es denn eine Wahrheit, 
in der nicht etwas Lüge wäre? Wo eine Schönheit, die
nicht ihre Flecken hätte? Wo ein Erhabenes, dem 
nicht eine Lächerlichkeit zur Seite stünde? Die Natur 
dichtet selten und reimet niemals; wem ihre Prosa und
ihre Ungereimtheiten nicht behagen, der wende sich 
zur Poesie. Die Natur regiert republikanisch, sie läßt 
jedem Dinge seinen Willen, bis zur Reife der Misse-
tat, und straft dann erst. Wer schwache Nerven hat 
und Gefahren scheut, der diene der Kunst, der absolu-
ten, die jeden rauhen Gedanken ausstreicht, ehe er zur
Tat wird, und an jeder Tat feilt, bis sie zu schmächtig 
wird zur Missetat.
Heine hat in meinen Augen so großen Wert, daß es 
ihm nicht immer gelingen wird, sich zu überschätzen. 
Also nicht diese Selbstüberschätzung mache ich ihm 
zum Vorwurfe, sondern daß er überhaupt die Wirk-
samkeit einzelner Menschen überschätzt, ob er es 
zwar in seinem eigenen Buche so klar und schön dar-
getan, daß heute die Individuen nichts mehr gelten, 
daß selbst Voltaire und Rousseau von keiner 
Bedeutung wären, weil jetzt die Chöre handelten und 
die Personen sprächen. Was sind wir denn, wenn wir 
viel sind? Nichts als die Herolde des Volks. Wenn 
wir verkündigen, und mit lauter vernehmlicher Stim-
me, was uns, jedem von seiner Partei, aufgetragen, 
werden wir gelobt und belohnt; wenn wir unvernehm-
lich sprechen oder gar verräterisch eine falsche Bot-
schaft bringen, werden wir getadelt und gezüchtigt. 
Das vergißt eben Heine, und weil er glaubt, er wie 
mancher andere auch könnte eine Partei zugrunde 
richten oder ihr aufhelfen, hält er sich für wichtig; 
sieht umher, wem er gefalle, wem nicht; träumt von 
Freunden und Feinden, und weil er nicht weiß, wo er 
geht und wohin er will, weiß er weder, wo seine 
Freunde, noch, wo seine Feinde stehen, sucht sie bald 
hier, bald dort und weiß sie weder hier noch dort zu 
finden. Uns andern miserablen Menschen hat die 
Natur zum Glücke nur einen Rücken gegeben, so daß 
wir die Schläge des Schicksals nur von einer Seite 
fürchten; der arme Heine aber hat zwei Rücken, er 
fürchtet die Schläge der Aristokraten und die Schläge 
der Demokraten, und um beiden auszuweichen, muß 
er zugleich vorwärts und rückwärts gehen.
Um den Demokraten zu gefallen, sagt Heine, die 
jesuitisch-aristokratische Partei in Deutschland ver-
leumde und verfolge ihn, weil er dem Absolutismus 
kühn die Stirne biete. Dann, um den Aristokraten zu 
gefallen, sagt er, er habe dem Jakobinismus kühn die 
Stirne geboten; er sei ein guter Royalist und werde 
ewig monarchisch gesinnt bleiben; in einem Pariser 
Putzladen, wo er vorigen Sommer bekannt war, sei er 
unter den acht Putzmachermädchen mit ihren acht 
Liebhabern - alle sechzehn von höchst gefährlicher 
republikanischer Gesinnung - der einzige Royalist 
gewesen, und darum stünden ihm die Demokraten 
nach dem Leben. Ganz wörtlich sagt er: ›Ich bin, bei 
Gott! kein Republikaner, ich weiß, wenn die Republi-
kaner siegen, so schneiden sie mir die Kehle ab.‹ Fer-
ner: ›Wenn die Insurrektion vom 5. Juni nicht schei-
terte, wäre es ihnen leicht gelungen, mir den Tod zu 
bereiten, den sie mir zugedacht: ich verzeihe ihnen 
gerne diese Narrheit.‹ Ich nicht. Republikaner, die 
solche Narren wären, daß sie Heine glaubten aus dem 
Wege räumen zu müssen, um ihr Ziel zu erreichen, 
die gehörten in das Tollhaus.
Auf diese Weise glaubt Heine bald dem Absolutis-
mus, bald dem Jakobinismus kühn die Stirne zu bie-
ten. Wie man aber einem Feinde die Stirne bieten 
kann, indem man sich von ihm abwendet, das begreife
ich nicht. Jetzt wird, zur Wiedervergeltung, der Jako-
binismus durch eine gleiche Wendung auch Heine 
kühn die Stirne bieten. Dann sind sie quitt, und so 
hart sie auch aufeinanderstoßen mögen, können sie 
sich nie sehr weh tun. Diese weiche Art, Krieg zu 
fahren, ist sehr löblich, und an einem blasenden He-
rolde, die Heldentaten zu verkündigen, kann es keiner
der kämpfenden Stirnen in diesem Falle fehlen.
Gab es je einen Menschen, den die Natur bestimmt 
hat, ein ehrlicher Mann zu sein, so ist es Heine, und 
auf diesem Wege könnte er sein Glück machen. Er 
kann keine fünf Minuten, keine zwanzig Zeilen heu-
cheln, keinen Tag, keinen halben Bogen lügen. Wenn 
es eine Krone gälte, er kann kein Lächeln, keinen 
Spott, keinen Witz unterdrücken; und wenn er, sein 
eigenes Wesen verkennend, doch lügt, doch heuchelt, 
ernsthaft scheint, wo er lachen, demütig, wo er spot-
ten möchte, so merkt es jeder gleich, und er hat von 
solcher Verstellung nur den Vorwurf, nicht den Ge-
winn. Er gefällt sich, den Jesuiten des Liberalismus 
zu spielen. Ich habe es schon einmal gesagt, daß die-
ses Spiel der guten Sache nützen kann; aber weil es 
eine einträgliche Rolle ist, darf sie kein ehrlicher 
Mann selbst übernehmen, sondern muß sie andern 
überlassen. So, seiner bessern Natur zum Spott, findet
Heine seine Freude daran, zu diplomatisieren und 
seine Zähne zum Gefängnisgitter seiner Gedanken zu 
machen, hinter welchem sie jeder ganz deutlich sieht 
und dabei lacht. Denn zu verbergen, daß er etwas zu 
verbergen habe, so weit bringt er es in der Verstellung
nie. Wenn ihn der Graf Moltke in einen Federkrieg 
über den Adel zu verwickeln sucht, bittet er ihn, es zu
unterlassen; ›denn es schien mir gerade damals be-
denklich, in meiner gewöhnlichen Weise ein Thema 
öffentlich zu erörtern, das die Tagesleidenschaften so 
furchtbar ansprechen müßte‹. Diese Tagesleidenschaft
gegen den Adel, die schon fünfzigmal dreihundert-
fünfundsechzig Tage dauert, könnte weder Herr von 
Moltke noch Heine noch sonst einer noch furchtbarer 
machen, als sie schon ist. Um von etwas warm zu 
sprechen, soll man also warten, bis die Leidenschaft, 
der er Nahrung geben kann, gedämpft ist, um sie dann
von neuem zu entzünden? Das ist freilich die Weis-
heit der Diplomaten. Heine glaubt etwas zu wissen, 
das Lafayette gegen die Beschuldigung der Teilnahme
an der Juni-Insurrektion verteidigen kann; aber ›eine 
leicht begreifliche Diskretion‹ hält ihn ab, sich deut-
lich auszusprechen. Wenn Heine auf diesem Wege 
Minister wird, dann will ich verdammt sein, sein ge-
heimer Sekretär zu werden und ihn von Morgen bis 
Abend anzusehen, ohne zu lachen.«
Ich machte herzlich gern auch die erwähnten zwei 
Artikel des »Réformateur« hier mitteilen, aber drei 
Schwierigkeiten halten mich davon ab; erstens wür-
den diese Artikel zuviel Raum einnehmen, zweitens, 
da sie auf französisch geschrieben, müßte ich sie sel-
ber übersetzen, und drittens, obgleich ich schon in 
zehn Cabinets de lecture nachgefragt, habe ich nir-
gends mehr ein Exemplar des bereits eingegangenen 
»Réformateur« auftreiben können. Doch der Inhalt 
dieser Artikel ist mir noch hinlänglich bekannt: sie 
enthielten die maliziösesten Insinuationen über Ab-
trünnigkeit und Inkonsequenz, allerlei Anschuldigung
von Sinnlichkeit, auch wird darin der Katholizismus 
gegen mich in Schutz genommen usw. - Von Vertei-
digung dagegen kann hier nicht die Rede sein; diese 
Schrift, welche weder eine Apologie noch eine Kritik 
des Verstorbenen sein soll, bezweckt auch keine Ju-
stifikation des Überlebenden. Genug, ich bin mir der 
Redlichkeit meines Willens und meiner Absichten be-
wußt, und werfe ich einen Blick auf meine Vergan-
genheit, so regt sich in mir ein fast freudiger Stolz 
über die gute Strecke Weges, die ich bereits zurück-
gelegt. Wird meine Zukunft von ähnlichen Fortschrit-
ten zeugen?
Aufrichtig gesagt, ich zweifle daran. Ich fühle eine 
sonderbare Müdigkeit des Geistes; wenn er auch in 
der letzten Zeit nicht viel geschaffen, so war er doch 
immer auf den Beinen. Ob das, was ich überhaupt 
schuf in diesem Leben, gut oder schlecht war, darüber
wollen wir nicht streiten. Genug, es war groß; ich 
merkte es an der schmerzlichen Erweiterung der 
Seele, voraus diese Schöpfungen hervorgingen... und 
ich merke es auch an der Kleinheit der Zwerge, die 
davorstehen und schwindlicht hinaufblinzeln... Ihr 
Blick reicht nicht bis zur Spitze, und sie stoßen sich 
nur die Nasen an dem Piedestal jener Monumente, die
ich in der Literatur Europas aufgepflanzt habe, zum 
ewigen Ruhme des deutschen Geistes. Sind diese Mo-
numente ganz makellos, sind sie ganz ohne Fehl und 
Sünde? Wahrlich, ich will auch hierüber nichts Be-
stimmtes behaupten. Aber was die kleinen Leute 
daran auszusetzen wissen, zeugt nur von ihrer eigenen
putzigen Beschränktheit. Sie erinnern mich an die 
kleinen Pariser Badauds, die bei der Aufrichtung des 
Obelisk auf der Place Louis XVI über den Wert oder 
die Nützlichkeit dieses großen Sonnenzeigers ihre re-
spektiven Ansichten austauschten. Bei dieser Gele-
genheit kamen die ergötzlichsten Philistermeinungen 
zum Vorschein. Da war ein schwindsüchtig dünner 
Schneider, welcher behauptete, der rote Stein sei nicht
hart genug, um dem nordischen Klima lange zu wi-
derstehen, und das Schneewasser werde ihn bald zer-
bröckeln und der Wind ihn niederstürzen. Der Kerl 
hieß Petit Jean und machte sehr schlechte Röcke, 
wovon kein Fetzen auf die Nachwelt kommen wird, 
und er selbst liegt schon verscharrt auf dem Père-
Lachaise. Der rote Stein aber steht noch immer fest 
auf der Place Louis XVI und wird noch Jahrhunderte 
dort stehenbleiben, trotzend allem Schneewasser, 
Wind und Schneidergeschwätz!
Das Spaßhafteste bei der Aufrichtung des Obelis-
ken war folgendes Ereignis:
Auf der Stelle, wo der große Stein gelegen, ehe 
man ihn aufrichtete, fand man einige kleine Skorpio-
nen, wahrscheinlich entsprungen aus etwelchen Skor-
pioneneiern, die in der Emballage des Obelisken aus 
Ägypten mitgebracht und hier zu Paris von der Son-
nenhitze ausgebrütet wurden. Über diese Skorpionen 
erhuben nun die Badauds ein wahres Zetergeschrei, 
und sie verfluchten den großen Stein, dem Frankreich 
jetzt die giftigen Skorpionen verdanke, eine neue 
Landplage, woran noch Kinder und Kindeskinder lei-
den würden... Und sie legten die kleinen Ungetüme in 
eine Schachtel und brachten sie zum Commissaire de 
Police des Madeleineviertels, wo gleich procès verbal 
darüber aufgenommen wurde... und Eile tat not, da 
die armen Tierchen einige Stunden nachher starben...
Auch bei der Aufrichtung großer Geistesobelisken 
können allerlei Skorpionen zum Vorschein kommen, 
kleinliche Gifttierchen, die vielleicht ebenfalls aus 
Ägypten stammen und bald sterben und vergessen 
werden, während das große Monument erhaben und 
unzerstörbar stehenbleibt, bewundert von den späte-
sten Enkeln. --
Es ist doch eine sonderbare Sache mit dem Obelis-
ken des Luxor, welchen die Franzosen aus dem alten 
Mizraim herübergeholt und als Zierat aufgestellt 
haben, inmitten jenes grauenhaften Platzes, wo sie mit
der Vergangenheit den entsetzlichen Bruch gefeiert, 
am 21. des Januar 1793. Leichtsinnig wie sie sind, 
die Franzosen, haben sie hier vielleicht einen Denk-
stein aufgepflanzt, der den Fluch ausspricht über 
jeden, welcher Hand legt an das heilige Haupt Pha-
raos!
Wer enträtselt diese Stimme der Vorzeit, diese ur-
alten Hieroglyphen? Sie enthalten vielleicht keinen 
Fluch, sondern ein Rezept für die Wunde unserer 
Zeit! O wer lesen könnte! Wer sie ausspräche, die 
heilenden Worte, die hier eingegraben... Es steht hier 
vielleicht geschrieben, wo die verborgene Quelle rie-
selt, woraus die Menschheit trinken muß, um geheilt 
zu werden, wo das geheime Wasser des Lebens, 
wovon uns die Amme in den alten Kindermärchen so-
viel erzählt hat und wonach wir jetzt schmachten als 
kranke Greise. - Wo fließt das Wasser des Lebens? 
Wir suchen und suchen...
Ach, es wird noch eine gute Weile dauern, ehe wir 
das große Heilmittel ausfündig machen; bis dahin 
muß noch eine lange schmerzliche Zeit dahingesiecht 
werden, und allerlei Quacksalber werden auftreten, 
mit Hausmittelchen, welche das Übel nur verschlim-
mern. Da kommen zunächst die Radikalen und ver-
schreiben eine Radikalkur, die am Ende doch nur äu-
ßerlich wirkt, höchstens den gesellschaftlichen Grind 
vertreibt, aber nicht die innere Fäulnis. Gelänge es 
ihnen auch, die leidende Menschheit auf eine kurze 
Zeit von ihren wildesten Qualen zu befreien, so ge-
schähe es doch nur auf Kosten der letzten Spuren von 
Schönheit, die dem Patienten bis jetzt geblieben sind; 
häßlich wie ein geheilter Philister wird er aufstehen 
von seinem Krankenlager, und in der häßlichen Spi-
taltracht, in dem aschgrauen Gleichheitskostüm, wird 
er sich all sein Lebtag herumschleppen müssen. Alle 
überlieferte Heiterkeit, alle Süße, aller Blumenduft, 
alle Poesie wird aus dem Leben herausgepumpt wer-
den, und es wird davon nichts übrigbleiben als die 
Rumfordsche Suppe der Nützlichkeit. - Für die 
Schönheit und das Genie wird sich kein Platz finden 
in dem Gemeinwesen unserer neuen Puritaner, und 
beide werden fletriert und unterdrückt werden, noch 
weit betrübsamer als unter dem älteren Regimente. 
Denn Schönheit und Genie sind ja auch eine Art Kö-
nigtum, und sie passen nicht in eine Gesellschaft, wo 
jeder, im Mißgefühl der eigenen Mittelmäßigkeit, alle
höhere Begabnis herabzuwürdigen sucht, bis aufs ba-
nale Niveau.
Die Könige gehen fort, und mit ihnen gehen die 
letzten Dichter. »Der Dichter soll mit dem König 
gehen«, diese Worte dürften jetzt einer ganz anderen 
Deutung anheimfallen. Ohne Autoritätsglauben kann 
auch kein großer Dichter emporkommen. Sobald sein 
Privatleben von dem unbarmherzigsten Lichte der 
Presse beleuchtet wird und die Tageskritik an seinen 
Worten würmelt und nagt, kann auch das Lied des 
Dichters nicht mehr den nötigen Respekt finden. 
Wenn Dante durch die Straßen von Verona ging, 
zeigte das Volk auf ihn mit Fingern und flüsterte: 
»Der war in der Hölle!« Hätte er sie sonst mit allen 
ihren Qualen so treu schildern können? Wie weit tie-
fer, bei solchem ehrfurchtsvollen Glauben, wirkte die 
Erzählung der Francesca von Rimini, des Ugolino 
und aller jener Qualgestalten, die dem Geiste des gro-
ßen Dichters entquollen...
Nein, sie sind nicht bloß seinem Geiste entquollen, 
er hat sie nicht gedichtet, er hat sie gelebt, er hat sie 
gefühlt, er hat sie gesehen, betastet, er war wirklich in
der Hölle, er war in der Stadt der Verdammten... er 
war im Exil! ---
Die öde Werkeltagsgesinnung der modernen Puri-
taner verbreitet sich schon über ganz Europa, wie eine
graue Dämmerung, die einer starren Winterzeit vor-
ausgeht... Was bedeuten die armen Nachtigallen, die 
plötzlich schmerzlicher, aber auch süßer als je ihr me-
lodisches Schluchzen erheben im deutschen Dichter-
wald? Sie singen ein wehmütiges Ade! Die letzten 
Nymphen, die das Christentum verschont hat, sie 
flüchten ins wildeste Dickicht. In welchem traurigen 
Zustand habe ich sie dort erblickt, jüngste Nacht!...
Als ob die Bitternisse der Wirklichkeit nicht hinrei-
chend kummervoll wären, quälen mich noch die 
bösen Nachtgesichte... In greller Bilderschrift zeigt 
mir der Traum das große Leid, das ich mir gern ver-
hehlen möchte und das ich kaum auszusprechen wage 
in den nüchternen Begriffslauten des hellen Tages ---
Jüngste Nacht träumte mir von einem großen wü-
sten Walde und einer verdrießlichen Herbstnacht. In 
dem großen wüsten Walde zwischen den himmelho-
hen Bäumen kamen zuweilen lichte Plätze zum Vor-
schein, die aber von einem gespenstisch weißen Nebel
gefüllt waren. Hie und da, aus dem dicken Nebel, 
grüßte ein stilles Waldfeuer. Auf eines derselben hin-
zuschreitend, bemerkte ich allerlei dunkle Schatten, 
die sich rings um die Flammen bewegten; doch erst in
der unmittelbarsten Nähe konnte ich die schlanken 
Gestalten und ihre melancholisch holden Gesichter 
genau erkennen. Es waren schöne, nackte Frauenbil-
der, gleich den Nymphen, die wir auf den lüsternen 
Gemälden des Giulio Romano sehen und die, in üppi-
ger Jugendblüte, unter sommergrünem Laubdach, sich
anmutig lagern und erlustigen... Ach! kein so heiteres 
Schauspiel bot sich hier meinem Anblick! Die Weiber
meines Traumes, obgleich noch immer geschmückt 
mit dem Liebreiz ewiger Jugend, trugen dennoch eine 
geheime Zerstörnis an Leib und Wesen; die Glieder 
waren noch immer bezaubernd durch süßes Ebenmaß,
aber etwas abgemagert und wie überfröstelt von kal-
tem Elend, und gar in den Gesichtern, trotz des 
lächelnden Leichtsinns, zuckten die Spuren eines ab-
grundtiefen Grams. Auch statt auf schwelenden Ra-
senbänken, wie die Nymphen des Giulio, kauerten sie 
auf dem harten Boden, unter halbentlaubten Eichen-
bäumen, wo, statt der verliebten Sonnenlichter, die 
quirlenden Dünste der feuchten Herbstnacht auf sie 
herabsinterten... Manchmal erhob sich eine dieser 
Schönen, ergriff aus dem Reisig einen lodernden 
Brand, schwang ihn über ihr Haupt, gleich einem 
Thyrsus, und versuchte eine jener unmöglichen Tanz-
posituren, die wir auf etruskischen Vasen gesehen... 
aber traurig lächelnd, wie bezwungen von Müdigkeit 
und Nachtkälte, sank sie wieder zurück ans knisternde
Feuer. Besonders eine unter diesen Frauen bewegte 
mein ganzes Herz mit einem fast wollüstigen Mitleid. 
Es war eine hohe Gestalt, aber noch weit mehr als die 
anderen abgemagert an Armen, Beinen, Busen und 
Wangen, was jedoch, statt abstoßend, vielmehr zau-
berhaft anziehend wirkte. Ich weiß nicht, wie es kam, 
aber ehe ich mich dessen versah, saß ich neben ihr am
Feuer, beschäftigt, ihre frostzitternden Hände und 
Füße an meinen brennenden Lippen zu wärmen; auch 
spielte ich mit ihren schwarzen, feuchten Haarflech-
ten, die über das griechisch gradnäsige Gesicht und 
den rührend kalten, griechisch kargen Busen herab-
hingen... Ja, ihr Haupthaar war von einer fast strah-
lenden Schwärze, so wie auch ihre Augenbraunen, die
üppig schwarz zusammenflossen, was ihrem Blick 
einen sonderbaren Ausdruck von schmachtender 
Wildheit erteilte. »Wie alt bist du, unglückliches 
Kind«, sprach ich zu ihr. »Frag mich nicht nach mei-
nem Alter« - antwortete sie mit einem halb wehmü-
tig, halb frevelhaften Lachen -, »wenn ich mich auch 
um ein Jahrtausend jünger machte, so blieb ich doch 
noch ziemlich bejahrt! Aber es wird jetzt immer käl-
ter, und mich schläfert, und wenn du mir dein Knie 
zum Kopfkissen borgen willst, so wirst du deine ge-
horsame Dienerin sehr verpflichten...«
Während sie nun auf meinen Knien lag und 
schlummerte und manchmal, wie eine Sterbende, im 
Schlafe röchelte, flüsterten ihre Gefährtinnen allerlei 
Gespräche, wovon ich nur sehr wenig verstand, da sie
das Griechische ganz anders aussprachen, als ich es in
der Schule und später auch beim alten Wolf gelernt 
hatte... Nur soviel begriff ich, daß sie über die 
schlechte Zeit klagten und noch eine Verschlimme-
rung derselben befürchteten und sich vornahmen, 
noch tiefer waldeinwärts zu flüchten... Da plötzlich, 
in der Ferne, erhob sich ein Geschrei von rohen Pö-
belstimmen... Sie schrien, ich weiß nicht mehr, was... 
Dazwischen kicherte ein katholisches Mettenglöck-
chen... Und meine schönen Waldfrauen wurden sicht-
bar noch blasser und magerer, bis sie endlich ganz in 
Nebel zerflossen und ich selber gähnend erwachte.

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