Heinrich Heine
und der »wunderbare Prozeß der Weltergänzung«

Eine Nachlese zum 200. Geburtstag von Sybille Fuchs
© gleichheit, Nr. 1/98, 20. Dezember 1997

Wir danken der Autorin für die Genehmigung,
diesen Aufsatz auf unseren Seiten spiegeln zu dürfen.
Das Original befindet sich hier.

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Der 13. Dezember 1797 gilt als Geburtstag Heinrich Heines.4 1997 wurde daher der 200. Geburtstag Heinrich Heines auf vielfältigste Weise gefeiert. Eine große Heine-Ausstellung, die vom 11. Mai bis zum 20. Juli in Düsseldorf zu sehen war, ging an schließend nach Paris, wo Heine von 1831 bis 1856 lebte und schließlich in seiner »Matratzengruft« gestorben ist. Der umfangreiche Katalog dazu mit seinen Bildern und wissenschaftlichen Aufsätzen bringt uns Heine auf vielfältige Weise nahe.5

Ende Mai fand in Düsseldorf ein einwöchiger Kongreß statt, dessen wissenschaftliche Beiträge ein repräsentatives Bild der gegenwärtigen Heine-Forschung lieferten. Die Zahl der Veranstaltungen, Lesungen, Inszenierungen etc. war groß und ging weit über ihr Zentrum Düsseldorf, Heines Geburtsort und Sitz des Heinrich-Heine-Instituts, hinaus. Selbst in kleinsten Orten in Deutschland, aber auch im Ausland wurden aus diesem Anlaß Lyrik und Prosa Heines rezitiert. Allein fünf neue Biographien sind 1997 erschienen. Tageszeitungen und Wochenmagazine fühlten sich, berufen sich zu Heine zu äußern. Auch im modernsten Medium, dem Internet, häufen sich die Heine-Seiten. Zahlreiche Rundfunk- und Fernsehsendungen, ja selbst Talkshows griffen die Heine-Begeisterung auf.

Es ist zu hoffen, daß die vielfältigen Ehrungen Heines auch dazu geführt haben, daß möglichst viele Menschen unserer Zeit dazu angeregt wurden, Heines Verse und Prosa zu lesen. Dem Direktor des Heine-Instituts, Joseph A. Kruse, ist zuzustimmen, wenn er im Katalog zur Heine-Ausstellung schreibt: »Gegen den Verlust von unseres Erachtens lebensnotwendigen Lesegewohnheiten hilft nur die offensive Werbung für Dichtung, ihre Erfinder und Leser. Insofern ist jede Heine-Ehrung eine stellvertretende Würdigung wie Verteidigung der Poesie überhaupt, ein Eintreten für die kulturelle Qualität unseres Alltags und eine Gewissenserforschung mit Blick auf Sinn und Unsinn unserer Existenz.«6

Das Heine-Jahr hat mit seinen bunten und vielfältigen Veranstaltungen zweifellos einen wichtigen Anstoß gegeben, Heine zu lesen, ihn sich anzueignen und erneut seinen und unseren politischen und kulturellen Standort zu bestimmen, denn seine Verse, aber auch seine provokative Prosa sind so lebendig wie zu seiner Zeit.

Was aber ist es, das diesen Autor, der Zeit seines Lebens in Deutschland mehr verboten als erlaubt war, aber es dennoch zu Weltruhm brachte, heute so anziehend macht? Ist es der rebellische Geist, den sein ganzes Werk atmet, der uns heute so nötig wäre? Sind es die Widersprüche seines Lebens und seiner Zeit, die bis heute ungelöst sind? Ist es die Schönheit seiner Verse, seiner geschliffenen Prosa, die uns weit über alle aktuellen Bezüge hinaus heute besonders anspricht, weil diese Art des Umgangs mit der Sprache so selten geworden ist?

Zwei neue Heine-Biographien

Die Antwort ist sicher nicht einfach. Suchen wir sie zunächst in zwei Heine- Biographien, die in diesem Jahr erschienen sind, von Fritz J. Raddatz und Jochanan Trilse-Finkelstein.7

Die beiden Biographien vermitteln ein recht unterschiedliches Heine-Bild. Die Autoren zitieren gelegentlich dieselben Texte, Briefe und Zeugnisse, aber sie kommen oft zu entgegengesetzten Einschätzungen und Schlußfolgerungen.

Raddatz gibt vor, Ziel seiner Biographie sei es, den Dichter Heine ins Zentrum zu stellen und der Poesie zu ihrem Recht zu verhelfen. »Ein Schöpfer steht außerhalb der Ordnung« überschreibt er sein erstes Kapitel. »Nichts stimmt – alles ist wahr, Heinrich Heine ist sein eigenes Sonnensystem«, lautet der erste Satz.8 Raddatz geht es darum, die »Kunstfigur« Heine aufzuspüren und sichtbar zu machen, aber im Verlauf der Lektüre kommen erhebliche Zweifel auf, ob ihm das gelungen ist.

Er beginnt sein Buch mit langen Erörterungen darüber, warum Heine dieses oder jenes Datum seiner Lebensgeschichte, darunter das seines Geburtsjahres, nicht korrekt angegeben hat. Er kommt zu dem Schluß, daß es für Heine zwei Elemente des Handelns gegeben habe: Auf der einen Seite habe Heine als politisches Wesen, als ein Sohn der Französischen Revolution gehandelt, der es Napoleon dankte, daß dieser den Code Civil nach Deutschland brachte und die Emanzipation der Juden weitgehend durchsetzte, auf der anderen Seite als Dichter, als Träumer, der sich seine Welt schaffte, als »bindungsloses Subjekt«.9

Der Gesetzgeber des Individuums Heinrich Heine heißt Heinrich Heine, und dem verdankt er die Kunstfreiheit, mit der er sein Leben besingt. Nur wenn es schön ist, ist es wahr; es muß nicht stimmen, es muß nicht gerecht sein – anderen gegenüber schon gar nicht.10

Was Raddatz hier als Freiheit der Kunst behauptet, widerspricht meines Erachtens vollkommen dem Heineschen Begriff davon. Weder Lüge noch Verunglimpfung anderer war Heines dichterische Absicht. In seiner Kunst ging es ihm nicht nur um Schönheit, sondern gerade auch um Wahrheit, um historische Wahrheit, auch wenn er nicht buchstabengetreu und trocken die Zeitereignisse nacherzählte, sondern sie in poetische Bilder und Metaphern kleidete oder sie durch das Mittel der Ironie oder Satire verfremdete. Genauso wahr sind die Gefühle, denen er in seinen Liebesgedichten Form und Ausdruck gibt, auch wenn es »die« Geliebte, von der er gerade spricht, vielleicht nie gegeben hat. Raddatz folgt in seinem Buch Heines Lebenslauf, indem er immer aufs neue versucht, die historisch bezeugten Ereignisse in dessen Leben seinen Äußerungen als Autor entgegenzusetzen. Er bezichtigt ihn schlicht der Unwahrheit.

Der Ansatz, den Künstler Heine ins Zentrum einer Biographie zu stellen, wäre natürlich legitim, denn was Heine uns hinterlassen hat und was uns bis heute an ihm fasziniert, sind seine Werke. Raddatz tut aber alles andere, als den Dichter Heine aufzuspüren und ihn den heutigen Lesern nahezubringen. Weite Passagen des Buches lesen sich vielmehr wie eine skandalöse Enthüllungsgeschichte der Yellow Press.

Seine wirkliche Intention verrät sich zum Beispiel, wenn er die Emanzipationsversuche des Juden Heine durch Anpassung und ein gewisses Maß an Assimilation zum Beispiel mit Michael Jacksons Bemühungen, ein »weißer Neger« zu werden, vergleicht und diesen Martin Luther King entgegensetzt. Seitenweise rechnet er vor, wie wohlhabend und verschwenderisch Heine trotz all seiner Bettelbriefe an den reichen Onkel eigentlich war. Großen Raum nimmt bei Raddatz auch die Erpressung der reichen Verwandtschaft durch die (nach Raddatz) nie geschriebenen Memoiren ein. Ein weiteres Indiz, das die moralische Verurteilung Heines rechtfertigen soll. All dies hat wenig damit zu tun, den Dichter Heine und den Grund seiner Kunst auszuloten.

»Heines Welt ist eine ästhetische Konstruktion«

»Heines Welt ist eine ästhetische Konstruktion«11 heißt es bei Raddatz. Wenn man darunter die »Welt« versteht, die der Dichter in seinen Werken geschaffen hat, ist dies sicher richtig, aber was soll dann der Vorwurf der »Lüge«? Was sollen die seitenweisen Aufrechnungen aller Einkünfte und Pensionen beweisen, die Heine angeblich zu einem wohlhabenden Bourgeois machten, der seiner Lebensgefährtin und späteren Frau Mathilde luxoriöse Kleider, Hüte und die kostspieligen Vergnügungen der europäischen Metropole Paris finanzieren konnte?

Zweifellos ist das »Ich« im Buch der Lieder, in den Reisebildern, ja, selbst in seinen journalistischen Arbeiten nicht die historische Person Heine, aber ist er deshalb ein »Lügner von Geblüt«,12 wie Raddatz meint? Oder wie es an anderer Stelle heißt: »Heinrich Heine lügt nicht. Heinrich Heine ist Lüge.«13

Wenn Heine sich eine Kunstfigur, den Autor der Reisebilder oder den Dichter des Buchs der Lieder oder den Beobachter des Pariser Lebens in seinen Korrespondentenberichten für die Augsburger Allgemeine Zeitung schafft, die nicht identisch ist mit seinem historischen »Ich«, dann lügt er nicht, sondern sucht eine künstlerische Form, in der er die Wahrheit so ausdrücken kann, wie er sie empfindet und dem Publikum mitteilen möchte.

Diese Kunstfigur des »Autors« ist genau so ein ästhetisches Gebilde, wie z. B. die fiktive Madame, an die er seine Geständnisse richtet. Dennoch kann man sicher nicht behaupten, fiktiver Leser und fiktiver Autor hätten nichts mit der Realität, dem wirklichen Heine oder seinem wirklichen Publikum zu tun. Sie entstammen genauso der realen Welt und ihren Konflikten wie die historischen Personen und Umstände, die er aufs Korn nimmt oder gegen die er rebelliert oder die Frauenbilder, die er anbetet. Aber Heine hat sich vehement dagegen gewehrt, die dichterische Wahrheit der politischen unterzuordnen.

Wie steht es eigentlich mit der Wahrheit bei Heinrich Heine? Das ist eine sehr komplexe Frage, denn schon früh hat sich dieser Autor die Narrenkappe aufgesetzt. Sie ist für ihn nicht nur die Maskerade, unter der er seinen Lesern bittere Wahrheiten über Zeit und Gesellschaft sagen und gegen Unterdrückung rebellieren kann. Das Narrengewand ist für ihn gleichzeitig eine Ritterrüstung, mit der er die verletzbare und früh verletzte Seele schützt.

Dieses Bild des Narren zeichnet Heine selbst im Schlußwort zum vierten Teil seiner Reisebilder in der Person des Kunz von der Rosen und seines Dialogs mit dem gefangenen Karl V., dem er Trost und Rat bringt, ihm zur Freiheit verhilft, indem er »so wütend ernsthaft den Kopf« schüttelte, »daß die närrischen Schellen abfielen von der Mütze; sie ist aber darum nicht schlechter geworden.« Auf die Frage des Kaisers, wie er die Treue des Narren belohnen könne, antwortet dieser »Ach, lieber Herr, laßt mich nicht umbringen.«14

Dieses Schlußwort beginnt Heine mit den Worten: »Es war eine niedergedrückte, arretierte Zeit in Deutschland« und daß ihm Gerüchte zu Ohren gekommen seien, der zweite Band der Reisebilder solle, kaum gedruckt, schon wieder verboten werden. Er beschwört dann den Freiheitsmut der Franzosen von 1830, »der von dort herüberwehte nach Deutschland«, aber nur dazu führte, daß sich eine »noch dichtere Kerkermauer um das deutsche Volk« wölbte.15

Der Dichter präsentiert sich dann als Kunz von der Rosen für das Deutsche Volk »dessen eigentliches Amt die Kurzweil« sein sollte, der ihm aber gern die Freiheit bringen möchte. Aber wenn ihm dies nicht gelänge, so wolle er es »wenigstens trösten, und du sollst jemanden um dir haben, der mit dir schwatzt über die bedränglichste Labsal und dir Mut einspricht und dich liebhat und dessen bester Spaß und bestes Blut zu deinen Diensten steht.«16

Dieses Verhältnis von Kunst und Leben, das Heine in der Figur des Narren andeutet, versucht Raddatz auf den Kopf zu stellen: »Kunst ist das Höchste, das Leben nur eine minder organisierte Vorform; je kunstvoller – gelegentlich auch je künstlicher – desto wertvoller. Kunst ist Religion«.17 Aber gerade für Heine war die Kunst alles andere als Religion. Sie war für ihn niemals »Opium«. Im Gegenteil, sie war zugleich Zeichen seiner Verwundung und seine Waffe. Er schuf sich und seinem Publikum eine neue, eine Kunst-Welt gegen die, die ihn verletzte und zurückstieß. Für die Kunst der Romantiker gebraucht Heine das Bild von der »verletzten Auster«, deren Arbeit die Perle hervorbringt, dieses Bild läßt sich durchaus auch auf Heine und seine Kunst beziehen.

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Anmerkungen

1. Heinrich Heine: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Karl Kaufmann, München 1964, Band. V, S. 254. (Im Folgenden zitiert als SW)

2. Heine an Karl Gutzkow, 23. 08.1838 (Zitiert bei Trilse-Finkelstein, S. 200)

3. Heine: Reisebilder. Vierter Teil, SW, Bd. VI, S. 133

4. Dokumente, die dies belegen würden, gibt es allerdings nicht. Die Heine-Forschung hat sich darauf »geeinigt«, das Jahr 1797 als das Geburtsjahr Heinrich Heines anzusehen. Die Gründe dafür sind einleuchtend und sollen hier nicht länger hinterfragt werden, auch wenn nichts dagegen spricht, es bei der Unklarheit zu lassen, die Heine selbst über seinen Geburtstag und sein Geburtsjahr zu verbreiten beliebte. - zurück zum Text

5. »Ich Narr des Glücks«, Heinrich Heine 1797-1856. Bilder einer Ausstellung. Stuttgart, 1997 - zurück zum Text

6. Joseph A. Kruse: 200 Jahre Heinrich Heine: Wirkung, Ruhm, Kontroversen, in Ich Narr des Glücks, S. 4 - zurück zum Text

7. Fritz J. Raddatz: Taubenherz und Geierschnabel. Heinrich Heine. Eine Biographie, Weinheim, 1997 und Jochanan Trilse-Finkelstein: Gelebter Widerspruch. Heinrich Heine Biographie. – Berlin, Aufbau-Verlag, 1997 - zurück zum Text

8. Raddatz, a. a. O. S. 7 - zurück zum Text

9. ebd., S. 68 - zurück zum Text

10. ebd., S. 10f - zurück zum Text

11. ebd. S. 217 - zurück zum Text

12. ebd. S. 109 - zurück zum Text

13. ebd. S. 181- zurück zum Text

14. Heine: SW, Bd. VI, S. 134 - zurück zum Text

15. ebd. S. 132 - zurück zum Text

16. ebd. S. 133 - zurück zum Text

17. Raddatz, a. a. O., S. 67 - zurück zum Text


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